Moorhuhn Flatter ab, der Boss kommt!

Nachdem die Nachrichten über Wochen von CDU-Affären, Wahlkämpfen, Computermessen und anderen Marginalien beherrscht waren, gibt es endlich wieder etwas Wichtiges zu vermelden: Das Moorhuhnspiel bekommt eine "Boss-Taste". Damit wird es noch komfortabler und sicherer, den Arbeitgeber um Arbeitszeit zu betuppen.


Das in Büros und Unternehmen verbreitete Computerspiel "Moorhuhnjagd" hat eine zusätzliche Funktion erhalten, die spielende Mitarbeiter künftig vor unliebsamen Überraschungen am Arbeitsplatz schützen soll. Der Erfinder der virtuellen Jagd, die Bochumer Phenomedia AG, teilte am Freitag mit, eine neue Version des Spiels solle eine "Cheftaste" bekommen. Drückten die Spieler beim Herannahmen des Vorgesetzten die Leertaste, erscheine anstelle des Spiels die jeweils installierte Büro-Software auf der Mattscheibe. Auf abermaligen Knopfdruck komme die "Moorhuhnjagd" - mit dem vorherigen Spielstand - zurück, hieß es weiter.

Das ist Service, zudem zeitgemäß serviert. "Boss-Tasten" gehörten zur Grundausstattung aller frühen PC-Spiele. Doch sie hatten ihre Tücken: Die Tastenkombination "Strg + B" - in den späten Achtzigern einer der meistbenutzten PC-Kurzbefehle - ließ zwar in aller Regel professionell erscheinende Balkengrafiken auf dem Bildschirm erscheinen. Nur machten die leider keinen Sinn - und ließen nur allzu oft den Rechner abstürzen. Ein klassisches Beispiel war "Leisure Suite Larry" von Sierra, dass im Notfall eine Art digitale Notbremsung hinlegte - und sich dabei grundsätzlich selbst killte. Vorbei: Das Killen übernehmen jetzt die PC-Nutzer, sobald der Chef "durch" ist.

Bei dem ursprünglich für den schottischen Whiskyhersteller Johnnie Walker entwickelten Computerspiel geht es darum, innerhalb von 90 Sekunden möglichst viele Moorhühner abzuschießen, die am Bildschirm auftauchen. Im Internet werden mehrere Ranglisten mit Abschussrekorden geführt.

Bis Mitte Februar war die kostenlose Software nach Angaben des Herstellers über 400.000 Mal heruntergeladen worden. Vor allem in Behörden und großen Privatunternehmen hatte sich das Spiel verbreitet. Die Unternehmensberatung Mummert + Partner kam in einer Studie zu dem Schluss, die Moorhuhnjagd lege in vielen Firmen durch ihre Speicherintensität ab und zu die Rechner lahm. Durch solche Computerspiele, die während der Arbeitszeit gespielt würden, entstünde ein Schaden in Millionenhöhe.



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