Mysteriöse Satellitenaufnahmen Experten enträtseln Gobi-Geheimnisse

Gigantische geometrische Muster und geheime Flugplätze, mitten in der Wüste - was hat es mit den geheimnisvollen Satellitenaufnahmen aus China auf sich? SPIEGEL ONLINE befragte Experten nach ihrer Einschätzung, und tatsächlich: Einige Rätsel sind gelöst, doch auch neue Fragen wurden aufgeworfen.
Satellitenaufnahme bei Google Earth: Was hat es mit dem Bildern auf sich?

Satellitenaufnahme bei Google Earth: Was hat es mit dem Bildern auf sich?

Foto: Google Earth

Seit Tagen wird im Netz diskutiert: Was ist auf den Satellitenaufnahmen der Wüste Gobi, die sich über Google Maps aufrufen lassen, wirklich zu sehen? Am Dienstag berichtete SPIEGEL ONLINE über die merkwürdigen geometrischen Figuren und Strukturen, die auf Satellitenbildern der Region erkennbar sind. Handelt es sich tatsächlich um ein chinesisches Gegenstück zum US-Testflugplatz Nellis Air Force Base in der Wüste von Nevada, der auch als Area 51 bezeichnet wird? Handelt es sich also um geheime militärische Testanlagen? Oder lassen sich die teils kilometerlangen Muster auch anders erklären?

"Ich habe schon viele Satellitenbilder gesehen, aber das ist wirklich eine ganz harte Nuss", erklärt der freiberuflich arbeitende Diplomgeograf und Fernerkundungsexperte Rainer Stuhrmann gegenüber SPIEGEL ONLINE und ergänzt: "Man muss schon sagen, das sind sehr mysteriöse, aber auch sehr spannende Aufnahmen." In einem Punkt ist er sich sicher: "Mit extraterrestrischer Existenz, Aliens und ähnlichen Schauermärchen hat das absolut gar nichts zu tun - das sind ganz klar vom Menschen gemachte Strukturen".

Überwiegend würden die abgebildeten Anlagen wohl militärisch genutzt, sagt Sascha Klonus, Diplomumweltwissenschaftler und Experte für Geoinformatik und Fernerkundung an der Uni Osnabrück. Dieselbe Meinung vertritt auch Elmar Csaplovics, Professor für Geofernerkundung an der Technischen Universität Dresden und weist darauf hin, dass gerade der militärische Bereich manchmal scheinbar unerklärliche Phänomene hervorbringt.

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Google Maps: Mysteriöse Strukturen im chinesischen Wüstensand

Foto: Google Earth/ DigitalGlobe

Grundsätzlich, so Csaplovics, seien alle Versuche, die Bilder aus der Gobi-Wüste zu interpretieren, mit Vorsicht zu betrachten. In der seriös agierenden Fernerkundungsgemeinschaft gelte die Regel: Nichts ist sicher, alles ist wahrscheinlich. "Wo es Zweifel gibt, hilft allemal nur die gezielte Geländeverifikation, doch das würde im vorliegenden Fall wohl etwas schwierig", sagt der Experte.

So lassen sich, mit Hilfe von Fachleuten, schlauen Lesern und ein wenig Recherche den mysteriösen Bildern einige ihrer Geheimnisse entlocken.

Der geklonte Flugplatz

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Mysteröse Bilder aus der Wüste Gobi: Der geklonte Flugplatz

Foto: Google Earth/ GeoEye

Was hat dieses blau leuchtende Gebilde zu bedeuten? Offenbar haben chinesische Militärs hier einen kompletten Flugplatz in den Sand gemalt. Flugbewegungen finden hier ganz offensichtlich nicht statt, die Landebahnen sind nicht echt. Dafür finden sich etliche große weiße Markierungen auf dem Gelände und in dessen Umgebung.

Eine Bildstörung jedenfalls ist es nicht. Elmar Csaplovics sagt, die Markierungen würden "eindeutig auch wirklich im Terrain existieren", weil die Strukturen in sich heterogen sind und Merkmale des ungestörten Umfelds dort weiterverfolgt werden können. Alles deute auf einen militärischen Übungskomplex hin. "Die Kreis- und Kreuz-Markierungen könnten als Zielmarken für leichtes Bombardement oder Beschießen dienen. Das offenbar aber nur simuliert, denn Bombenkrater sind nicht zu sehen."

Tatsächlich handelt es sich um einem 1:1-Nachbau eines großen Militärflugplatzes an der Küste Taiwans. Möglicherweise in den Sand gezeichnet, um Luftwaffenpiloten exakte Zielübungen an einem realistischen Ziel zu ermöglichen.

