Ein Jahr #MeToo "Für Frauen wird es online schnell besonders ekelhaft"

Ohne das Internet hätte die #MeToo-Debatte nie eine solche Wucht entfaltet. Gleichzeitig werden Frauen gerade dort mit Hass überschüttet, sagt Autorin Ingrid Brodnig. So könnte sich das ändern.
Zur Person
Foto: Ingo Petrtramer

Die Österreicherin Ingrid Brodnig arbeitet als Publizistin und Journalistin. Ihre Bücher beschäftigen sich unter anderem mit Hass und Hetze im Internet. Zuletzt erschien 2017 "Lügen im Netz. Wie Fake News, Populisten und unkontrollierte Technik uns manipulieren".

SPIEGEL ONLINE: Frau Brodnig, die #MeToo-Debatte jährt sich. Was hat dieser Hashtag bewirkt?

Brodnig: Der Vorwurf, den sich viele Frauen bei #MeToo anhören müssen, ist ja: Warum sprecht ihr jetzt über etwas, was euch vor langer Zeit passiert ist? Aber genau das ist die Macht der Hashtags: Plötzlich reden wir über etwas, was vorher auch schon da war. Wir hatten vorher offensichtlich keinen Rahmen, um Gewalt gegen Frauen - seien es verbale Attacken oder sexuelle Gewalt - offen zu thematisieren.

SPIEGEL ONLINE: Manche Kritiker finden die Debatte übertrieben.

Brodnig: Es passt zur Problematik, dass wir beim Thema #MeToo eine starke Polarisierung im Netz erleben: Ein Teil der Nutzer macht mit, ein anderer Teil wendet sich umso wütender ab. Insgesamt halte ich die Wirkung des Hashtags für sehr positiv. Die Solidarität, die Betroffene erleben konnten, ist wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Das Netz hat die weltweite Debatte ermöglicht. Gleichzeitig erleben gerade Frauen online viel Hass. Wie beurteilen Sie das Problem?

Brodnig: Alle Geschlechter sind von Hass im Netz betroffen. Im Internet wird generell schneller und härter gestritten als offline. Nur für Frauen wird es online schnell besonders ekelhaft. Sie erleben ein anderes, sexistischeres Internet. Untersuchungen zeigen, dass junge Frauen etwa doppelt so oft  mit sexueller Belästigung im Netz konfrontiert sind wie gleichaltrige Männer.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Brodnig: Im Internet spüre ich nicht, was ich anrichte. Wenn ich einer Frau wünsche, sie soll doch vergewaltigt werden, dann sehe ich nicht, wie die Frau reagiert. Diese Unsichtbarkeit im Netz macht es leichter, zu drohen und zu beleidigen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, der Frauenhass im Netz hat gar keine Offline-Entsprechung?

Brodnig: Doch. Der Sexismus in unserer Gesellschaft wird im Netz sichtbarer. Online sehen wir Frauenfeindlichkeit, von der es Menschen nicht wagen würden, diese offline zu zeigen. Ein Faktor ist auch die Anonymität: Gerade die übelsten Herabwürdigungen erhalten Feministinnen oft als anonyme E-Mail. Es gab schon immer Frauenhasser. Aber im Netz fühlt sich diese Minderheit freier und tut sich leichter, Gleichgesinnte zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hat der Frauenhass im Netz?

Brodnig: Die Gefahr ist, dass weibliche Stimmen weggemobbt werden und verstummen. Und dann jene Männer den Diskurs bestimmen, die Rüpel sind.

SPIEGEL ONLINE: Als einzelner Nutzer kommt man gegen das vergiftete Debattenklima aber gefühlt kaum noch an.

Brodnig: Viele von uns haben Online-Attacken schon als unbeteiligte Nutzer beobachtet - und waren vielleicht still, weil sie dachten: Mir fällt gerade kein cleverer Kommentar ein. Dabei muss man nicht immer eloquent sein. Oft reicht es, Solidarität zu zeigen und dem Opfer zu signalisieren: Hey, der Angreifer ist das Problem, nicht du. Wer selbst strafrechtlich relevante Beleidigungen oder Bedrohungen erhält, sollte in solchen Härtefällen eine Anzeige prüfen. Die meisten haben keine Kriegskasse daheim für solche Prozesse, aber wer es sich leisten kann, sollte das durchfechten. Politikerinnen zum Beispiel. Das hätte abschreckende Wirkung.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern sind Plattformen wie Facebook oder Twitter verantwortlich?

Brodnig: Wenn Sie erfolgreich werden wollen im Internet, ist ein guter Tipp leider: Schüren Sie Wut! Wut ist eine aktivierende Emotion und führt zu mehr Interaktionen. Wenn ein Beitrag viele Kommentare erntet, blendet das Facebooks Software umso mehr Menschen ein - schlimmstenfalls belohnt die Plattform Beiträge, die Wut säen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können wir die Tech-Firmen zur Verantwortung ziehen?

Brodnig: Wir sollten es nicht hinnehmen, dass die Logik der Plattformen womöglich auch jene digitale Debatte verstärkt, in der Rüpel mehr Aufmerksamkeit bekommen als gemäßigte Stimmen. Das muss nicht so sein. Den Menschen zu verändern ist schwer, aber die Technik könnten wir doch adaptieren. Facebook passt seinen Algorithmus doch sowieso ständig an und hat laufend unterschiedliche Versionen im Live-Test.

SPIEGEL ONLINE: Was genau müsste passieren?

Brodnig: Die Plattformen sollten unabhängige Wissenschaftler endlich in den Maschinenraum blicken lassen und ihnen Daten bereitstellen. Die Gesellschaft muss bei wichtigen Algorithmen wissen, nach welchen Regeln sie funktionieren. Deshalb braucht es Transparenzvorgaben. Die könnten zum Beispiel von der EU oder auch Deutschland kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das überhaupt umsetzbar und zweckmäßig?

Brodnig: Es geht nicht darum, dass die Plattformen alle Firmengeheimnisse und ihren Quellcode offenlegen. Wichtig wäre es, einer unabhängigen Prüfkommission Zugang zu bestimmten Daten zu verschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Daten könnten das sein?

Brodnig: Bei Facebook zum Beispiel: Aus welchem Pool an Beiträgen werden welche Posts ausgewählt und dem Nutzer gezeigt? Daraus Erkenntnisse abzuleiten ist mühsam, aber möglich. Forscher könnten so nicht alle Fragen auf einmal beantworten, aber schrittweise Aufklärung bringen. In der Lebensmittelindustrie gibt man auch nicht alle Kontrollen auf, weil man nicht in jede Tüte Chips hineinschauen kann.

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