Hype um MontanaBlack Der böse Bube aus Buxtehude

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen YouTuber - und einer der umstrittensten. Die Autobiografie von MontanaBlack zeichnet seinen Weg nach, vom Junkie zum Internetstar. Eine Heldengeschichte, könnte man meinen. Ist es aber nicht.

Marcel Eris alias MontanaBlack
Christian Schenkel

Marcel Eris alias MontanaBlack

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Auf dem Gehsteig vor der Buchhandlung ist am späten Nachmittag kein Durchkommen mehr: Tausende Jugendliche drängen sich vor dem Lübecker Hugendubel, bis die Sicherheitskräfte sie reinlassen. "Monte, Monte", skandieren einige, andere schauen auf ihr Handy oder machen Fotos von der Schlange, die inzwischen bis in die Nebenstraße reicht.

Überwiegend Jungs stehen an, viele haben ihre Schultasche dabei, manche warten seit dem Morgen. Eine Fahrradfahrerin stoppt: "Was ist denn hier los?", fragt sie zwei Frauen, die von der gegenüberliegenden Straßenseite aus die Menge fotografieren. "Ein YouTuber hat ein Buch geschrieben", antwortet eine von ihnen. Die Fahrradfahrerin schüttelt den Kopf, winkt ab und fährt weiter.

Der YouTuber, der die Jugendlichen an diesem Freitag zur Buchhandlung lockt, heißt MontanaBlack, bürgerlich Marcel Eris. Er hat eine Karriere gemacht, wie sie nur im Internet möglich ist. Bekannt wurde er als Gamer, der sich beim Spielen filmt und das über Twitch und YouTube mit der Welt teilt. Längst spielt er nicht mehr nur. Er erzählt und sendet in seinen Clips und Streams auch viel aus seinem Alltag.

Allein auf dem YouTube-Kanal MontanaBlack hat Eris rund 1,9 Millionen Abonnenten - eine Zahl, von der die meisten deutschen Medien träumen. Die Fans wollen sehen, wie er spielt, und hören, was er sagt. Und neuerdings wollen sie auch von ihm lesen.

Denn jetzt ist seine Autobiografie erschienen, "MontanaBlack - vom Junkie zum YouTuber". Sie ist sofort an die Spitze der Bestsellerliste geschnellt. "Das Buch hast du eh nicht selbst geschrieben", moserte jemand auf Twitter und wurde sofort von einem Fan zurechtgewiesen: "Keiner schreibt wirklich ein Buch selbst, du Pfosten."

Geschrieben hat das Buch der Autor und "Welt"-Journalist Dennis Sand, auf Basis ausführlicher Gespräche. "Er hat grob erzählt, wie es war, und ich habe dann einen passenden Text geschrieben und ihm angeboten", sagt Sand. Danach sei man zusammen jede der 267 Seiten durchgegangen, habe ergänzt und korrigiert, bis ein Buch entstand, das auch tatsächlich nach MontanaBlack klingt.

Szene aus einem MontanaBlack-Video
YouTube/ MontanaBlack

Szene aus einem MontanaBlack-Video

Das Image des Bad Boy

Als MontanaBlack pflegt Eris in der Streamer-Szene das Image des Bad Boys. Er gilt als harter Bursche, mit dem man sich besser nicht anlegt. Als eine Twitter-Nutzerin sich öffentlich darüber beschwerte, dass ein Mann breitbeinig in der Bahn saß, kommentierte Eris: "Dämliches Weib… such dir Hobbys :-) und zu Hause bist du die, die ihre Beine breit macht". Er hat mehrere Hunderttausend Follower, viele sprangen ihm bei.

"Natürlich hätte ich es sachlicher klären können", sagt er dem SPIEGEL jetzt in Lübeck, "aber wenn die etwas Männerverachtendes postet, poste ich halt was Frauenverachtendes." Grundsätzlich habe er aber "kein Problem mit Frauen": "Die liebsten Menschen in meinem Leben sind Frauen: meine Oma und meine Mutter."

Eris sitzt in einem Sessel, in einem weiteren dürfen die Fans Platz nehmen für ein Foto, einer nach dem anderen. Zwischen fünf und zehn Sekunden dauert jedes Treffen. Tausende Male Gettofaust, cooler Blick, "Lass es dir gut gehen, Bruder".

Unter den Anhängern sind auffallend wenig Mädchen. "Ich bin halt keine Beauty-YouTuberin, die sich schminkt oder so was, ich spreche halt prinzipiell mehr männliche Zuschauer an", sagt Eris. "Ich hab auch einige Zuschauerinnen, aber auf 1000 Jungs kommen vielleicht 50 Mädchen."

