Mikro-Bezahldienst Flattr sucht noch Leute für die Revolution

Im Frühjahr 2010 wollte Flattr das Internet revolutionieren. Das Bezahlen für Texte, Fotos, Podcasts und Filme im Netz sollte ganz einfach werden. Flattr bietet einen Spenden-Button an - doch der wird noch immer wenig genutzt. Jetzt ändern die Schweden ihre Strategie.
Von Stefan Mey
Flattr-Mitgründer Linus Olsson: Erst Begeisterung, dann wurde es ruhig

Flattr-Mitgründer Linus Olsson: Erst Begeisterung, dann wurde es ruhig

Foto: Drago Prvulovic/ dpa

2010 sah es kurze Zeit einmal so aus, als ob jemand tatsächlich eine Lösung für die Sache mit den Bezahlinhalten im Internet gefunden hätte. Endlich, so die Hoffnung, würden viele kleine und größere Blogger mit Hilfe des schwedischen Mikro-Spenden-Dienstes Geld einnehmen. Der Dienst ermöglicht es etwa einem Leser, per Button unter einem Text etwas dafür zu zahlen, auch in kleinen Beträgen. Zehn Prozent davon gehen als Provision an Flattr . Die Idee stieß zunächst auf Begeisterung, dann wurde es jedoch ruhig. Offenbar haben bei der Revolution einfach nicht genügend Leute mitgemacht.

Doch Flattr gibt nicht auf. Der Dienst will sich verbessern und hofft so auf einen späten Durchbruch, eine Revolution in kleinen Schritten. "Wir haben immer wieder zwei Klagen gehört", sagt Linus Olsson , Mitgründer und Chef der schwedischen Firma, "dass es zu wenige Inhalte gibt, die sich flattern lassen, und dass Produzenten unseren Button nicht einbauen können, weil sie Bilder, Texte oder Videos auf einer externen Plattform veröffentlichen."

Deshalb wird Flattr als Erstes in die großen Inhalte-Plattformen integriert, zur Zeit sind es acht. Wenn man auf YouTube "Mag ich" oder auf Soundcloud "Like" klickt, kann man den Inhalt damit automatisch flattern. Ein solcher Mechanismus existiert bereits für Bilder auf Flickr, Instagram und 500px, Videos auf YouTube und Vimeo, Lieder auf Soundcloud, Kurznachrichten auf App.net und Software auf Github. Apple und Twitter verweigern die reguläre Integration.

Flattr als Alternative zur Paywall?

Auf den acht genannten Portalen lassen sich Inhalte auch dann flattern, wenn sich die Urheber noch gar nicht angemeldet haben. Das ist die zweite Neuerung. Solche herrenlosen Spenden nennen sich "Unclaimed Flattrs": Der geldwerte Klick wird einfach vom System aufbewahrt, und erst wenn sich der Adressat meldet, wird das Geld vom monatlichen Flattr-Budget des Absenders abgezweigt und ausgeschüttet.

Das Flattern beliebiger Inhalte ist über die jeweiligen Buttons innerhalb der Plattformen möglich, aber auch direkt im Browser. Mit Hilfe einer Erweiterung für die Browser Firefox und Chrome wird auch Twitter dann doch Teil des Mikro-Spendendienstes. Jeder Account des Mikroblogging-Dienstes lässt sich so flattern. Auch Wikipedia kann man auf die Art Geld zukommen lassen. Das Geld wird in dem Fall aber sofort als Spende an die Online-Enzyklopädie überwiesen.

Die dritte strategische Änderung schließlich ist ein Partnerprogramm mit Umsatzbeteiligung. Wenn Anbieter externe Anwendungen entwickeln, erhalten sie die Hälfte der zehnprozentigen Provision, die Flattr üblicherweise einbehält. Über das deutsche FlattrStar lassen sich so zum Beispiel auch Inhalte auf der Plattform Last.fm flattern. Und schließlich fasst Flattr noch ein ganz heißes Eisen an: Es empfiehlt sich in einem Blogpost vorsichtig als technische Lösung für eine strikte oder eher lockere Bezahlschranke. Olsson ist aber noch kein Medium bekannt, das Flattr als Zugangstür für eine Paywall nutzt.

In Deutschland klappt es bisher am besten

Die Integration in externe Plattformen wird laut Olsson gut angenommen, allerdings lässt er sich keine konkreten Zahlen entlocken. Die Gesamtzahl der beteiligten Webseiten werde nicht erhoben, und über den Umsatz auf Flattr will er generell nichts sagen. Einige Zahlen zur Nutzung liefert aber ein Katalog aller eingestellten Inhalte.

Dort lassen sich zwei Muster ablesen, die schon in den Anfangstagen bestanden: Zum einen ist der Mikro-Spenden-Dienst nach wie vor in Deutschland am erfolgreichsten. Knapp 30 Prozent der 800.000 weltweit eingestellten "Things" (Dinge) sind deutsch. Ordnet man sie nach ihrem Flattr-Erfolg, ist das Muster noch deutlicher.

Zum anderen funktioniert Flattr  vor allem für Podcasts, und dort teilweise richtig gut. An drei der erfolgreichsten Podcasts ist der Berliner Tim Pritlove beteiligt . Er berichtet, dass seine Einnahmen bis vor etwa einem Jahr auf einen Wert von monatlich etwa 2500 Euro angestiegen und auf diesem Level auch geblieben sind. Dass der Mikro-Bezahldienst nicht durchgestartet ist, erklärt sich auch Pritlove vor allem mit der gestiegenen Bedeutung von Content-Plattformen wie Facebook und YouTube. "Die haben jeweils für sich eine Art Intranet aufgebaut, in denen die Inhalte der Nutzer erst einmal vom restlichen Netz abgeschnitten waren."

Mittlerweile hat sich Flattr in einige der größten dieser Intranets integriert, und damit steigt die Zahl potentieller Nutzer und Zahler. Vielleicht finden sich ja diesmal genügend Leute für die Revolution.

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