Nachrichten-Community Jürgen Habermas und die Netz-Nerds

In Dresden dachte Jürgen Habermas diese Woche laut über das Internet und die Kommunikation der Zukunft nach. In den USA schickt sich derweil ein sehr Habermas-haftes Webangebot an, den Mainstream zu umarmen.

Wir wissen nicht, ob Digg-Chef Jay Adelson Jürgen Habermas kennt. Jedenfalls scheint das mit immensen Wachstumszahlen gesegnete Webangebot Digg.com  wie eine technologische Umsetzung einer Habermas'schen Grundthese - der von den "deliberativen Verfahren der Willensbildung": Alle sollen möglichst viel miteinander reden, dann kann die Demokratie funktionieren. Vom "spontanen und wechselseitigen Austausch von Argumenten zu relevanten Themen auf der Basis hinreichender Informationen" spricht Habermas - und im Moment wird genau dieser Austausch per Software global neu organisiert.

Habermas hielt am Dienstag bei einer Tagung  in Dresden einen Vortrag über "Die Rolle der Massenkommunikation in westlichen Demokratien". Er sprach auch über das Internet. Dort würden die "Wurzeln einer egalitären Öffentlichkeit von Autoren und Lesern reaktiviert", so Habermas laut "Tagesspiegel". Der Philosoph zitierte den Bildblog als Beispiel einer Gegenöffentlichkeit im Netz - Angebote wie Digg.com kommen in seiner Rechnung noch nicht vor.

Dabei ist dort der "wechselseitige Austausch von Argumenten auf der Basis hinreichender Information" Prinzip: Digg-Nutzer finden Nachrichten im Netz, posten einen Verweis samt Link auf der Digg-Seite, ander Nutzer können sich den Verweis ansehen und ihm ein Lob erteilen - oder auch nicht - und ihn kommentieren. Was von vielen gelobt wird, steigt in der Hierarchie nach oben, wird stärker diskutiert, landet vielleicht sogar auf der Titelseite - und die ist inzwischen ein mächtiges Instrument. Im April 2006 hat Digg, bislang spezialisiert auf Technologiethemen im weitesten Sinne, das Tech-Zentralorgan Slashdot abgehängt, was die Nutzerzahlen angeht. Während bei Slashdot Nutzer zwar Nachrichtenverweise einreichen können, die dann von den Machern der Seite beurteilt und ausgewählt werden, funktioniert Digg automatisch - was viele "diggs" einsammelt, rutscht nach oben.

Das Angebot an Nachrichten, von relevant bis obskur, von Hardcore-Nerdfutter bis Blödel-Boulevard, ist viel größer als bei Slashdot. Und auch die Digg-Community ist groß - 300.000 registrierte Nutzer hat die Seite im Augenblick - aber nicht zu groß, um das Angebot allzu sehr ausfransen zu lassen. Im Mai hatte Digg laut comScore Media Metrix 1,3 Millionen regelmäßige Besucher, 800.000 davon sollen jeden Tag kommen - und nun will man noch mehr. "Wir standen unter großem Druck von der Userbasis, das Angebot zu erweitern", sagte Adelson der Presseagentur AP.

Während in Dresden Kommunikationswissenschaftler und Soziologen über die Zukunft der Kommunikation sprachen, bereiteten die Digg-Betreiber eine Party vor. In einer schicken Kneipe in San Francisco verkündeten sie dann vor rotgetünchten Wänden etwas, wovon die Szene schon seit einiger Zeit gemunkelt hatte: Digg wird ein Mainstreamangebot. Neben Nachrichten über Technologie, Programmiersprachen und Videospiele wird es in Zukunft auch die Kategorien Entertainment, Wissenschaft, "World & Business" und Online Video geben, die Kategorie "Games" wird aus der allgemeinen Technologie-Gruppe ausgegliedert.

Das ist folgerichtig - bei Digg will man sich nicht von den Klonen des eigenen Angebots, die überall im Netz auftauchen, den Rang ablaufen lassen. Auch das AOL-Angebot Netscape   bedient sich seit einigen Tagen der Digg-Mechanik . Selbst optisch erinnert die neue News-Lob-Funktion der Seite fatal an die der Nerdnachrichtensammler. Bei Netscape überlässt man die Endauswahl, die Gewichtung und eventuelle Bearbeitung der Nachrichten allerdings weiterhin Redakteuren. Bei Digg regiert der globale Bienenstock.

Jürgen Habermas warnte in Dresden, obwohl das Internet den Diskurs erleichtere, bestehe die Gefahr, Online-Debatten könnten zu einer Fragmentierung des Massenpublikums in eine Vielzahl themenspezifischer Teilöffentlichkeiten führen. Genau so eine Teilöffentlichkeit trug Digg bislang - es wird sich zeigen, ob die Umarmung des Massenmarktes sich als kluger oder als fataler Schachzug erweist.

Für die alteingesessene Gemeinde gibt es immerhin eine Möglichkeit, sich die befürchteten Neuzugänge, die sich mehr für Jennifer Lopez als für Linus Torvalds interessieren, ein wenig vom Leib, pardon, Schirm zu halten: Ein Merkmal der neuen Digg-Version wird sein, dass sich die Startseite personalisieren lässt. Wer weiterhin nur Nachrichten aus dem Bereich Technologie serviert bekommen und bewerten möchte, der kann das auch in Zukunft tun.

Rafe Needleman, der für "Cnet" über technologische Entwicklungen bloggt, ist dennoch skeptisch: Er wolle gar nicht, schrieb er , "dass Digg die Bookmark-Seite für das ganze Nutzer-Universum wird. Digg hat heute eine großartige, fokussierte Community. Die zu verwässern, indem man Massen von Nicht-Geek-Lesern dazu bringt, wird es nicht besser machen."

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