Mein digitaler Alltag Stiller Verehrer

George reicht mir den Kamillentee. Ich beuge mich leicht nach vorne und atme den Kräuterdampf tief ein. "Ich liebe Dich", sagt eine Frauenstimme zärtlich hinter mir, aber ich drehe mich nicht um. Sie liebt nicht mich, sie spricht zu sich und Paul.

Von Tilo Wagner


Ich kenne Paul nicht, doch er muss ein toller Hecht sein, denn Zana - so heißt das hübsche Mädchen mit dem Kopfhörer in den schwarzen Naturlocken - ist ganz verrückt nach ihm. Fast täglich wählt sie ihn über einen Telefonanbieter im Internet an, und wenn sie ihn erreicht, dann werden ihre kastanienbraunen Augen noch größer und über ihre wohl geschwungenen Lippen fließen sanfte Worte durch die Ohrmuschel in das digitale Meer.

DPA
In diesem Moment schaue ich immer in den Spiegel, der hinter der Bar hängt, und beobachte, wie ihre Augenlider nach unter schlagen, und sie in vollkommener Abwesenheit das Kopfhörerkabel langsam um ihre schlanken Finger wickelt. Ich stelle mir vor, sie spräche zu mir, und wenn ich einen dieser Tage habe, an denen ich vor Sehnsucht fast zergehe, antworte ich kaum hörbar auf ihre immer gleichen Fragen: "Liebst du mich, vermisst du mich, was machst du ohne mich, wann kommst du endlich mich besuchen?"

Das Café ist fast leer, die Kellner sitzen selbst an den Computern, surfen oder chatten. Plötzlich vernehme ich ein leises Schluchzen. Ich blicke in den Spiegel und sehe wie dicke Tränen Zanas weiche Wangen hinunter kullern. Ihr Mund öffnet sich, aber anstatt der Worte stoßen nur wimmernde Laute aus ihrer Kehle auf.

Endlich, ein gedehntes "Paul" höre ich, und wieder "Paul, oh Paul". Sie atmet tief ein und bebend aus, dann findet sie ihre Kraft und Sprache wieder: "Das ist das Ende, weißt du das...ich liebe dich, aber...nein...unmöglich kann ich jetzt noch...warum Paul? Wie lange kennst du sie? Vier Monate...und du hast dich nicht getraut, mir das früher zu erzählen?"

In Zanas Augen blitzt nun die Wut auf. Ein anderes Beben, mehr ein Schütteln, überfällt sie, als wolle sie sich von einer Spinne befreien, die über ihren schmalen Rücken krabbelt.

Ihre Stimme überschlägt sich jetzt: "Du Lügner, du verlogener Dreckskerl, ich dachte, dir passiert das nicht. Das war's!" Sie donnert mit der Faust auf den wackligen Tisch, so dass ihr die Tastatur in den Schoß rutscht. "Aus und vorbei, bleib' wo du bist, ich will dich nie mehr wiedersehen, du Betrüger, Lügner, du Idiot, hast alles kaputt gemacht, scher' dich zum Teufel und schmor' in der Hölle," schreit sie zuletzt, bevor sie mit der Hand breitflächig auf die Maus schlägt. Sie reißt den Hörer vom Kopf, pfeffert ihn in die Ecke und vergräbt ihr feuerrotes Gesicht unter ihren Haaren.

Alle Blicke haften auf ihr. Erst nach einer schier endlosen Zeit drehen sich die Kellner und Gäste zurück zu ihren Bildschirmen. Bestürzt schaue ich in meine leere Teetasse. 'Es ist Schluss mit Paul', schießt es mir durch den Kopf. Regungslos sitze ich an der Bar, keinen klaren Gedanken kann ich fassen.

Insgeheim habe ich mir in schlaflosen Nächten diesen Moment herbeigesehnt. In meinen Träumen stand ich auf, lief zu ihr, streichelte ihr sanft die tränennassen Locken aus dem Gesicht und nahm sie schließlich zärtlich in den Arm: Der Beginn einer innigen Freundschaft und vielleicht mehr.

Doch, als hätte ein unsichtbarer Wicht mir die Beine um den Hocker gewickelt, so angewurzelt verharre ich und zeige Zana nur meine Schulter und den verträumten Blick im Spiegelbild. Über das Zifferblatt der silbernen Wanduhr, die zwischen zwei Regalbrettern zu meiner rechten hängt, schleicht der Sekundenzeiger.

George und seine Kollegen lachen gedämpft, ein Amerikaner brüllt geradezu in das Mikrofon, das unter seinem breiten Kinn baumelt, aber er ist zu weit weg, als dass sein breites Englisch mich stören könnte. Betäubt nehme ich wahr, wie Zana schluchzend ein paar Geldscheine aus ihrer Jeans zieht, sie auf den Tisch fallen lässt, ihre Tasche nimmt, durch die Glastür tritt und in den dunklen Straßen verschwindet.

Ich weiß, ich werde sie nie wiedersehen. Schluss hat sie gemacht mit Paul und mit den langen Telefongesprächen und auch mit mir, dem stillen Verehrer am Tresen des 'Web-Cafés Beirut'.



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