Microsofts Office-Assistent Was wurde eigentlich aus Karl Klammer?

Windows 10 ist da, und mit ihm die digitale Assistentin Cortana. Das weckt Erinnerungen an ein früheres Helferlein: Karl Klammer. Jahrelang hat er Millionen Menschen genervt. Heute arbeitet er als Pornostar.
Karl Klammer: Aufdringlich, rechthaberisch - aber eigentlich nicht sexy

Karl Klammer: Aufdringlich, rechthaberisch - aber eigentlich nicht sexy

Karl Klammer hatte nie einen besonders guten Ruf. Er galt als aufdringlich, nervend, rechthaberisch, als redselig und begriffsstutzig. Mancher mag die Büroklammer vielleicht sogar kurz süß oder witzig gefunden haben, zumindest ganz am Anfang. Aber sexy? Sexy fand Karl Klammer wohl niemand.

Jahrelang hat der virtuelle Assistent in Microsoft Office Menschen auf der ganzen Welt in den Wahnsinn getrieben. Etwa wenn er gleich nach dem ersten getippten Wort auftauchte und ungefragt seine Hilfe anbot. Handelte es sich bei dem ersten Wort um "Liebe", kam die obligatorische Standardfloskel: "Anscheinend möchten Sie einen Brief schreiben. Brauchen Sie Hilfe?"

Ignorieren war zwecklos: Der virtuelle "Helfer" wackelte so lange im Bild herum, bis der genervte Nutzer ihn wegklickte - was allerdings ja nur für den Moment funktionierte. Beim nächsten Dokument war er meist schon wieder da. Manchmal hüpfte er auf und ab, dann verwandelte sich plötzlich in ein Fahrrad oder sonst etwas. Zwar konnte man die Funktion natürlich deaktivieren, aber es überwog wohl bei vielen die Hoffnung, dass Karl Klammer irgendwann tatsächlich einmal eine Hilfe sein könnte.

Karl Klammer musste viele Tode sterben

Geholfen hat der Assistent - nach allem, was bisher bekannt ist - allerdings kaum einem Nutzer. Wer wirklich einmal eine Frage hatte, mit Word nicht klarkam und kurz vor Abgabe seiner Hausarbeit ein Problem mit den Fußnoten hatte, der fragte am besten jemanden, der sich damit auskannte - auf keinen Fall aber Karl Klammer. Beziehungsweise Clippy, wie er auf englisch hieß.

So zog die Büroklammer den Hass der Windows-Nutzer auf sich, der sich mit jedem neu angelegten Dokument steigerte. Wer Karl nicht mehr ertragen konnte, hatte zwar die Wahl zwischen ein paar anderen Figuren, einem Hund, einer Katze, einem Zauberer oder "Mutter Erde" zum Beispiel. Trotzdem hat keiner die Windows-Nutzer so nachhaltig traumatisiert wie der standardmäßig eingerichtete Clippy.

Von 1997 bis 2007 geisterte die Klammer munter über die Bildschirme der Welt, dann hatte Microsoft Erbarmen und schaffte die animierte Nervensäge endgültig ab.

Sex mit der Büroklammer

Seitdem gibt es offenbar einiges aufzuarbeiten: Nach Clippys offiziellem Ende ließen ihn genervte Nutzer viele weitere Tode sterben. Es gibt Hunderte Cartoons, Videos und Texte, in denen er ein grausames Ende findet. Die Creepypasta-Geschichtenerzähler im Netz denken sich wilde Gruselgeschichten  über Karl Klammer aus. Ein Student an der Elite-Universität Stanford hat eine wissenschaftliche Arbeit  darüber geschrieben, warum die Menschen die Büroklammer verachten. Und das "Time"-Magazin wählte die Klammer noch im Jahr 2010 unter die "50 schlechtesten Erfindungen ".

Längst hat Clippy einen ausführlichen Eintrag  bei "Know Your Meme", dem bekanntesten Lexikon für Internetphänomene, die vielen Adaptionen und Clippy-Kunstwerke gehören mittlerweile zur Popkultur. Mit dabei sind viele Bilder  der Büroklammer: Karl Klammer mit dem Sensemann zum Beispiel, oder Karl Klammer mit einer nackten Frau.

Moment. Mit einer nackten Frau? Tatsächlich findet sich dort unter vielen Bildern auch das Cover eines E-Books, das man bei Amazon kaufen kann - ein englischsprachiger Porno mit Karl Klammer in der Hauptrolle. "Conquered by Clippy", also "Erobert von Karl Klammer", heißt das dürre Werk von Leonard Delaney, das - wie der Name schon vermuten lässt - eher Satire als Porno ist.

Auch hier geht Karl Klammer seiner späteren - wohlgemerkt menschlichen - Sexualpartnerin mit seinem ständigen "Kann ich helfen?" so lange auf den Wecker, bis sie schließlich nachgibt: "Ja, Clippy. Hilf mir! Hilf mir feste!" Etwas später stöhnt sie: "Hilf mir tiefer!" Nach dem Akt bedankt sich Protagonistin Christie bei dem Assistenten für seine Hilfe - wohl als erste Nutzerin der Welt.

Das Trauma sitzt tief

Sex mit einer Büroklammer? Nichts Ungewöhnliches für die E-Books von Delaney, der auch schon erotische Kurzgeschichten über Beischlaf mit Tetris-Blöcken und einer Smartwatch veröffentlicht hat. Ebenfalls unterhaltsam sind übrigens die satirischen Bewertungen unter den Büchern, womöglich vom Autor selbst verfasst: Ob man bemerkt habe, dass Clippys Farbe aus vielen Grautönen bestehe, schreibt dort ein Nutzer. Um genau zu sein, seien es genau 50 Nuancen.

Bezeichnend ist, dass die satirische Erotikgeschichte erst jetzt, im Jahr 2015 erschienen ist - ganze acht Jahre, nachdem Microsoft den Helfer abgeschafft hat. Auch zum 40. Geburtstag von Microsoft tauchte Karl Klammer in diesem Jahr immer mal wieder auf - er hatte zum Beispiel einen Gastauftritt  bei Jan Böhmermann im "Neo Magazin Royale". Das kollektive Trauma sitzt offensichtlich wirklich tief. Man darf gespannt sein, wie wir in zehn Jahren über die aktuelle Windows-Assistentin Cortana reden werden.

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