KI-Offensive bei "MSN" und Co. Kündigungen rund um Microsofts Newsseiten betreffen auch Berlin

Welche Nachrichten sind wichtig - und welche nicht? Das will Microsoft angeblich verstärkt Software statt Menschen entscheiden lassen. Diese Strategie führt offenbar auch in Deutschland zu Jobverlusten.
"MSN"-Startseite: Noch entscheiden Menschen, was hier angezeigt wird

"MSN"-Startseite: Noch entscheiden Menschen, was hier angezeigt wird

"Nachrichtenportal MSN soll von Maschinen gestaltet werden": Diese Nachricht machte vergangene Woche weltweit die Runde. Berichtet wurde von einer Kündigungswelle rund um Microsofts digitale Newsangebote, die laut "Business Insider" und "Guardian" die USA sowie Großbritannien betrifft. Dutzende Redakteure, die nicht direkt bei Microsoft, sondern bei Drittfirmen angestellt sind, würden ihre Jobs verlieren, hieß es.

Das Pikante daran: Die Umstrukturierungen sind laut Berichten von US-Medien wie "The Verge"  Teil eines größeren Vorstoßes von Microsoft, die Auswahl und Aufbereitung von Nachrichteninhalten stärker künstlicher Intelligenz (KI) statt menschlichen Mitarbeitern zu überlassen. Microsoft selbst äußerte sich zum Thema nur allgemein, etwa mit: "Wie alle Unternehmen überprüfen wir unsere Geschäftsstrategie regelmäßig."

Veränderungen plant Microsoft dabei auch jenseits des US- und des britischen Marktes. Wie der SPIEGEL von einem in Berlin tätigen Redakteur für Microsoft-Newsangebote erfuhr, sollen auch von der deutschen Hauptstadt aus gesteuerte Services für verschiedene Länder umstrukturiert werden - ebenfalls mit einem Fokus auf KI, wie der Redakteur berichtet. Von Jobverlusten sind dem Insider zufolge zahlreiche Mitarbeiter der Redaktionsagentur wunder media production betroffen, die Teil der Agenturgruppe C3 Creative Code and Content ist, welche größtenteils Hubert Burda Media gehört.

Ein ehemaliger C3-Mitarbeiter schreibt auf LinkedIn  unter anderem mit Verweis auf einen "t3n"-Artikel , ab Juli werde der größte Teil der Mitarbeiter des 2017 gegründeten Berliner Microsoft-Newsrooms arbeitslos sein. Wie viele Menschen tatsächlich ihren Job verlieren, ist bislang aber unbekannt. In einer Onlinestellenanzeige der wunder media production hieß es im Mai, die Agentur beschäftige "derzeit 103 Mitarbeiter, davon 93 in der Redaktion ".

Die Inhalte kommen von anderen

Die Newsangebote, die Microsoft von Berlin aus unter anderem für Deutschland betreibt, setzen sich aus Artikeln anderer Redaktionen zusammen. Redakteure kuratieren etwa für die deutsche "MSN"-Seite Inhalte von Websites wie SPIEGEL.de und SZ.de, aber auch von Seiten wie Sport1.de und Gala.de. Diese Inhalte werden dann gesammelt auf der "MSN"-Seite präsentiert. Die Betreiber der jeweiligen Nachrichtenseiten beteiligt Microsoft prozentual an den mit ihren Artikeln auf "MSN" erzielten Werbeerlösen.

Auf der Website der wunder media production  heißt es, die Redaktionsagentur sei "für die komplette Portalbetreuung für 13 Länder verantwortlich": "Mehr als 90 Redakteure kuratieren und bearbeiten dort Inhalte in elf Sprachen für die Nachrichtenangebote von Microsoft."

Aufbereitet würden die Inhalte von Partnerseiten für Angebote wie "MSN", Bing und Edge, heißt es. Außerdem erschienen sie in Apps für Deutschland, Österreich, die Schweiz, die Niederlande, Polen, Schweden, Norwegen, Finnland, Dänemark, Italien, Ungarn, Tschechien und Griechenland. Microsoft selbst schrieb 2017 , der Berliner Newsroom solle ein "Technologie-Showcase für die 'Neue Welt des Arbeitens'" werden.

"Ich mache mir schon Sorgen"

Stand jetzt, Mitte Juni, würden Portale wie die deutsche "MSN"-Seite zumindest noch einige Wochen lang wie bisher von Menschen bestückt, sagt der Redakteur, der sich beim SPIEGEL gemeldet hat - "von Menschen mit jetzt wahrscheinlich nur noch wenig Motivation". Einer stärkeren Fokussierung in Richtung KI steht der Redakteur skeptisch gegenüber: "Ich mache mir schon Sorgen, wenn es weniger menschliche Kontrolle gibt."

Dass solche Sorgen nicht unberechtigt sind, zeigte erst diese Woche ein Vorfall auf der englischsprachigen "MSN"-Seite: Dort hatte die KI offenbar zwei Mitglieder der Popgruppe Little Mix verwechselt.

Auf Fragen des SPIEGEL zum Berliner Newsroom betonte ein Microsoft-Sprecher abermals, dass Microsoft "wie alle Unternehmen" regelmäßig seine Geschäftsstrategie überprüfe: "Das kann von Zeit zu Zeit zu mehr Investitionen in einigen Bereichen und zu Umschichtungen in anderen führen." Mit der Pandemie stünden die Entscheidungen von Microsoft nicht in Zusammenhang, so der Sprecher.

Von Hubert Burda Media hieß es am Freitagnachmittag ohne weitere Details: "Microsoft hat C3 über die geplanten Veränderungen informiert und beide Parteien prüfen gerade die Optionen einer weiteren Zusammenarbeit."

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