"Bruder, das sieht doch scheiße aus"

Eine von ihnen ist die 17-jährige Eileen. Seit 11.30 Uhr steht sie vor dem Buchladen, "die letzte Schulstunde habe ich geschwänzt", gibt sie zu. Kurz vor 16 Uhr ist sie an der Reihe, setzt sich, Foto, fertig. "Ich habe Monte durch meinen Freund kennengelernt", sagt sie, mittlerweile sei sie auch selbst Fan: "Ich mag einfach seinen Humor und seine Ausstrahlung."

Manche begrüßt Eris mit einem Spruch. "Bruder, gab's das T-Shirt auch in deiner Größe?", fragt er einen Jugendlichen, einem anderen steckt er die Schildchen am Nacken wieder in den Pullover: "Bruder, das sieht doch scheiße aus."

Ein Junge im weißen Oberhemd bricht in Tränen aus, sobald er den Sessel neben seinem Idol erreicht. Eris tröstet: "Komm, setz dich erst mal da rüber und beruhig dich. Wir machen doch kein Bild, wo einer neben mir sitzt und heult. Die Leute denken doch, ich hätte dich gebissen."

Erik "Gronkh" Range, der ebenfalls mit Let's-Play-Videos auf YouTube berühmt geworden ist, sieht den Reiz des Genres darin, dass es sich anfühle, als säße man neben dem großen Bruder am Computer und sähe ihm beim Spielen zu.

Marcel Eris wirkt im Umgang mit seinen Fans tatsächlich wie ein großer Bruder. Einer, den man bei Stress zur Hilfe holen kann. Einer, vor dem die Lümmel Angst haben, weil er einiges auf dem Kerbholz hat.

Klauen, kiffen, koksen

Wie viel genau, erzählt nun das Buch: Er hat in seiner Jugend Graffiti gesprüht, sich geprügelt, gekifft und gestohlen - Tabak, Handys und Portemonnaies. Selbst den eigenen Opa hat er beklaut.

Er erzählt, wie er und seine Kumpel mit der gestohlenen Kreditkarte eines örtlichen Ladenbesitzers im Elektronikmarkt einkauften, die Sachen in einer anderen Filiale wieder zurückgaben und kassierten. Oder wie er mit seinen Freunden in Häuser eingebrochen ist. Wie er immer abhängiger von Drogen wurde. Wie er trank, kiffte, kokste und schließlich über die Entzugsklinik zurück ins Leben fand und danach mit möglichst wenig Arbeitseinsatz eine Ausbildung abschloss. Und schließlich, wie er durch Zufall einen Weg fand, mit Computerspielen Geld zu verdienen.

Nach sechs Jahren YouTube und Twitch habe er sich nun zwei Eigentumswohnungen kaufen können, twitterte Eris kürzlich. "Verdient!" schreiben viele Fans darunter, "Respekt an dich. Es sei dir gegönnt. Irgendwann wird man für alles belohnt."

Seine breite Fan-Community wehrt jede Kritik ab. Etwa, als Eris wegen rassistischer Äußerungen wochenlang von der Plattform Twitch gesperrt wurde. Er hatte von einem "Schlitzauge" gesprochen und gesagt, er "hasse Regen" - mit dem Hinweis, man solle Regen doch rückwärts lesen.

Er selbst hält die Aufregung bis heute für übertrieben. "Jeder, der mich ein bisschen verfolgt, weiß: Wenn ich mal in einem Livestream gesagt habe 'Du Scheißzigeuner', war das nicht gegen Zigeuner gerichtet, sondern einfach nur ein Beleidigungsmittel", sagt er jetzt. "Ich habe selber viele Freunde, die Zigeuner sind. Die lachen da drüber, wenn ich so was sage."

Wenn er Mist baue, dann entschuldige er sich danach auch, so Eris. "Aber für einen Zigeunerspruch muss ich mich eigentlich nicht entschuldigen, weil es nichts Verwerfliches ist in der heutigen Zeit."

"Er vertritt keine politische Ideologie"

Kritik an Eris gibt es auch, weil er sein Geburtsjahr 1988 als Tattoo auf der Hand trägt und weil die Zahl 88 - ein in der rechtsextremen Szene genutztes Symbol - immer wieder in Videos auftaucht. Auch sein Twitch-Kanal heißt MontanaBlack88.

"Das ist ein Running Gag geworden", sagt Eris dazu, "HH ist auch ein rechtes Symbol, aber nicht jeder mit einem Hamburger Autokennzeichen ist gleich ein Nazi." Seine Mutter sei Türkin, "mein Nachname ist Eris, ich bin Halbtürke. Jeder, der mir Vorwürfe macht, ich sei ein Rassist, hat einfach gar keine Ahnung."

