Moorhuhnjagd Zocken will der Surfer!

Noch immer sind die meisten Surfer Männer. Die sind, so will es der Volksmund wissen, ewige Kinder. Und Kinder spielen gern. Grund genug für Werbestrategen, im Online-Spiel ein machtvolles Werbeinstrument für die nächsten Jahre zu sehen.

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Werbung, wie sie im Netze steht: Die "Moorhuhnjagd" verbreitete sich wie ein Lauffeuer

Werbung, wie sie im Netze steht: Die "Moorhuhnjagd" verbreitete sich wie ein Lauffeuer

Pünktlich zur Weihnachtszeit ging im deutschsprachigen Internet eine Seuche um: "Morbus Moorhuhnensis". Die "Moorhuhnjagd", ein Werbespiel, legte angeblich ganze Großraumbüros lahm. Die Maus fest in der Hand lauerten Deutschlands Sesselhelden vor der Bildschirmkulisse eines schottischen Hochmoors gebannt auf Moorhühner - linker Klick Schuss!, rechter Klick Nachladen! Das Ganze gegen die Uhr: Was zählt, sind "Kills", tödlich getroffene Moorhühner mit roten Kreuzen in den Pupillen müssen zu Boden taumeln, sind Punkte wert.

Eine Minute dreißig dauert ein Spiel, untermalt von einem Soundtrack aus Vogelzwitschern, Schussgeräuschen und dem dumpfen "Platsch!" der einschlagenden Kugeln. Heißluftballons und Flugzeuge sollte man nicht treffen: Das gibt Abzug!

Kling primitiv - und ist es auch. Aber auch witzig, weshalb Werbekunde und Auftraggeber Johnny Walker mit der Arbeit ihrer Agentur V und B vollends zufrieden sein dürfte. Das Spiel verbreitete sich per E-Mail wie ein Lauffeuer, als Download-Angebot ließ es Internet-Server in die Knie gehen. Wie viele Moorhühner in den letzten zwei Monaten tatsächlich verteilt und gekillt wurden, kann niemand sagen. "Sind Sie auch ein Moorhuhn-Mörder?" titelte die "B.Z." und wusste zu berichten, dass es selbst im Deutschen Bundestag heiße: "zielen, klick und Schuss".

Enthüllt: Die Geschichte des Moorhuhns

Was den Leistungsnachweis gegenüber dem Auftraggeber ungewohnt schwer macht: Eine Zeitung hat eine Auflage, eine Website hat Clicks, eine TV-Show ihre GfK-Zahlen. Ein Werbespiel hat nichts von dem. Aus Sicht der produzierenden Agenturen ist das brutal. Sie ziehen die neuen Möglichkeiten des "interaktiven Werbebanners" vor, das über aufgesetzte Programme wie "Flash" selbst auch Spiele enthalten kann. Trotzdem ist auch das klassische, per Website oder E-Mail verteilte Werbespiel ein ungewöhnlich kraftvolles Instrument: Solche Spiele leben von der "Mundpropaganda", werden vom User höchst freiwillig angenommen. Das Moorhuhn hat das Zeug zum Klassiker, so wie vor drei Jahren der kleine, aber feine TDK-Flipper der Hamburger Agentur Kiwi zum Klassiker wurde.

KIWI produzierte zahlreiche Werbespiele, trennte sich aber inzwischen davon: Inzwischen glauben die Hanseaten, dass die Zukunft eher im spielerischen Chat liegt. Chats und andere Interaktivitäten, die an eine Website gebunden sind, haben den Vorteil, Datendurchsatz und Besucherzahlen nachweisen zu können. Das ist nicht immer von Vorteil: Vor kurzem stellte der durchaus populäre WEST-Chat den Betrieb ein, weil für die auftraggebende Zigarettenfirma "die paar hundert Leute", die ihn als Stammpublikum frequentierten, nicht wirklich interessant waren. Die Auftraggeber interessiert letztlich nur der "TKP", der "Tausender-Kontakt-Preis". Will heißen: Wie viel Geld muss ich ausgeben, um tausend Leute mit meiner Botschaft zu erreichen?

Nachgefragt: Spiele im interaktiven Werbeeinsatz

Da wäre das frei verteilte Spiel eigentlich kaum zu schlagen - wenn es zum Erfolg wird, und wenn man es nur nachweisen könnte. Der Moorhuhnjagd-Produzent V und B vertriebt das Spiel offiziell erst seit Anfang des Jahres - im Net kursierte es Wochen vorher. Nachweisen kann V und B etwa 7000 Downloads pro Woche: Wie oft das Spiel dann weiterverteilt wurde, weiß niemand. Grundsätzlich ist das ein Problem, nicht aber für die Moorhuhnmacher: Die planen bereits fleißig eine Produktpalette für das Moorhuhn-Merchandising.

Leichter haben es da die Anbieter von Online-Spielen. Der "Zock" über das Netzwerk ist Kult, am besten noch im "Multi-Player-Modus", Mann gegen Mann, Warschau gegen Wolfenbüttel, München gegen Meinerzhagen. Das Problem der "Live"-Spiele ist allein, dass sie entweder in der Freizeit gespielt werden müssen - oder aber heimlich im Büro. Das engt die Zielgruppe ein und "verschiebt" das demografische Profil: Erreichen wollen Werbetreibende ja gerade die "Office-Surfer".

Gesammelt: Spiele im Web

Da bieten sich Gewinnspiele an. Die Verzeichnisse von Gewinnspiele.de, Kostenlos.de oder Geizkragen.de quellen über von kostenlosen Online-Gewinnspielen, Quiz und Lotterien. Der Vorteil des Konzeptes: Es werden nicht nur werbende Botschaften an den Surfer gebracht und das Image des Veranstalters verbessert - man erfährt auch etwas über den Surfer.

Das Kernstück jedes Gewinnspieles ist die Datenerhebung: Namen, Adressen, Alter sind das absolute Minimum, oft werden auch noch Fragen zu Hobbys, Beruf, Familienstand und andere Intimitäten abgefragt. Gerade bei der Verlosung von Reisen ist das beliebt: Ausforschung durch die Hintertür. Ganz besonders kecke Veranstalter machen die Datenerhebung selbst zum "Spiel": Wer sich digital entkleidet und Gehalt und andere Daten offen legt, darf an der Verlosung teilnehmen. Und sich über massenhaft Direktwerbung freuen.

Die "Moorhuhnjagd" macht Sesselhelden zu Hühnerkillern. Trotzdem bleibt die Sache niedlich

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Das hinterlässt bei so manchem Surfer einen säuerlichen Nachgeschmack: Ob solche Konzepte also wirklich etwas für das Image einer Marke tun, dürfte fraglich sein. Das Moorhuhn hat jedenfalls eine Menge für Johnny Walker getan. Selbst hartgesottene Safttrinker oder Genießer edlerer Whiskys dürften die Marke nun mit anderen Augen sehen: "Walker? Die Schotten mit den coolen toten Hühnern?"



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