Die gigantischen Gitter

Chinesische Fenstergitter in XXL: Geometrische Muster in der Wüste

Chinesische Fenstergitter in XXL: Geometrische Muster in der Wüste

Foto: Google Earth/ DigitalGlobe

Die geometrischen Muster, die auf zwei Bildern zu sehen sind, folgen der Formsprache historischer chinesischer Fenstergitter. Offenbar handelt es sich dabei um Muster, die der sogenannten parametrischen Formsprache  folgen. Sie bestehen aus Polygonalen, die durch Trennlinien jeweils in weitere Polygonale aufgespalten werden. Oft werden die Formen dabei so konstruiert, dass sie zur Mitte hin eine dreieckige oder quadratische Form ergeben. Früher wurden solche Fenster in China anstelle von Glasfenstern verwendet. Sie sollten einerseits für eine gute Durchlüftung in warmen, schwülen Regionen sorgen und andererseits Vögel und anderes Getier aus dem Haus fernhalten. Heute beschäftigen sich Mathematiker   und Informatiker  damit.

Der Fernerkundungsexperte Stuhrmann vermutet, "dass es sich um spezielle Erkennungsobjekte handelt, die man für militärische Übungen auch noch aus dem All identifizieren können soll." Die Strukturen seien so riesig und asymmetrisch und damit so unverwechselbar, "dass sie aus sehr großer Höhe hervorragend zu erkennen sind. Eine Nutzung, die sich auf die Erde beschränkt, dürfte daher unwahrscheinlich sein."

Elmar Csaplovics ist sich sicher, dass diese riesigen Strukturen tatsächlich so im Gelände existieren, da die unterliegenden morphologischen Details durchgehend erkennbar sind. Sascha Klonus sieht überdies Spuren der Alterung: "Es sieht so aus, als seien diese Strukturen mit Farbe gestrichen worden und man habe sich danach nicht mehr so richtig um sie gekümmert; man erkennt Spuren von Schlamm und Regen. Neben den hellen Linien sind mehr Reifenspuren zu erkennen als auf den Linien - vielleicht hat man von der Seite die Linien angestrichen."

Die zum Kreis geparkten Militärfahrzeuge

Kreisrunde Struktur: Vermutlich ein Übungsziel

Kreisrunde Struktur: Vermutlich ein Übungsziel

Foto: Google Earth/ DigitalGlobe

Bei diesem Bild sind sich die Experten einig und bestätigen damit frühere Vermutungen: Die kreisrund angeordnete Struktur mit drei Jets im Zentrum ist ein Übungsziel. Eine militärische Nutzung für Luftwaffenübungen sei sehr naheliegend, sagt Rainer Stuhrmann. Sowohl er als auch Csaplovics glauben, auf den Bildern Wälle zu erkennen, die sie aufgrund der Schattenwürfe als höher als die Flugzeuge einschätzen. Der Zweck dieser Wälle aber ist unklar.

Der blaue Flugplatz

Zwei Flugplätze: Was hat es mit der Blaufärbung auf sich?

Zwei Flugplätze: Was hat es mit der Blaufärbung auf sich?

Foto: Google Earth

Das sieht schon sehr merkwürdig aus. Zwei Flugplätze, dicht beieinander, der eine stark verwittert, der andere knallblau. "Ich vermute, dass man einfach blaue Farbe verwendet hat, um die Anlage besser zu kennzeichnen. Vielleicht als Zielobjekt für militärische Übungen aus der Luft", sagt Sascha Klonus.

Auch hier sei eine militärische Nutzung sehr wahrscheinlich, weil Hubschrauber und Geländewagen in der Umgebung erkennbar sind. Allerdings müsse die Anlage, das sehe man besonders gut an dem zweiten Landeplatz weiter links, schon älter sein. "Manchmal regnet es auch in der Wüste Gobi heftig, und es sind Spuren der Witterung zu erkennen, Flüsse sind über die Straßen geflossen."

Ein Windpark in der Wüste?

Linienmuster: Windpark oder Rohstoffsuche?

Linienmuster: Windpark oder Rohstoffsuche?

Foto: Google Earth/ DigitalGlobe

Ein Leser wies uns darauf hin, es handele sich hier offenbar um Spuren, die beim Aufbau eines riesigen Windparks entstehen. Die regelmäßigen Linien seien Erdleitungen, mit denen die Windräder untereinander verbunden werden.

Sascha Klonus widerspricht diese These: "Das sieht mir nach Prospektionsspuren aus, als ob hier systematisch nach Erdöl oder Erdgas gesucht worden wäre." Er habe ähnliche Strukturen schon einmal in Tunesien gesehen und stellt fest: "Die Linien liegen auf der Erdoberfläche, nicht darunter."

Das Ionosphären-Labor

Ionosphären-Labor: Wissenschaft oder Abhöranlage?

Ionosphären-Labor: Wissenschaft oder Abhöranlage?

Foto: Google Earth/ DigitalGlobe

Welchem Zweck diese Anlage mitten in der Wüste dient, glaubt Rainer Stuhrmann erkannt zu haben: "Das ist mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine Peil- und Ortungsanlage. Erinnert mich an ähnlich strukturierte Anlagen aus der Zeit des Kalten Krieges. Man erkennt gut die hochgestellten feinmaschigen Netze in der Mitte und die Strommasten, die deutlich Schatten werfen."

