Mordreport Das Todesregister

Die Karten von Google Maps mit allen möglichen Daten zu verbinden, liegt im Trend. Die "Los Angeles Times" leistet sich nun ein solches Feature der ganz besonderen Art: Statt auf Restaurants oder Sehenswürdigkeiten zu verweisen, dokumentiert der "Homicide Guide" Morde - Opfernamen inklusive.

In mancherlei Hinsicht ist Deutschland zum Glück die Insel der Seligen: Käme eine hiesige Regionalzeitung auf die Idee, die Morde in einer Stadt zu dokumentieren, käme dabei nicht viel rum. In amerikanischen Großstädten sieht das teils erschütternd anders aus. Dass der "Homicide Report" der US-Zeitung "LA Times" seit dem 1. Januar 2007 unfassbare 515 Morde dokumentiert (Stand: 11. August, 14 Uhr MEZ) wirkt auf uns erschreckend und makaber. Der "Body-Count" mit Fallschilderungen und Abbildungen der Opfer wurde gerade um ein neues Feature erweitert, dass ihn, je nachdem, wie man es sieht, sogar noch makabrer macht - oder nützlicher.

Denn jetzt gibt es in Form eines der beliebten Google-Map-Mashups eine grafische Umsetzung der Mordstatistik  auf einen Stadtplan von Los Angeles. Die Karte schafft den vollen Überblick, wo genau in LA die meisten Menschen gewaltsam getötet werden. Über den Tatorten schwebt die bei Google Maps übliche rote Sprechblase, die weitere Informationen verspricht. Klickt man drauf, öffnet sich ein Fenster mit einem Porträt des Opfers und einem Anreißer zu den bekannten Fakten zum Fall. Ein Klick darauf, und man landet im "Homicide Report", der laufenden publizistischen Chronik des mörderischen Wahnsinns.

Doch natürlich ist es die Karte, die nun für Aufmerksamkeit sorgen wird. Zynisch mutet vor allem an, dass solche Applikationen immer etwas Spielerisches haben. So kann man auch die Mordskarte der "LA Times" durch diverse Filter laufen lassen: Wer will, lässt sich nur die Morde an bis zu Neunjährigen Kindern darstellen, ordnet die Opfer nach Geschlecht, Rasse, Todesursache oder danach, an welchem Wochentag sie - in aller Regel - erschossen wurden.

Neu sind solche Dinge nicht. Im Februar berichtete SPIEGEL ONLINE über ein vergleichbares Projekt in Chicago. Und auch in Europa wirbelten zumindest ansatzweise vergleichbare Dienste, die auf den Verbrechensstatiistiken des EU ICS aufsetzen, einigen Staub auf. Noch sind wir allerdings nicht so weit, auch die Opfer dermaßen öffentlich zur Schau zur stellen. Die Debatte um solche Dinge wird kommen in Zeiten zunehmender Vernetzung und Transparenz. Die große Frage, ob das schadet oder nützt, abschreckt oder nur den hauptsächlich betroffenen Vierteln und Bevölkerungsgruppen schadet, ist längst nicht beantwortet.

Denn natürlich ist das Leben auch in Amerikas heißesten Großstädten längst nicht für alle gleich riskant. Die grafische Umsetzung der statistischen Daten bestätigt all zu viele Vorurteile: Vier Fünftel aller Opfer in LA in diesem Jahr wurden erschossen, mehr als die Hälfte war lateinamerikanischer Herkunft, ein Drittel Afroamerikaner, und drei von fünf Opfern zwischen 10 und 29 Jahre jung. Es gibt Stadtteile, in denen so gut wie nie etwas passiert, und Brennpunkte, in denen die Infoblasen zu Mordfällen das Muster der Straßen verdecken. So etwas dermaßen öffentlich sichtbar zu machen, mag den Druck auf die Politik erhöhen, hier etwas zu unternehmen. Das Stigma, mit denen Menschen aus solchen Vierteln leben müssen, wird dadurch aber sicher nicht kleiner.

pat

Verwandte Artikel