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Max Hoppenstedt

25 Jahre MP3 Eine mittelfränkische Innovation für die Ewigkeit

Max Hoppenstedt
Ein Netzwelt-Newsletter von Max Hoppenstedt
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Liebe Leserin, lieber Leser,

erinnern Sie sich noch daran, welcher Song Sie in Ihrem Sommerurlaub vor 25 Jahren begleitete? Und vor allem, wie Sie ihn gehört haben? Auf Kassette, über einen damals neuartigen, besonders schockresistenten Discman oder über UKW im Autoradio?

Wie wir Musik hören, hat sich seit jenem Sommer 1995 radikal verändert. Das liegt vor allem an der Erfindung des Dateiformats MP3, das seit jenem Sommer aus Mittelfranken die Welt eroberte und ohne dessen Entwicklung Musikstreaming oder mobiles Podcast-Hören, wie wir es heute kennen, so nicht möglich wäre.

Am 14. Juli 1995 trafen Forscher des Fraunhofer-Instituts für Integrierte Schaltungen in Erlangen die Entscheidung, ihre Erfindung zur Audiokomprimierung auf die Dateiendung ".mp3" zu taufen. In den deutschen Singlecharts hatte zu jener Zeit übrigens gerade "Wish you were here" von Rednex den Song "Mief!" des Duos Die Doofen auf Platz eins abgelöst. Zuvor firmierte die Entwicklung am Institut unter dem Namen .bit.

MP3-Miterfinder Karlheinz Brandenburg im Jahr 2002 in einem Fraunhofer-Klanglabor in Ilmenau

MP3-Miterfinder Karlheinz Brandenburg im Jahr 2002 in einem Fraunhofer-Klanglabor in Ilmenau

Foto: Heinz Hirndorf/ dpa

Mit dem MP3-Format können Lieder so gespeichert werden, dass sie nur noch rund ein Zehntel so viel Speicherplatz wie auf den damals verbreiteten Audio-CDs benötigen. Über eine ISDN-Leitung braucht ein Song so kaum länger als seine eigene Laufzeit, um heruntergeladen zu werden. Plattformen wie Napster, Soulseek und eDonkey erfreuten sich dadurch in den folgenden Jahren enormer Beliebtheit - und illegales Filesharing stürzte die Musikbranche in eine tiefe Krise.

Gleichzeitig ermöglichte das Dateiformat die Erschaffung des MP3-Players, dessen Apple-Version Steve Jobs 2001 mit dem Slogan "1000 Songs in deiner Tasche" anpries. Großer Beliebtheit erfreute sich da bereits die MP3-Abspielsoftware Winamp. Den Spruch "It really whips the Llamas ass", der beim Start des Winamp-Players abgespielt wurde, dürften noch viele kennen, die in den Neunzigerjahren MP3s genutzt haben.

Entwickelt wurde die Technik, die als MP3 weltberühmt wurde, bereits seit den Achtzigerjahren von einem Forscherteam um Karlheinz Brandenburg, der die Verkleinerung von Musikdateien zum Thema seiner Doktorarbeit machte. Optimiert und getestet hat Brandenburg seine Komprimierungstechnologie anhand des Songs "Tom's Diner" von Suzanne Vega, wie er der Nachrichtenagentur dpa berichtet: "Ich habe auf diese Art und Weise diesen Song sicher Tausende Male gehört. Aber weil ich die Musik mag, ist die mir nie zum Hals herausgehangen", sagte er.

Dass die Entwicklung von Brandenburg und seinen Kolleginnen und Kollegen so weltberühmt wurde, hat auch mit einem Hack zu tun: Um die Fähigkeit ihrer fertigen Entwicklung zu präsentieren, stellten Brandenburg und seine Kolleginnen und Kollegen eine Softwareversion ins Netz, die eine Minute eines Songs zu einer MP3 verkleinerte. Doch ein Student umging diese Beschränkung verbotenerweise, stellte die geknackte Version ins Netz und löste damit die MP3-Welle aus.

