Menschenjagd im Internet Roger fast geschnappt

Seit Montag dieser Woche ist der RealityRunner Roger in Berlin unterwegs. Viele sind ihm auf den Fersen, aber offenbar nicht nah genug.

Von Barbara Mayerl


Roger ist gut drauf und anscheinend gerissener als sich die Jagdgemeinschaft wohl dachte

Roger ist gut drauf und anscheinend gerissener als sich die Jagdgemeinschaft wohl dachte

Roger muss täglich einen Beweis seines Könnens abliefern und dabei so sinnvolle Kunststücke vollführen wie Dollars in Mark zu wechseln oder auf einer öffentlichen Damentoilette die Füße seiner "Nebensitzerin" abzulichten.

Bislang - es ist ja erst der fünfte Tag - verfolgten tausende das Szenario via Internet. Dabei wurden sie aber immer wieder auf die Geduldsprobe gestellt, denn selbst bei einer Standleitungsverbindung dauerte der Seitenaufbau manchmal kleine Ewigkeiten. Das geschulte Voyeurs-Auge wird mit der Bildqualität der Webcams nicht gerade verwöhnt. Da greift man dazwischen schon mal gerne zum Telefonhörer, um sich über die 0190-Nummern die Live-Atmosphäre zu holen. In den vergangenen Tagen gingen im Callcenter rund 4000 Anrufe ein, die addieren sich bei einer Minutengebühr von 3,63 Mark zu ganz netten Sümmchen. Wenn man annimmt, dass jeder Anrufer zwei Minuten dran bleibt, macht das mehr als 29.000 Mark am Tag aus.

Erfinder und Regisseur Alexander Skora freut sich jedenfalls schon jetzt. Die Server hätten so starken Zulauf, dass es mitunter eben zu Verzögerungen komme, entschuldigt er die Situation. Seine Erwartungen seien bei weitem erfüllt, die täglichen Zugriffszahlen pendelten dieser Tage zwischen 500.000 und 800.000 Seitenaufrufen. Im so genannten "Hauptquartier" arbeitet ein Stab von 15 Leuten auf Hochtouren, um den Informationsfluss zwischen Gejagtem und Häschern am Laufen zu halten und die Seiten zu aktualisieren.

Der neue Sommersport

Das Spiel zieht mittlerweile weite Kreise, auch andere springen auf den Zug auf. Zwei Berliner Radiosender versorgen ihre Hörer mit RealityRun-Nachrichten. Von denen bekomme er zwar kein Geld und gefragt hätten sie auch nicht, erzählt Skora. Doch ein bisschen zusätzliche Öffentlichkeitsarbeit wird der Sache nicht abträglich sein. Sogar die "Berliner Morgenpost" hat ein eigenes Suchspiel gestartet und lässt einen Reporter durch die Straßen ziehen. Wer ihn erkennt - in der ganzen Stadt ist sein Konterfei plakatiert - bekommt Bargeld.

Heiß, ganz heiß

Ein Filmteam von SPIEGEL TV MAGAZIN wollte sich von der sommerlichen Jagdsaison ein Bild machen und traf in der Stadt wiederholt auf Abordnungen von Hobbyjägern. Darunter zwei Schulfreunde, die ihren Sommerferien mit dieser "Schnitzeljagd" Spannung verleihen. Unterstützt werden sie ab und an vom Vater eines der beiden, der sie via Handy mit frischen Informationen aus dem Internet versorgt. Hier kann man mehr über die aktuelle Befindlichkeit des Gejagten nachlesen, und die Berichterstattung im News-Ticker läuft manchmal zur intellektuellen Hochform auf: "Roger hat sich erleichtert" stand hier mal zu lesen.

Gejagter und Hobby-Jäger trafen sich vor dem Brandenburger Tor - doch leider ahnten sie nichts
DPA

Gejagter und Hobby-Jäger trafen sich vor dem Brandenburger Tor - doch leider ahnten sie nichts

So nahe waren sie dem Objekt der Begierde: Das SPIEGEL-TV-Team interviewte die beiden Jungs vor dem Brandenburger Tor und Roger stand zufällig in der Nähe - von allen Beteiligten unerkannt.

Auch im Internet haben sich Jagdgemeinschaften gebildet. Die "Teamhunter" beispielsweise sind ein Verbund von jungen Männern im Alter von 14 bis 30 Jahren, die sich in wechselnder Mannstärke an die Fersen von Roger heften. Fünf Leute sind in Berlin ständig on the Road und werden von zwei Schweizern mit den Ergebnissen intensiver Internet-Recherche versorgt. "Zwischen acht und zehn Leute sind ständig damit befasst. Wir machen das einfach aus Spaß an der Freude," erzählt einer der Jäger, der sich "Taikomo" nennt. Auf die Frage, was sie denn mit der Kopfgeldprämie machen würden, meinte er, es bleibe ohnehin nicht viel für jeden übrig. "Wahrscheinlich machen wir ein gemeinsames Fest," erzählt er. "Es geht uns nicht ums Geld." Doch auf die Frage von SPIEGEL ONLINE, ob sie weitere Informationen über ihre Recherchen geben würden, kommt eine Mail zurück, wie es denn mit Geld aussehe.

Jeder Tag zählt

Der Gejagte hält sich bislang blendend, und jeder Tag mehr, den er sich durchschlägt, bringt natürlich das Geld zurück in die Kassen der Extramile AG von Alexander Skora. Fragen, ob das Spiel nicht im Hintergrund koordiniert werde, weist Skora strikt zurück: "Das könnten wir uns gar nicht leisten." Für den Fall, dass Roger schon am ersten oder zweiten Tag entdeckt worden wäre, hätte man das Spiel mit einem Ersatzläufer fortgesetzt, damit die Weltpremiere nicht als "Schnellschuss" geendet hätte.

Trotzdem bleibt fraglich, wie lange die Hobby-Jäger ihre Freude an der virtuellen Schnitzeljagd haben werden. Die Spannungskurven werden nicht immer so konstant hoch sein. Die Reize der schnelllebigen Spaßgesellschaft müssen konstant stimuliert werden und der Break-even für die Betreiber muss rasch erreicht sein.

Alexander Skora macht sich darüber noch keine Sorgen und verweist auf die Lizenzverhandlungen mit Amerika. Dort soll das Spiel gar in fünf Städten gleichzeitig ablaufen. Sollte ein Runner gefangen werden, zappt man sich weiter in die nächste Stadt.

Im Forum machte sich am Freitag etwas Unmut breit, verschiedene Teilnehmer monierten, dass der Gejagte auch nach der vereinbarten Zeit sich noch in seinem "Nest" aufgehalten habe. An diese geheime Lokalität in Berlin muss der Runner täglich zurückkehren und sie spätestens bis Mitternacht wieder verlassen. Jetzt wird abgestimmt, ob er dafür disqualifiziert wird. Man darf gespannt sein auf das Ergebnis: Bringen sich die Jäger im Endeffekt selber um den Spaß?

TV-Beitrag im SPIEGEL TV MAGAZIN: Halali in der Hauptstadt - mit Menschenjägern im Internet unterwegs Sendetermin: Sonntag 20. August, 22.15 bis 23.05 Uhr, RTL



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