Buchautor Sand streitet eine rechte Gesinnung des YouTubers ebenfalls ab: "Er kann für vieles herhalten, aber nicht als politische Projektionsfläche", sagt er. "Er vertritt keine politische Ideologie. Er redet einfach aus dem Bauch heraus."

Dass dabei auch Grenzüberschreitendes und Beleidigendes gesagt wird, gehört offenbar zum Erfolgskonzept. Ein Vorbild wolle er gar nicht sein, sagte MontanaBlack in einem Interview, trotz Millionen meist jugendlicher Fans.

"In der Gamer-Szene ist es ähnlich wie in der Rapperszene: Es gibt keine Tabus", sagt Autor Sand, junge Leute verstünden die Codes: "Wir haben hier eine Generation, die ein ganz anderes Verständnis von politischer Korrektheit hat."

Eine Meute aus Tausenden "Brüdern"

Marcel Eris selbst sagt: "Oftmals sag ich Sachen und denk im Nachhinein erst drüber nach. Das ist manchmal ein Fluch für mich, aber gleichzeitig ein Segen, denn das mögen die Leute ja auch an mir, dass ich kein Blatt vor den Mund nehme." Für diesen Text wurden ihm alle wörtlichen Zitate nachträglich noch einmal schriftlich vorgelegt - und anstandslos zur Veröffentlichung freigegeben.

"MontanaBlack - vom Junkie zum YouTuber" soll die Geschichte erzählen von einem einfachen Kerl aus der Kleinstadt Buxtehude, deren Postleitzahl er sich ins Gesicht tätowieren ließ. Einer, der es trotz Schieflage in seiner Jugend aus einfachen Verhältnissen zu etwas gebracht hat. Wie eine Heldengeschichte wirkt das, von einem, der nicht zum Helden taugt.

Jeder seiner Sätze wird von einem großen, jungen Publikum geradezu aufgesaugt. Postet er etwas, werfen sich viele bedingungslos auf seine Seite. Schimpft Eris öffentlich auf jemanden, schickt er womöglich - freiwillig oder nicht - eine Meute aus Tausenden "Brüdern" los.

Angekommen ist er in dieser Rolle offensichtlich noch nicht. Es habe ihn "wahnsinnig viel Kraft gekostet", Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, heißt es im Buch. "Und jetzt soll ich noch die Verantwortung für alle meine Zuschauer auf mich nehmen?"



insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
einfachgudd 04.04.2019
1. Bruder!!!!
MUSS LOS!
seniorfd 04.04.2019
2. Schade
Passt aber perfekt in die heutige Zeit so ein Eris als Anti-Popstar. Mit Computer-zocken und Sprüchen reich und berühmt werden, daran kann man gut erkennen in was für einer verrückten Gesellschaft wir mittlerweile angekommen sind. Eine gelangweilt aufgeregte Nonsens-Gesellschaft.
dosmundos 04.04.2019
3.
Zitat von seniorfdPasst aber perfekt in die heutige Zeit so ein Eris als Anti-Popstar. Mit Computer-zocken und Sprüchen reich und berühmt werden, daran kann man gut erkennen in was für einer verrückten Gesellschaft wir mittlerweile angekommen sind. Eine gelangweilt aufgeregte Nonsens-Gesellschaft.
Zu allen Zeiten gab es Leute, die mit Moden des Augenblicks und Sprüchen ihre 15 Minuten Fame und ein bisschen Kohle bekommen haben. Gab und gibt sich dann auch schnell wieder. Kein Grund, an der heutigen Jugend oder gleich der ganzen Gesellschaft zu verzweifeln!
Volker Rachow 04.04.2019
4. Danke SPON
Jetzt weiß ich alles was ich wissen musste und je wissen muss. Ein Halbzeiler hätte es auch getan.
Bin_der_Neue 04.04.2019
5. So ist das eben heutzutage
Die einen buckeln ihr Leben lang Tag für Tag in einem ehrlichen Job und kommen gerade mal so über die Runden. Die anderen machen schlichtweg aus Scheiße Geld und aus noch mehr Scheiße noch mehr Geld. Für letzteres braucht es aber immer zwei, denn irgendwer muss das Zeug ja konsumieren. Auch wenn ich keine finanziellen Nöte habe, so sehe ich mich unter ersteren, deswegen habe ich gar nicht erst die Zeit, mir solchen Youtube Quatsch rein zuziehen. So, Alda & Bruda, jetzt dürft ihr mich für diesen Post gerne disliken. Was stört's die Eiche..
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