MySpace Was heißt im Netz schon Treue?

MySpace ist ein Mega-Erfolg, populär rund um den Globus. So wie seine Vorläufer. Und wie seine potentiellen Nachfolger - denn im Netz ist nichts ewig cool, und die Nutzer ziehen schnell weiter.

Bertelsmann plane, ein eigenes MySpace aufzubauen, war vor einigen Tagen zu lesen. Man muss sich fragen, warum: Es gibt schließlich Angebote, die ganz ähnlich funktionieren, recht etabliert sind und außerdem bestimmt billig zu haben.

Friendster zum Beispiel: Die angeblich archetypische Social-Networking-Seite ging schon 2002 online, ein Jahr vor MySpace, und gilt als Vorbild und Muster für die Nachahmer - von denen allerdings nur einer wirklich erfolgreich ist: MySpace.

Oft sind es die Kopierer von Kopien origineller Konzepte, die im Web (egal welche Nummer) Erfolg haben. Das gilt auch für Friendster, denn eigentlich wurde das solchen Community-Seiten zugrunde liegende Konzept von einer Firma namens Xanga erstmals eingeführt. Dieser Foto-, Blogging- und Networking-Dienst ging 1998 an den Start, entwickelte sich vor rund sechs Jahren zum Archetypus aller MySpace-ähnlichen Dienste und hat bis heute in den USA einigen Erfolg.

Friendster dagegen ist eine absolut Web-typische Flopgeschichte. Bis zum April 2004 galt Friendster als einflussreichster und erfolgreichster Social-Networking-Service überhaupt: Wie Tempo, Hoover oder Kleenex schien die Marke auf dem Weg, einer ganzen Klasse von Angeboten ihren Namen aufzudrücken. Als MySpace aufkaum, wurde es in den frühen Beschreibungen ständig über Friendster definiert: indem man die kleinen, spezifischen Unterschiede zum großen Vorbild schilderte. Was für eine Erfolgsstory, die keine ist: In der öffentlichen Wahrnehmung schoss die Seite von Null auf Hundert, hielt sich dann eine kleine Weile - und verpuffte regelrecht.

Heute steht die Website auf Platz 14 der Social-Networking-Seiten und stirbt langsam vor sich hin. Die wenig überraschenden Gründe analysierte die "New York Times" kürzlich in einem bemerkenswerten Artikel. Sie lassen sich mit Begriffen wie Selbstüberschätzung und Größenwahn zusammenfassen.

Friendsters Niedergang:

Phase 1: Gründer Jonathan Abrams erlebt den Boom von Friendster und glaubt, ihm gehöre die Welt - zumal Risiko-Kapitalgeber ihm Geld hinterher werfen. Abrams macht den Fehler, deren Kapital zu nehmen (wie einst die Eigner von Napster).

Phase 2: Die neuen Teilhaber und Abrams träumen von einer Ausweitung des Markenkerns. Sie glauben, sie hätten die Kontrolle über die virtuelle Spielwiese, und diktieren vergleichsweise strenge Regeln - wogegen Netz-Nutzer notorisch allergisch sind (wie einst bei Napster). Viele beginnen, bei MySpace Musik-Fanprofile anzulegen, weil sie das bei Friendster nicht mehr dürfen, denn...

Phase 3: ...Abrams und Co glauben, den Schwung der Masse nutzen zu können, um via Friendster völlig andere Dinge wie IP-Telefonie anzubieten. Dazu kommt es zwar nie, zu einer Weiterentwicklung von Friendster aber auch nicht. Abrams steht übrigens kurz davor, von seinen eigenen Kapitalgebern abgesägt zu werden (wie einst bei Napster).

Phase 4: Abrams ist kaltgestellt, und die Banker und Investoren steigen (wie einst bei Napster) ernsthaft in die Diskussion um viel versprechende Business-Strategien ein. Derweil reden die User miteinander, wo man sich denn sonst virtuell treffen könnte, statt in dieser rapide verfallenden, lahmen Bude (wie einst bei Napster). Da die Business-Strategen in der Chefetage eine andere Sprache sprechen als diese pubertäre Klientel, verstehen sie gar nicht, was vorgeht.

