Mogeln und meckern E-Mails sind Mangelware

E-Mails am Morgen, darüber gibt es keinen Zweifel, sind ein stetes Ärgernis. Die meisten Büroarbeiter jedoch ärgern sich darüber, dass sie keine bekommen. Gemeckert und gestöhnt wird trotzdem, und zwar über die E-Mail-Flut - und einige wenige machen den meisten Lärm. Sagt eine aktuelle Studie.


E-Mail-Flut: Geht das @ wirklich unter?

E-Mail-Flut: Geht das @ wirklich unter?

Rund 60 Prozent aller amerikanischen Arbeitnehmer, so das gemeinnützige PEW Research Center, haben Zugang zum Internet und nutzen im Arbeitsleben auch E-Mail. Angeregt durch aufgeregte Berichte über das rapide Anwachsen der E-Mail-Flut führte PEW im April und Mai diesen Jahres eine für Amerika repräsentative Studie über E-Mail im allgemeinen, und E-Mail im Berufsleben im besonderen durch. Die Ergebnisse sind so überraschend, dass sie sogar die Forscher verblüfften.

PEW fand heraus, dass sich die Welt der E-Mailer in (mindestens) drei Kasten teilen lässt, die von E-Mail in höchst unterschiedlichem Maße betroffen sind, und die Kommunikationsform zudem auch ganz anders nutzen. Sagen sie zumindest, denn das Erhebungsinstrumentarium waren Telefon-Interviews: Basis der statistischen Aufbereitung und Analyse waren also nicht etwa Beobachtungen, sondern Selbstauskünfte.

Und was kam dabei heraus?

  • Die kleinste Gruppe ist die der verantwortungsbewussten, sachlichen und von E-Mail meistbetroffenen Vollprofi-E-Mailer, von PEW wenig geschmackssicher "Power-User" getauft.
    Sie sind die elitäre Kruste von gerade mal 6 Prozent, die wirklich viele E-Mails bekommen. PEW hörte bei "50 und mehr" zu fragen auf, erfuhr aber von den "Power-Usern", dass sie zwei und mehr Stunden am Tag mit der Bearbeitung ihrer E-Post zubringen. Einige wenige geben an, sie brauchten gar bis zu vier Stunden dafür.
    Das aber kratzt sie gar nicht so sehr, denn prinzipiell finden sie E-Mail gut, unverzichtbar und wirklich fruchtbar für ihren Job (zudem scheinen sie keinen Chef mehr über sich zu haben, der bohrend nachfragt, was sie die letzten vier Stunden getan haben). Sie haben Wege gefunden, mit ihrer persönlichen Postflut zurecht zu kommen und nutzen E-Mail grundsätzlich nur im Dienst der dienstlichen Sache.
    Sagen sie. Nebenbei stöhnen sie lauthals über die Werbemüll-Lawine und werden von den Medien dahingehend gern, oft und laut zitiert.
  • Auf den Plätzen folgt die immerhin 23 Prozent starke Gruppe der lebhafteren E-Mail-Kommunikanten, die - rein statistisch - gern unter 30 Jahre alt sind und E-Mail auch für persönliche Kommunikation nutzen. Neben wichtigen Firmen-relevanten Nachrichten tauscht diese Gruppe gern auch Gerüchte, Gags und diverse E-Mail-Albernheiten aus, die als Teil der Büro-Kommunikationslage dafür sorgen, dass zwischen 20 und 50 E-Mails am Tag im E-Postfach landen. Verzichten wollen auch diese Arbeitnehmer darauf nie mehr, denn natürlich geben sie auf Anfrage Auskunft darüber, wie fruchtbar sich die Elektropost auf ihre Arbeit auswirkt.
  • Es bleibt der durchschnittliche, gelangweilte, allmorgendlich enttäuschte fast-gar-nicht Empfänger der "keiner schreibt mir was"-Klasse. Weniger als 10 E-Mails am Tag landen in den Postfächern dieser Gruppe, die sage und schreibe 60 Prozent der Befragten ausmacht. Spams sind - selbst auf Anfrage - für sie ein exotisches Phänomen, das sie allenfalls aus ihren privaten AOL-E-Mail-Accounts kennen.

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E-Mail: Lust oder Last?

E-Mail ist nützlich, weil schnell und oft informell. Sie ist nervig, weil man nur selten Millionenkredite aus Nigeria oder Penisverlängerungen braucht - oder den neuesten Bürogag in zwölffacher Ausführung. Welcher Aussage zu E-Mail können Sie sich am ehesten anschließen?

Einig sind sich alle Befragten darüber, dass der Großteil der E-Mail-Kommunikation dienstlich sei und Spam nur ein ganz kleiner Teil. Rund die Hälfte der Befragten meint zudem, dass sich das E-Mail-Aufkommen im Laufe des letzten Jahres nicht merklich erhöht habe. Richtiggehend überffordert von der (nun angeblich gar nicht existenten) Mail-Flut fühlen sich dann auch nur gerade 0,6 Prozent der Befragten, und die gehören gemeinhin zu den "Power-Usern".

Die Ergebnisse der im WWW vollständig abrufbaren PEW-Studie stellen die öffentliche Wahrnehmung völlig auf den Kopf. In den Medien wird vornehmlich über das Anwachsen der E-Mail-Flut, über Spam- und Dialer-Tricks berichtet. PEW gibt an, dass die repräsentative Studie eine Genauigkeit von plus/minus drei Prozent aufweise und damit davon aus, dass die Ergebnisse die tatsächliche Wahrnehmung des nun anscheinend recht kleinen "Problems E-Mail" im Arbeitsleben der Amerikaner wiedergibt.

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Mythos E-Mail-Flut: Alles nur Gejammer?

Informationsüberflutung, Werbemüll-Lawinen, Virenpost: E-Mail droht, zur echten Belastung zu werden. Oder etwa doch nicht? Jammern hier wenige sehr laut, während die Mehrzahl der Nutzer von den Schattenseiten der elektronischen Kommunikation verschont bleibt? Ist E-Mail noch immer Lust, oder längst nur noch Last? Wie hoch ist das E-Mail-Aufkommen wirklich?



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