Karlheinz Brandenburg verabschiedete sich in diesem Juni in den Ruhestand am Fraunhofer-Institut. Bei dem Forschungsinstitut allerdings geht die Entwicklung unterdessen weiter: Längst gibt es Nachfolgeversionen zur Audiokomprimierung wie AAC, die auf der Entwicklung von Brandenburg aufbauen, aber bessere Klangqualität bieten. Und erst Anfang Juli stellten Fraunhofer-Forscher die neueste Version einer Videokomprimierung vor, mit der besonders hochauflösende Videos kleiner gerechnet werden können, ohne einen relevanten Qualitätsverlust beim Streamen.

Seltsame Digitalwelt: Ferienzeit ist Funklochzeit

Wanderer in den bayrischen Alpen: kaum Empfang weit und breit

Wanderer in den bayrischen Alpen: kaum Empfang weit und breit

Foto: Nicolas Armer/ DPA

Wir leben in einer Zeit, in der es mit wenigen Klicks möglich ist, ein Auto in der Stadt über eine App zu mieten und zu öffnen. Allerdings lässt sich das Auto dann womöglich nicht mehr verschließen: Als wir vor einiger Zeit mit dem Mietwagen aus der Stadt zu einem Badesee aufs Land gefahren sind, konnten wir das Auto nicht mehr per Handy verriegeln - weil dort der dafür nötige Handyempfang fehle.

Wer in diesem Jahr seinen Urlaub in Deutschland verbringt, mag überrascht sein, wo es überall keinen oder nur sehr schlechten Handyempfang gibt. Leider auch noch im Sommer 2020 - trotz der jahrelangen Versprechen in Sachen Netzausbau von Politik, Telekom, Vodafone und Telefónica.

Auch als ich kürzlich in Deutschland wandern war und dafür eine App statt Wanderkarte für die Routenplanung nutzen wollte, durfte ich feststellen, dass dies hierzulande immer noch nur dann funktioniert, wenn ich die Karten offline herunterlade. So wurden die Strecken dann am Vorabend geplant und spätestens heruntergeladen, bevor ein größeres Waldgebiet in Sichtweite auftauchte.

Das war im vorigen Sommer noch anders: Da konnte ich spontan und flexibel während jeder Tour in derselben App herumklicken und hätte auf der Hütte am Bergsee auch mein Homeoffice aufbauen können. Da war ich aber auch in den Bergen Sloweniens unterwegs.

Fremdlinks: drei Tipps aus anderen Medien

  • Vier Wochen Corona-Warn-App - eine Zwischenbilanz  (ZDF-Fernsehbeitrag, sieben Minuten, ab Minute 8:12): Seit vier Wochen steht die deutsche Corona-Warn-App jetzt zur Verfügung. Der Informatiker Henning Tillmann spricht im ZDF darüber, was gut läuft, wo es Verbesserungspotenzial gibt und was die Fehlermeldungen bedeuten, die Nutzerinnen und Nutzer verunsichern.

  • "Messenger bieten einen gefährlichen Nährboden für Desinformation"  (SZ.de, vier Minuten Lesezeit): Die Netz-Expertin Ann Cathrin Riedel berichtet im Interview über ihre Untersuchung dazu, wie sich Falschmeldungen in Messenger-Apps verbreiten und warum sie den Begriff "Fake News" nicht mag.

  • "Darknet Diaries Episode 69: Human Hacker"  (Podcast, Englisch, 65 Minuten)
    Chris Hadnagy ist ein Großmeister des Social Engineering. Im Auftrag von Firmen versucht er, deren Mitarbeiter zu überlisten, um ihr Sicherheitsbewusstsein zu schärfen. 2019 hat der SPIEGEL ihn in Las Vegas getroffen , nun gibt er im Podcast "Darknet Diaries" haarsträubende Anekdoten von seinen Aufträgen zum Besten.

Ich wünsche Ihnen eine gute, sommerliche Woche.

Max Hoppenstedt