Phase 5: Während MySpace für 580 Millionen Dollar verkauft wird (später YouTube für aberwitzige 1,65 Milliarden Dollar), geht den Friendster-Besitzern auf, dass sie frühere Offerten bis zu 30 Millionen Dollar hätten akzeptieren sollen.

Phase 6 wird noch folgen: Irgendwer wird den Markennamen und die Website zum Schnäppchenpreis kaufen. Der Neuanfang wird wahrscheinlich der Anfang vom Ende der Geschichte.

Pokern lohnt sich also nicht, und auch die Entwicklungsfähigkeit etablierter Angebote ist offenbar eingeschränkt. Gerade Community-basierte Seiten sind solange erfolgreich, wie die Community das Gefühl haben kann, dass ihr das Angebot gehört. Änderungen der Spielregeln wirken da tödlich - was die geschäftliche Verwertbarkeit deutlich einschränkt. Regelrecht suizidal ist es aber, wenn man den Nutzern Neuigkeiten anstelle der Dinge bietet, die sie eigentlich wollen (siehe Friendster).

Bei MySpace ist tatsächlich gerade eine massive Veränderung des Geschäftsmodells in Vorbereitung: Künftig will MySpace sein Geld als Musikshop verdienen - zuerst durch den Verkauf von Musik unbekannter Bands (bekommt man dort bisher umsonst), später auch als Shop-Outlet für die großen Plattenfirmen. Ob es den Nutzern schmecken wird, zu erleben, wie aus ihrem Cliquen-Treffpunkt ein Gewerbegebiet wird? Die Alternativen zu MySpace stehen schon. Und es gibt erste Indizien dafür, dass die Nutzerwanderung eingesetzt hat.

Die Flatterhaftigkeit der Web-Nutzer - Begriffe wie "Markentreue" stammen für sie aus dem letzten Jahrtausend - hat jedenfalls auch die "Washington Post" schon entdeckt. In einem aufschlussreichen Feature wagt Reporter Yuki Noguchi die Prognose, dass auch MySpace eine massive Abwanderung bevorsteht.

Schon jetzt sei ein Trend weg von MySpace festzustellen, das von Jugendlichen als "so was von letztes Jahr" wahrgenommen werde. Es gehe hin zu Facebook. Schwer vorzustellen ist auch, dass die heute Elfjährigen in fünf Jahren als cool sehen werden, was die heute 16-Jährigen aktuell für cool halten. "Es ist hart, ein Online-Publikum zum Bleiben zu bewegen", sagt Noguchi. Wohl wahr.

P.S.: Soeben hat MySpace angekündigt, per Filtersoftware Copyright-geschütztes Material aus seinem Angebot entfernen zu wollen. Nutzer, die bei diesem Großreinemachen als mehrfache Copyright-Verletzer auffallen, sollen gleich mit vor die Tür gekehrt werden.

P.P.S.: Friendster-Gründer Jonathan Abrams bereitet derzeit den Launch eines neuen Social Networks vor. Bei "Socializr" soll nicht mehr das veröffentlichende Community-Mitglied im Mittelpunkt stehen, sondern die überbrachte Information. Abrams glaubt, hierin den nächsten Trend zu sehen: Nutzwertinformation wie Party-Termine und andere Fun-Infos, mit denen man etwas anfangen kann. Das Ganze nennt er eine "Web 3.1-Firma", was ähnlich "willkürlich und dämlich wie Web 2.0" sei, aber "sogar noch alberner und 55 Prozent cooler".


Am Donnerstag, 2. November 2006, lesen Sie in der Netzwelt:

YouTube: Verkauf zur rechten Zeit?
Kaum ein Web-Angebot generiert so viele Nachrichten wie YouTube, genießt so große Aufmerksamkeit. Genau da liegt das Problem: YouTube droht, vom eigenen Erfolg in die Saubermann-Ecke gedrängt zu werden. Da will die Community aber gar nicht hin.

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