Musiktausch Napster macht's nicht mehr ohne Filter

Um ihrer Schließung zuvorzukommen, hat sich die Musiktauschbörse Napster vor dem Berufungsgericht in San Francisco zu Zugeständnissen bereit erklärt. Künftig sollen Filter das Herunterladen geschützter Titel verhindern.


Das Napster-Programm wird sich wohl lichten
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Das Napster-Programm wird sich wohl lichten

San Francisco - Anwälte der gegen Napster klagenden Musikindustrie hatten Richterin Marilyn Hall Patel aufgefordert, Napster sofort schließen zu lassen. Patel kündigte nach der Anhörung an, eine einstweilige Verfügung vorbereiten zu wollen. Einen Termin nannte sie nicht.

In Napster werde ein Hilfsprogramm eingebaut, das zunächst rund eine Million geschützte Titel ausblende, sagte Napster-Anwalt David Boies. Weitere Titel würden folgen. Der Industrie-Anwalt Russ Frackman sagte dagegen: "Unserer Meinung nach sollte es in diesem späten Stadium (des Verfahrens) keine Verhandlungen über Formate geben."

Fünf große Musikfirmen hatten Napster im Dezember 1999 wegen Urheberrechtsverletzungen verklagt. Patel hatte im Sommer gegen Napster eine einstweilige Verfügung erlassen, nach der Napster seinen Benutzern den Zugang zu urheberrechtlich geschütztem Material verhindern muss. Auch ein von Napster angerufenes Berufungsgericht entschied im Sinne der Industrie und verwies den Fall zurück an Patel.

Nach der Anhörung sagte die Präsidentin der Musikfirmen-Vereinigung (RIAA), Hilary Rosen, es seien große Fortschritte gemacht worden. Napster-Chef Hank Barry rief dazu auf, eine Lösung im Interesse von Konsumenten und Künstlern zu finden. "Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, dass die Napster-Nutzer die leidenschaftlichsten Musikfans und besten Kunden der (Musik-)Industrie sind", sagte er. Auf Seiten der Kläger nahmen auch Vertreter der Musiker Dr. Dre und der Gruppe Metallica an der Anhörung teil.

Unklar blieb, welche Auswirkungen ein Filtersystem auf die Beliebtheit von Napster haben würde. Napster hat geltend gemacht, dass die Suche nach verbotenen Titeln das System verlangsamen würde. Zudem haben sich im Internet zahlreiche Alternativen entwickelt, die im Gegensatz zu Napster keine zentrale Anlaufstelle benötigen. Dieses als Peer-To-Peer bezeichnete Verfahren gilt als wesentlich schwerer zu kontrollieren. Der Analyst Malcolm Maclachlan von der International Data Corp. sagte: "Der Haupteffekt wird sein, dass die Nutzung von Peer-to-Peer-Netzwerken wie Aimster und Gnutella wachsen wird."

Napster hatte Mitte Februar zusammen mit der Bertelsmann-Tochter Digital World Services (DWS) angekündigt, mit einer neuen Technologie zukünftig die Nutzung von übertragenen Dateien kontrollieren zu können. Bertelsmann will Napster als strategischen Partner in ein kostenpflichtiges Angebot umwandeln, an dem sich neben der Bertelsmann Music Group (BMG) auch andere Musikfirmen beteiligen könnten. Die anderen großen Konzerne haben das Angebot jedoch abgelehnt.

Etwa 60 Millionen Menschen benutzen zurzeit die Web-Site, um Musikdateien auszutauschen. Bei jeder Sitzung laden sie eine Liste von Liedern hoch - Schätzungen der Musikindustrie zufolge im Schnitt etwa 200 - die sie zum Tausch anbieten. Im Gegenzug können sie von anderen Nutzern Musikstücke herunterladen. Den Schätzungen zufolge kann über Napster auf theoretisch etwa 1,2 Milliarden Lieder zugegriffen werden. Die Musikdateien selbst können mit Hilfe einer CD-ROM von einer normalen Musik-CD gewonnen und zur Übertragung in ein Dateiformat mit dem Namen MP3 verwandelt werden. Laut Umfragen nutzt etwa jeder zehnte deutsche Internet-Benutzer Napster.

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