Ausgerüstet mit dieser Vermutung lässt sich schnell herausfinden: Stuhrmann hat recht. Tatsächlich handelt es sich offenbar um ein Ionosphären-Labor, also eine Anlage, die zur Erforschung hoher Schichten der Erdatmosphäre genutzt wird. Solche Anlagen sind unter anderem für Kurzwellen-Funkverbindungen wichtig. Und sie könnten genutzt werden, um fremden Funkverkehr abzuhören.

Alien-Pool oder Düngerfabrik?

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Mysteriöse Bilder aus der Wüste Gobi: Kalisalzfabrik von Lop Nor

Foto: Google Earth/ DigitalGlobe

Sehr schnell gab es Klarheit über jenes seltsame, 20 mal 10 Kilometer lange, farblich von Türkis ins Weiße spielende Gebilde. Die Antwort lieferte uns SPIEGEL-ONLINE-Leser Burkhard Meißner: Nicht ein Alien-Schwimmbad sei hier zu sehen, schrieb uns Meißner, sondern eine riesige Anlage zur Gewinnung von Kalisalzen für Düngemittel.

Einmal darauf angestoßen, findet man im Web eine Vielzahl von Informationen über die Anlage und auch Bildern davon. Offenbar werden dort in gewaltigen Becken durch Verdunstung Kalisalze aus damit angereichertem Wasser gewonnen. Fotos, die ein Motorradtourist entlang der Anlage geknipst hat, zeigen, dass die Gegend rundherum eine ausgesprochen trostlose Wüstenlandschaft ist, nur unterbrochen von den Produktionsanlagen der Lop-Nor-Kalisalzgewinnung. Kein Geheimnis also, sondern nur Farbenpracht in mitten der Wüste.

Der doppelte Doppel-X-Flughafen

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Mysteriöse Bilder aus der Wüste Gobi: Der Flugplatz Yaerbashi

Foto: Google Earth

Sehr skurril ist der Flugplatz Yaerbashi, der sich auf den Satellitenbildern entdecken lässt. Er besteht aus insgesamt acht zu einem Doppel-X angeordneten Landebahnen von je 900 Metern Länge. Man könnte vermuten, dass hier Flugschüler trainiert werden. Die allerdings könnten nur mit sehr kleinem Fluggerät üben, denn 900 Meter sind für eine Landebahn sehr kurz. Zum Vergleich: Die drei Hauptlandebahnen auf dem Flughafen Frankfurt sind je vier Kilometer lang.

Noch skurriler wird es aber, weil einige Dutzend Kilometer von Yaerbashi ein nahezu identisch ausgelegter Flugplatz namens Yandung zu finden ist. Der allerdings macht, zumindest bei Google Maps, einen ausgesprochen verfallenen Eindruck.

In Yaerbashi verwirren außerdem zwei Details. Zum einen, dass auf einigen der Ladenbahnen Lkw hübsch aufgereiht geparkt sind. Zum anderen, dass auf den nördlichen Landebahnen geometrische Muster zu sehen sind, die sich im umliegenden Gelände in Form von Achten wiederfinden. Welchem Zweck sie dienen, ist unklar.

Oder doch Terrania?

Romanheld Perry Rhodan: In der Wüste Gobi zuhause

Romanheld Perry Rhodan: In der Wüste Gobi zuhause

Foto: Verlag/ dpa

Nicht auf Anhieb, aber nach einem Klick dann doch einleuchtend war ein Hinweis von Mathias Lilie. Er monierte, die Autoren des Artikels hätten wohl nie Perry Rhodan gelesen. Zur Info für die Jüngeren unter den Lesern: Perry Rhodan ist die Hauptfigur der gleichnamigen Science-Fiction-Romanserie. Seit 1961 erscheinen die Perry-Rhodan-Hefte - mit einer bisher erreichten Gesamtauflage von über einer Milliarde Exemplaren die erfolgreichste Science-Fiction-Serie der Welt.

Sie erklärt, was es mit den merkwürdigen Strukturen in der Wüste Gobi auf sich hat, scheint uns Herr Lilie sagen zu wollen. Er schickte einen Link zu einem bestimmten Eintrag in der Perrypedia , einer Art Wikipedia für Perry-Rhodan-Fans. In diesem Text wird über Terrania, die "Hauptstadt des Solaren Imperiums und der LFT" (Liga Freier Terraner), referiert. Über die heißt es dort: "Terrania bedeckt den größten Teil der ehemaligen Wüste Gobi". Folgerichtig müssten die bei Google Maps sichtbaren Strukturen also die ersten Bauprojekte für die künftige Megastadt (laut Perrypedia 100 Millionen Einwohner) sein.

Allerdings wäre die Bautrupps dann ziemlich im Verzug. Dem Science-Fiction-Online-Lexikon zufolge wurde nämlich die Stadt bereits 1980 unter dem Namen Galakto City gebaut, um "die vollzogene Vereinigung der Menschheit zu dokumentieren".

Auch damit wären wir demnach schon reichlich spät dran.

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