Musik-Piraterie "Drei Jahre Knast sollten abschreckend wirken"

Lange war es ruhig an der P2P-Front, jetzt melden sich die Industrieverbände zurück: In den USA hagelt es Abmahnungen. Rückendeckung erhält die Musikindustrie durch ein texanisches Kongressmitglied. John Carter hält schwedische Gardinen für die ultimative Lösung.


Haftanstalt: Exempel gegen P2P-Nutzer?
DDP

Haftanstalt: Exempel gegen P2P-Nutzer?

Rund 300 Unternehmen in den USA erhielten in den letzten Tagen Post von der Recording Industry Association of America (RIAA): Arbeitnehmer der angeschriebenen Unternehmen, ist den Briefen zu entnehmen, hätten über Firmennetzwerke Musikdateien über P2P-Netzwerke angeboten.

Das kann teuer werden, insbesondere in den USA: Bis zu 150.000 Dollar pro Song könnte die Industrie vor Gericht erstreiten, glauben Rechtsexperten. In einem Fall, sagt die RIAA, sei sie auf einen Club emsiger Büroarbeiter gestoßen, der rund 20.000 Dateien angeboten habe. Das machte dann 3.000.000.000 Dollar - auch ein Geschäftsmodell, um die dringend notwendige Sanierung der Branche hinzubekommen.

Umgehend kam es zu Protesten von Seiten der betroffenen Firmen, die zudem Schützenhilfe von unerwarteter Seite erhielten. Die Information Technology Association of America legte förmlich Einspruch ein: In Zeiten, in denen sie mit der Sicherung ihrer Netzwerke gegen Terror und Hackerei beschäftigt seien, könne man kaum erwarten, dass man Zeit dafür investiere, ein paar unartige Angestellte zu verfolgen. Pikant daran sind die Mitglieder darin: Der Hightech-Verband wird federführend von Unternehmen wie Microsoft und IBM getragen - Speerspitzen im Kampf gegen die Software-Piraterie.

Doch die RIAA-Briefe sind wohl sowieso eher als Warnschuss zu verstehen. Keine der höflichen, aber bestimmten Abmahnungen enthält die konkrete Androhung einer Klage. Es wird allein darauf verwiesen, dass hier Rechtsbrüche vorliegen, die geahndet werden könnten.

Branchenbeobachter sehen darin den Versuch, Denkprozesse anzuregen, wie sie beispielsweise an Amerikas Universitäten längst gegriffen haben: Dort wird es immer schwerer für Studenten, breitbandige Internet-Zugänge für P2P-Börsen zu nutzen. Abmahnungen und Verweise machten bereits im letzten Sommer Schlagzeilen, inzwischen herrscht relative Ruhe.

Allerdings nur relative, denn noch immer nutzen Millionen von Studenten die Uni-Netze für P2P-Anwendungen - und sei es vor allem im Download, heute weniger häufig als Anbieter. Selbst Downloads werden seit neuestem eingeschränkt, nachdem die RIAA Amerikas Unis im Februar mit entsprechenden Mahnbriefen eindeckte. An vielen Unis ist der Datenverkehr pro Student mittlerweile auf 1,5 GB pro Woche limitiert.

Lösungsvorschlag: Haft für Downloader

Gestoppt hat das P2P nicht, allenfalls eingeschränkt. 1,5 GB entsprechen etwa dem Download von zwei Kinofilmen im Mpeg-Format, fünf Filmen im Avi-Format oder sage und schreibe 380 Mp3-Musikdateien. Aufgehört haben darum auch die Mahnschreiben der Industrie an die Unis nicht: 20 bis 30 Abmahnungen gäbe es täglich, und die Unis strichen den geouteten Studenten in der Regel umgehend den Internet-Zugang. Der Schock, sagen Universitätsvertreter, reiche in der Regel: Wiederholungstäter seien kein Problem.

Wie mit solchen zu verfahren wäre, weiß der republikanische Kongressabgeordnete John Carter. Er favorisiert als Strategie eine deutliche Abschreckung, mit der sich seinen Schätzungen nach der P2P-Verkehr umgehend um 50 Prozent reduzieren ließe: "Ich denke, wenn man jemanden anklagt und zu drei Jahren Haft verurteilt, sollte das abschreckend wirken".

Carter in einem Interview: "Meiner Meinung nach wäre es eine gute Idee hinauszugehen und ein paar von diesen Kids hopp zu nehmen. Wenn man sehen will, wie sich diese College Kids ducken und rennen gehen, braucht man sie nur in der Zeitung lesen lassen, dass jemand 33 Monate Zuchthaus für Filedownloads kassiert hat".

Harte Töne, die nur aus ihrem Kontext zu verstehen sind: In den USA hat gerade eine Expertenkommission entdeckt, dass aus den Erlösen von P2P-Diensten Terrornetzwerke finanziert würden. Denen geht es finanziell dann wohl eher dreckig, denn viel kommt bei dem Geschäft bisher nicht rum: Im Gegensatz zu ihren legalen Konkurrenten sind P2P-Börsen grundsätzlich kostenfrei. Das Ganze gemahnt dann auch eher an das fast karmpfhafte Sammeln immer neuer Gründe für eine drakonischere Verfolgung der P2P-Betreiber. Die, war letzte Woche in der US-Presse zu lesen, tolerieren über ihre Netzwerke auch den Tausch pornografischer Dateien - eine nicht unbedingt brandheisse Neuigkeit.

Auch in Deutschland lebt die Diskussion um P2P wieder auf. Erneut aufgekommenen Gerüchten, die Musikindustrie plaziere bewusst virenverseuchte Dateien in Börsen, treten aber die Phonoverbände entgegen. Richtig sei allerdings, so ihr Sprecher, Hartmut Spiesecke, dass manche Plattenfirmen Börsen wie KaZaA mit inhaltlosen Schrottdateien überfluteten, um die P2P-Nutzer zu frustrieren. Mit der Novelle des Urheberrechts zeichnet sich auch in Deutschland ab, dass es in Zukunft zu Strafverfolgungen auch von bloßen P2P-Nutzern kommen könnte. Denkbar wären Strafen bis zu 1000 Euro pro Datei.

Frank Patalong

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.