Messe-Wahnsinn Filmrollen im Haar

Die Konkurrenz ist hart, der Markt ist eng: Wenn Firmen auf Messen um Kundschaft buhlen, müssen sie sich was einfallen lassen. So manchem Hersteller ist dabei fast nichts zu peinlich. Ein etwas anderer Messerundgang am Beispiel der Photokina – hundert Prozent repräsentativ.

Von Johannes Eberhorn


Zeig her, was Du hast: Tanz um den glitzernden Hightech-Fetisch
Rupert Warren

Zeig her, was Du hast: Tanz um den glitzernden Hightech-Fetisch

Die Walzen des virtuellen Spielautomaten kommen langsam zum Stillstand. Kamera, Kamera und Pflaume - leider verloren. Schade, dabei ging es doch um ein T-Shirt von Sanyo. Die dralle Blondine, die das Spiel moderiert, hat ein Herz und gibt dem Kandidaten eine zweite Chance. Diesmal klappt es, das T-Shirt wechselt den Besitzer. Auch der nächste Kandidat gewinnt, genauso wie der übernächste. Hier geht keiner mit leeren Händen nach Hause, lautet die Botschaft, hier kann man gar nicht verlieren.

Man sollte meinen, dass das auch für die Fotobranche gilt. Für Fotografie und Zubehör rechnet der Bundesverband Technik des Einzelhandels für dieses Jahr mit einem Umsatz von zehn Milliarden Euro - 800 Millionen Euro mehr als 2003. Doch die Konkurrenz auf dem Fotografiemarkt ist groß, die Gewinne dementsprechend niedrig. Besonders die Hobbyknipser sind von den Herstellern heiß umkämpft. "Jede Elektronik-Firlefanz-Firma versucht Geld zu machen, solange der Markt noch nicht übersättigt ist", sagt ein Promoter am Olympus-Stand.

Haut, Designer-Fummel und wummernde Musik: Wer hinsieht, entdeckt vielleicht auch das Produkt
Rupert Warren

Haut, Designer-Fummel und wummernde Musik: Wer hinsieht, entdeckt vielleicht auch das Produkt

Der Verkäufer muss laut sprechen, denn nur wenige Meter entfernt unternimmt sein Arbeitgeber alles, um möglichst viele Messebesucher am letzten Photokina-Tag für seine Kameras zu interessieren. Eine große Menschenmenge hat sich vor der Olympus-Bühne gebildet, auf der vier leicht bekleidete Frauen zusammen mit zwei muskulösen Männern tanzen und singen.

Ihre Stimmen sind gut, die Musik geht in die Beine. "Wir haben die Darsteller in New York und Hamburg gecastet", sagt Oliver Wirtz, der Regisseur und Produzent der Show. Die Musik stammt von John Groves, der unter anderem schon für "Bacardi" und "Mentos" erfolgreiche Werbesongs geschrieben hat. Die knappen Kleider der Sängerinnen und Sänger sind Designermode aus New York. Zu viel Aufwand für eine Messe? Nein, sagt Wirtz, der schon öfter für Olympus gearbeitet hat: "Wenn wir hier eine Inszenierung machen, dann richtig."

Mit Speck fängt man Kunden

Dasselbe hat man sich wohl auch bei Pentax vorgenommen. Mit Jürgen Törkott, einem ehemaligen Moderator des Deutschen Sportfernsehens (DSF), steht dort ein erfahrener Medienprofi auf der Bühne. Am Ende der siebenminütigen Präsentation trägt Törkott ein T-Shirt mit verfremdetem Superman-Symbol und zeigt seine nicht vorhandenen Muskeln. Die Zuschauer lachen, genauso wie der Moderator, der dadurch seinem Auftritt ein wenig die Peinlichkeit nimmt.

Von Hewlett-Packard frisch auf den Tisch: Kusskuss-Plätzchen und gebratene Wachteleier
Johannes Eberhorn

Von Hewlett-Packard frisch auf den Tisch: Kusskuss-Plätzchen und gebratene Wachteleier

"Ich kann mich nur selbst verarschen", sagt Törkott später in der Pentax-Lounge, "sonst glaubt mir das Publikum doch kein Wort."

