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Technik und Design: Die Digital-Ära kommt ins Museum

Foto: 1980 Bandai Namco Entertainment

Technik und Design "Das Smartphone wird verschwinden"

Paola Antonelli ist als leitende Kuratorin des Museum of Modern Art in New York zu einer der wichtigsten Frauen der Kunstwelt aufgestiegen. Im Interview spricht sie über gutes Design, Gadgets und ihre Liebe zu Computerspielen.

Picasso, van Gogh, "Pac-Man" und "Super Mario": Die Liste der Ausstellungsstücke des weltbekannten Museum of Modern Art (MoMA) in New York ist lang. Dass sie so vielfältig ist und auch Videospiele enthält, ist Paola Antonelli zu verdanken, leitende Kuratorin des Museums.

Als Antonelli im Herbst 2012 die Neuerwerbungen aus der Games-Szene ankündigte, sorgte sie im Kunstbetrieb für einen Sturm der Entrüstung . Doch Antonelli ließ sich nicht beirren. Auch heute noch erwirbt sie Spiele und weitere Artefakte der Digitalisierung, genauso wie Q-Tips zur Ohrenreinigung, für die Kollektion des Museums.

Im Interview plädiert Antonelli für ein ganzheitliches Designverständnis und erklärt, warum auch Gebrauchsgegenstände und Elemente der Popkultur für das MoMA interessant sind - und wie die Zukunft der Digitalisierung aussehen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Antonelli, warum gehören Spiele ins Museum?

Antonelli: Es geht mir nicht nur um Videospiele. Wir haben auch Computerviren in unsere Kollektion aufgenommen, oder das @-Zeichen. Denn ich möchte, dass sich in der Gesellschaft ein breiteres Verständnis von Design durchsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit konkret?

Antonelli: Viele Menschen denken immer noch ausschließlich an Stühle oder an Autos, wenn sie das Wort "Design" hören. Dabei umfasst Design auch die Art und Weise, wie etwas verpackt ist oder wie bei einer Computerschrift die Bögen in den Buchstaben geschwungen sind. Design ist etwas zutiefst Menschliches und betrifft uns alle. Design gibt Menschen die Möglichkeit, ihre eigene Welt zu formen. Und: Nur wer ein Bewusstsein für Design hat, kann es kritisieren oder etwas Besseres einfordern.

Paola Antonelli
Foto: Robin Holland

Die gebürtige Italienerin Paola Antonelli ist leitende Kuratorin für Architektur und Design am Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Sie gilt als eine der einflussreichsten Frauen der Kunst- und Designszene weltweit. Aktuell plant sie die Ausstellung "Items: Is Fashion Modern?"

SPIEGEL ONLINE: Warum sind Computerspiele in diesem Zusammenhang interessant?

Antonelli: Spiele sind ein unverfälschtes, pures Beispiel für Interaktionsdesign. In Videospielen geht es um Ästhetik, Raum, Zeit - und das eigene Verhalten. Jedes Spiel funktioniert so, dass ein Spieler eine Aktion erlebt und darauf reagiert - dieses Prinzip wird von keiner anderen Funktion überlagert. Wie dieses Schema ausgestaltet ist, ist eine Frage des Interaktionsdesigns.

SPIEGEL ONLINE: Smartphones und Computer sind als neue Benutzeroberflächen in unserem Alltag sehr präsent geworden. Verändern solche Geräte unser Designverständnis?

Antonelli: Technologie begleitet den Menschen schon seit sehr, sehr langer Zeit. In bestimmten Hochphasen gab es viele Innovationen, die Dampfmaschine zum Beispiel, oder jetzt in der Digitalisierung. Die Rolle eines Designers war es immer schon, diese Innovationen zum Leben zu erwecken und für normale Leute benutzbar zu machen. Technologie sollte immer ein Werkzeug sein. Technologie sollte nie bestimmen, wie wir uns verhalten. Da ist auch der Designer in der Pflicht.

