Mein digitaler Alltag Fahrzeugpanne

Irgendwann in der Zukunft, kurz nach Bill G.s Ableben durch einen Ausnahmefehler seines Herzschrittmachers, bleibe ich auf dem Weg zur Arbeit liegen. Wie gut, dass mein Auto den Rest regelt.

Von Rainer Korfin


Früher musste man Bahn fahren, um auf dem Weg zur Arbeit entspannt Zeitung lesen zu können. Es gab einige Taxifahrer, die konnten entspannt Zeitung lesen und trotzdem noch unfallfrei fahren. Mir ist das nie gelungen, und so fuhr ich Bahn, wenn ich Zeitung lesen wollte. Zum Glück ist das jetzt alles anders! Mein Arbeitsplatz ist zwar weiter entfernt, und ich muss noch immer jeden Tag zur Arbeit. Aber ich könnte auf dem Weg zur Arbeit Zeitung lesen, obwohl ich mit dem Auto fahre.

[M] DPA
Könnte, wenn es noch Zeitungen geben würde. Erwin zwei, die freundliche sonore Stimme aus dem Bordcomputer im Auto, informiert mich auf Wunsch. Interessante Bilder und Filme werden an die Windschutzscheibe holografiert. So werde ich papierlos informiert, aber mit den leicht bekleideten jungen Schönheiten, die mir jeden Morgen kess aus der Zeitung entgegen blickten, ist es nun auch vorbei. Man kann eben nicht alles haben.

Erwin zwei ist inzwischen so etwas Ähnliches wie ein Freund geworden. Er antwortet auf Rückfragen und liefert Hintergrundberichte. Meinen Wissensnotstand in Sachen Aktien und Computerbetriebssystemen begegnet er mit einem schier unendlichen Repertoire an Wissen und Geduld. Fast schon liebevoll erklärt er mir nach meiner siebten Nachfrage, wie es mit Computerbetriebssystemen anfing:

"Nein, du bist nicht blöd. Gemessen an deiner Sozialisation ist dein Wissensstand nahezu normal. Du hörst die Geschichte der Betriebssysteme, hier in der am leichtesten verständlichen Form."

"Das erste, für die meisten Menschen brauchbare Betriebssystem hatte eine langsame und fehleranfällige grafische Oberfläche. Der Erfinder und Chef dieser Spielerei hieß Bill G. Er schied damals plötzlich und ziemlich unerwartet aus dem Leben, ein schwerer Ausnahmefehler in seinem Herzschrittmacher war die Ursache."

"Mit dem Tod des Visionärs starb dann auch das Betriebssystem, das ursprünglich als soziologische Untersuchung geplant war. Man wollte herausfinden, wie viele Programmfehler und Abstürze ein arbeitender Mensch maximal verkraftet und trotzdem weiterhin mit dem Computer arbeitet. Da sich das Betriebssystem besser vermarkten ließ als die soziologische Untersuchung, blieb die Untersuchung in der Schublade, und das Betriebssystem wurde ausgeliefert. Das Betriebssystem wurde zu einem sehr..."

"Wichtige Unterbrechung! Die Komponente XZ17 hat einen schweren Defekt gemeldet. Der Wagen wird auf dem Seitenstreifen geparkt. Das Servicemobil wurde verständigt. Ein Unterhaltungsfilm kann ausgewählt werden, um die Zeit zu überbrücken. Dein Arbeitgeber wurde verständigt."

So saß ich nun im Auto, schaute mir einen Film in 3D an, natürlich in bester Sound-Qualität, und hoffte auf eine baldige Ankunft des Servicemobiles.

Der Servicemann im traditionellen gelben Arbeitsanzug ließ nicht lange auf sich warten! Ich wurde freundlich begrüßt und übergab den Diagnoseausdruck des Bordcomputers. Sofort machte sich der Mann in Gelb an die Arbeit. Ich verfolgte weiter meinen spannenden Film und war nur erstaunt, wie schnell er mit der Reparatur fertig war. Er klopfte an die Seitenscheibe und verabschiedete sich mit den Worten: "Guter Mann, der Plattfuß vorne links ist behoben, sie können wieder weiterfahren! Gute Fahrt."

Erwin zwei meldete sich ebenfalls zu Wort: "Die Komponente XZ17 wurde ausgetauscht, ich fahre dich nun zur Arbeit. Ich werde nach meinen Berechnungen in vierundzwanzig Minuten und achtundvierzig Sekunden auf dem Firmenparkplatz den Motor abstellen. Dein Arbeitgeber wurde verständigt. Soll ich dir noch einen Kaffee kochen? Du siehst müde aus!"



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