Sechsmal täglich hat er sein Programm auf der Photokina abgespult, selbst wenn kaum jemand zugesehen hat. "Dann muss man weitermachen, immer weiter", sagt der frühere DSF-Mann in Anlehnung an Bayern-Torwart Oliver Kahn. Mit seiner Rolle auf der Messe ist er zufrieden, zumal wenn er sieht, was an anderen Ständen geboten wird: "Das ist zum Teil ganz simpel und einfach zu plump."

Törkott meint Shows wie die von Samsung, wo drittklassige Models wahlweise im Bikini mit Leopardenmuster oder Minirock über die Bühne stolzieren. Begleitet wird die Präsentation von einer sich ständig wiederholenden Moderatorin, die dazu auch noch von einem Laptop abliest. Doch die billige Fleischbeschau funktioniert und das nicht nur bei Samsung. Menschen drängeln sich vor allen Ständen, an denen es entweder nackte Haut oder etwas zu gewinnen gibt.

"Event" ist Pflicht: HP hat da was auf der Pfanne

So erfreut sich etwa der SanDisc-Moderator größter Beliebtheit, als er wie einst Walter Freiwald in "Der Preis ist heiß" seine Speicherkarten feilbietet. "Wer will etwas gewinnen," ruft er, "wer kann mit den Armen wedeln?" Für eine Gratis-Speicherkarte können alle. Eine besonders enthusiastisch fuchtelnde Dame darf schließlich aus drei Umschlägen einen auswählen und - man glaubt es kaum - gewinnt. "Applaus, Applaus, Applaus", entfährt es dem Freiwald-Verschnitt. Wieder ein glücklicher Kunde. Mission erfüllt.

"Aufmerksamkeitsstark": Das Produkt ins Haar gewickelt
Johannes Eberhorn

"Aufmerksamkeitsstark": Das Produkt ins Haar gewickelt

Andere Hersteller gehen weder mit halbnackten Models noch mit Gewinnen auf Kundenfang. Auf der Konica-Minolta-Bühne können sich mutige Zuschauer frisieren lassen und haben nach zehn Minuten entweder Filmrollen oder eine gehörige Portion Silberspray im Haar.

Noch größere Rätsel gibt der Hewlett-Packard-Stand auf. Dort brutzeln und schnippeln zwei Köche vor den Augen verwirrter Messebesucher. Was haben Kusskuss-Plätzchen und gebratene Wachteleier mit Fotografie zu tun? Nichts natürlich, aber egal: Hauptsache die Leute wechseln nicht zur Konkurrenz. Überall dröhnt einem Musik entgegen, nur unterbrochen von den Litaneien der Moderatoren - die absolute Reizüberflutung. Dabei muss der akustisch geschädigte Besucher gar nicht weit gehen, um ein wenig Ruhe zu finden.

Ex-Promi Jürgen Törkott: "Ich kann mich nur selbst verarschen"
Johannes Eberhorn

Ex-Promi Jürgen Törkott: "Ich kann mich nur selbst verarschen"

Nur ein paar Hallen entfernt haben sich die Spezialanbieter für den professionellen Bedarf niedergelassen. Im Vergleich zum Gezerre bei den Hobbyfotografen ist es dort wie in einem Tempel des Friedens. Kein Gedränge, keine laute Musik. Asiatische Geschäftsleute machen auf dem Tisch ihres Standes erst einmal gemütlich Brotzeit.

Wer hierher kommt, der weiß was er will, der muss nicht mehr überzeugt werden. Zwei Drittel der über 160.000 Photokina-Besucher waren vom Fach, also Profis oder Händler. "Wir haben unser Publikum", sagt ein Verkäufer, "große Showauftritte sind da überhaupt nicht nötig." Ganz leise sind hier noch die wummernden Bässe aus den Hallen für die Hobbyfotografen zu hören. Dort geht es bis zur letzten Messeminute weiter, immer weiter.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.