SPIEGEL ONLINE: Ist dieses Verhältnis gerade noch intakt? Viele Menschen fühlen sich heutzutage als Geisel ihres Smartphones.

Antonelli: An sich ist es nichts Schlechtes, diese Gadgets zu haben. Menschen hatten auch früher schon technischen Schnickschnack, an dem sie hingen. Der Mensch braucht auch überflüssige Dinge im Leben. Aber er muss wissen, dass es Wichtigeres gibt, und manchen von uns gelingt diese Rückbesinnung nicht mehr so gut.

SPIEGEL ONLINE: Smartphones, zum Beispiel von Apple, gelten vielen als Paradebeispiel für gutes Technikdesign. Sehen Sie das auch so?

Antonelli: Ich hoffe doch sehr, dass wir uns noch etwas anderes ausdenken können. Das Smartphone wird verschwinden, und wir werden ganz neue Formen des Interaktionsdesigns sehen. Das Ziel jedes guten Designers ist es, Technik unsichtbar zu machen. Idealerweise ist Technik in das integriert, was uns sowieso schon im Alltag umgibt. Dann müssen wir keine zusätzlichen Geräte mit uns herumtragen, nur um eine spezifische Funktion verfügbar zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie könnte das aussehen?

Antonelli: Ich fände es zum Beispiel reizvoll, wenn ich statt meines Smartphones einfach ein Mini-Gerät direkt auf meinen Körper setzen könnte wie einen Schönheitsfleck im Gesicht. Es gibt jede Menge Designer, die tolle Ideen haben, wie Technik nahtlos mit Alltagsgegenständen verschmelzen kann.

SPIEGEL ONLINE: Das Smartphone in meiner Tasche beweist: Noch ist es nicht so weit. Woran hakt es?

Antonelli: Die Tech-Branche sollte sich gutes Design stärker als Vorbild nehmen für ihre Produkte. Ich spreche deshalb auch regelmäßig auf Tech-Konferenzen, um die Programmierer und Entwickler mit dem Thema vertraut zu machen. Die Tech-Industrie sollte davon träumen, mit Designern wie zum Beispiel Stefanie Posavec zusammenzuarbeiten, die sich viel mit Datenvisualisierungen beschäftigt.

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SPIEGEL ONLINE: Wenn die Benutzeroberflächen verschwinden oder in Bestehendes integriert werden, können wir dann überhaupt noch von Design sprechen und es diskutieren?

Antonelli: Ich glaube, ja. Für mich ist das nichts Abstraktes. Es ist egal, ob wir mit einem Touchscreen interagieren oder mit der Technik, die danach kommen wird. Experimente wie Google Glass zeigen uns auf, in welche Richtung es gehen könnte. Vielleicht werden wir irgendwann die Geräte direkt ins Gehirn implantieren. Da geht es dann nicht mehr um die Form des Gadgets, sondern rein ums Interaktionsdesign. Deshalb ist dieser Designbereich auch so spannend.

SPIEGEL ONLINE: Emojis sind seit ein paar Jahren ein großer Trend in der digitalen Kommunikation. Interessieren Sie sich für Emojis?

Antonelli: Emojis sind unglaublich wichtig. Sie sind eine eigenständige Sprache. Es ist deshalb auch kein Zufall, dass die Emojis in Japan erfunden wurden. Auch das Faxgerät erlebte dort seinen Durchbruch. Beide Erfindungen verbindet der Wunsch, nicht mehr zwischen verschiedenen Schriftzeichen übersetzen zu müssen und stattdessen neue Standards zu definieren. Ihr Design spielte übrigens eine extrem große Rolle für den Erfolg der Emojis, weil die Zeichen dadurch jede Sprachbarriere überwinden konnten.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Paola Antonelli als Chefkuratorin des MoMA bezeichnet. Sie ist jedoch leitende Kuratorin. Wir haben die betreffenden Stellen korrigiert.

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