MSNBC kauft Newsvine Frosch frisst Prinz

Über Jahrzehnte waren die großen Medienmarken die unangefochtenen Könige des Nachrichtengeschäftes. Neben den strahlenden Prinzen aus Web-2.0-Land aber wirken sie wie Frösche - wenig attraktiv. MSNBC zeigt nun, wie man mit so etwas umgehen kann: Man schluckt die neue Konkurrenz.


Was Dailymotion oder Rocketboom, Newsvine oder Stage6 heute sind, war MSNBC noch vor wenigen Jahren: Eine irgendwie neue Art der medialen Plattform, von der man zunächst nicht so recht wusste, wie sie einzuordnen war. 1996 taten sich der US-Sender NBC (82 Prozent) und das IT-Unternehmen Microsoft (18 Prozent) zusammen, einen Nachrichtenkanal aus der Taufe zu heben, der TV-Welt und Internet zugleich bedienen sollte. Elf Jahre später ist MSNBC die Nummer Drei unter Amerikas Nachrichtensendern, ein etabliertes Medienunternehmen, das im Vergleich zu den Web- und Medien-Startups der letzten zwei, drei Jahre schon ganz schön altbacken wirkt.

Küssen verboten: Frosch bleibt Frosch, Prinz bleibt Prinz
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Küssen verboten: Frosch bleibt Frosch, Prinz bleibt Prinz

Und nun erstmals selbst shoppen geht: Für eine nicht benannte Summe kaufte MSNBC Ende letzter Woche die Social-News-Seite Newsvine.

Die kombiniert fröhlich und ohne auf Handwerksregeln oder Markenimages Rücksicht nehmen zu müssen Nachrichten aus allen möglichen Quellen: Da treffen News-Schnipsel aus etablierten Medien auf Beiträge von Bloggern, da kommentiert die Nutzerschaft frei von der Leber weg, da machen sich Newsvine-Nutzer zu Korrespondenten, vor allem aber zu Redakteuren: Newsvine steht für eine neue Form der Nachrichten-Sammelseite.

Denn anders als bei etablierten Medien, bei denen professionelle Redaktionen für Auswahl und Produktion von Nachrichten sorgen, oder News-Aggregatorenseiten wie Google News, die sich ihre Inhalte automatisiert von den Seiten etablierter Medien zusammenklauben, entscheiden bei Newsvine die Nutzer selbst darüber, was gerade wichtig ist in der Welt.

Was dabei heraus kommt, ist mitunter nur ein deutlich meinungsfreudigeres Spiegelbild der großen Nachrichtenseiten, öfter aber ein wilder Mix von Nachrichten aus unterschiedlichsten Quellen, wie ihn sich in dieser Zusammenstellung keine professionelle Newsseite würde leisten können. Was deshalb früher für Abneigung gegenüber solchen von Laien zusammengestellten Angeboten führte, weckt bei den etablierten Nachrichtenmachern heute eher Begehrlichkeiten.

Der Rubel rollt, aber in andere Taschen

Denn sie beobachten gegenläufige Trends, die ihnen nicht so recht schmecken wollen. So wächst zwar der Web-Werbemarkt weiter mit exorbitanten Zuwachszahlen, von denen andere Mediengattungen nur träumen können. Doch der größte Teil dieses Werbegeld-Zuwachses fließt gar nicht mehr in die Taschen traditioneller Medienunternehmen. So heißt der weltweit größte Profiteur am Web-Werbeboom natürlich Google.

Und auch in Deutschland, wo der Web-Werbemarkt heuer gegenüber dem Vorjahr um sagenhafte 67 Prozent wachsen soll, wie der Branchenverband Bitkom prognostiziert, fließt viel frisches Geld in die Taschen von Anbietern wie YouTube oder MyVideo. Die meisten klassischen Medienseiten hoffen derweil im laufenden Geschäftsjahr auf Zuwächse im Bereich von 25 bis 30 Prozent.

Dazu kommt, wie eine aktuelle Studie von Comscore Media Metrix in den USA ausweist, dass klassische Medienseiten zwar noch immer kräftig neue Nutzer gewinnen. Die aber halten sich dort nicht lange auf: Die Nutzungsdauer klassischer Nachrichtenseiten sinkt, behaupten die Marktforscher. So sei die durchschnittliche Nutzungsdauer etablierter Portalangebote wie Yahoo oder AOL im letzten Jahr um satte zehn Prozent gesunken. Für die Marktbeobachter ein Zeichen sinkenden Einflusses im Medienmix des Webs: Der Erfolg klassischer Portalseiten, die möglichst vielfältige Angebote machen wollen, um ihre Nutzerschaft auf der eigenen Seite zu halten, geht klar zurück.

Die großen Betreiber und Medienmarken reagieren darauf, indem sie die Brieftasche zücken. Die Entwicklungsabteilungen etablierter Medienmarken brummen, ständig werden die Angebote aufgebohrt, um sie dynamischer und im Sinne von Web 2.0 interaktiver zu machen. Das aber hat Grenzen: Während sich Google News noch erlauben kann, die im Angebot zusammengetragenen Nachrichten anderer Unternehmen durch zusätzliche Kommentare der involvierten Parteien aufzusexen, sind die Angebote etablierter Medienmarken an die journalistischen Grundregeln und an Qualitätskriterien gebunden. Zu viel völlig freie Nutzer-Einbindung läuft da nicht.

Da bleiben zwei Alternativen: Entweder, man versucht, am Werbevolumen anderer mit zu verdienen - oder man schluckt die Konkurrenz gleich ganz. Den ersten Weg wählten in den letzten Jahren gleich mehrere Medien- und Web-Firmen, indem sie Media-Vermarkter und Web-Werbenetzwerke aufkauften. Und auch die populärsten neuen Inhalte-Plattformen fanden natürlich schnell Käufer aus dem etablierten Feld.

Rund zehn Milliarden Dollar, rechnet Anick Jesdanun von der Nachrichtenagentur AP auf, nahmen allein die US-Unternehmen Google, Microsoft, Time Warner und Yahoo im letzten Jahr in die Hand, um Angebote wie YouTube oder Flickr, aber auch Werbe-Dienstleister wie Doubleclick und andere aufzukaufen. Auch in Deutschland steht eine einst klar als Medienhaus etablierte Marke wie Holtzbrinck längst auch für Angebote wie My-Hammer.de, wo man im Auktionsverfahren die Dienste von Elektrikern oder Fliesenlegern, aber auch von Ganzkörper-Masseusen oder Intim-Friseuren ersteigern kann.

MSNBC verleibt sich nun Newsvine ein, eines der populärsten Angebote im Bereich der von Nutzern zusammen gestellten Nachrichtenangebote. So etwas war vor kurzem noch Pfui, gilt aber längst als Hui, denn Umsatz adelt. Und die Perlen aus dem Laien-Angebot lassen sich ja auch auf der Profi-Plattform gebrauchen: MSNBC will nach eigenen Angaben Elemente des Newsvine-Angebotes über seine Webseiten zugänglich machen, das Angebot ansonsten aber angeblich nicht antasten.

pat

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