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27. März 2003, 15:21 Uhr

Nachrichten vom Krieg

"...bereiten sich die USA auf ein Gemetzel vor"

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Wer hat Recht in diesem Krieg? Wieviel Tote gibt es bereits? Alternative Websites stellen Zeugenaussagen gegen die Berichte der Profis. Arabische Online-Medien wettern gegen amerikanische Nachrichtenagenturen. Eine russische Info-Site präsentiert gar angeblich abgehörte US-Funksprüche. Eine Anleitung für die schwierige Suche nach der Wahrheit im Netz.

"Venik's Aviation": Russisches Luftfahrt- und Rüstungsmagazin als Irak-Newsquelle?

"Venik's Aviation": Russisches Luftfahrt- und Rüstungsmagazin als Irak-Newsquelle?

Was stimmt? Ist es so, wie es das britische Verteidigungsministerium darstellt? Dass bis zum heutigen Tag insgesamt 22 britische Soldaten im Irak ihr Leben ließen, die meisten davon durch Unfälle?

Oder ist es so, dass allein gestern und nur bei einem einzigen Überfall nahe Basra acht britische Soldaten starben und mehr als 30 verletzt wurden?

Wenn es so wäre, dann stimmten womöglich auch viele andere Angaben, die eine russische Website derzeit ein, zweimal am Tag verbreitet: Über den stockenden Kampf um einzelne Städte. Darüber, wie die Nachschublinien zerfasern, während die erste Angriffswelle gen Bagdad rollt. Über den Tod von über 40 US-Amerikanern nur beim Kampf um Nassirija. Über die Müdigkeit der Alliierten und darüber, dass der übermäßige Gebrauch von Präzisionsbomben und Raketen die Vorräte schnell erschöpfe. Heute berichtet die Website, dass über 30 Prozent aller "Tomahawk"-Raketen bereits verbraucht seien.

Zwei Berichte am Tag: Das ist nicht viel, dafür steht aber auch besonders viel drin in den nur auf den ersten Blick nüchternen Berichten zur Lage im Irak-Krieg. Mehr noch: Dort stehen ganz andere Dinge, als die, die Großbritannien und die USA die Welt erfahren lassen. Denn das jeder Newsfluss aus dem Irakkrieg gefiltert und manipuliert ist, steht völlig außer Frage. Auch blanke Nachrichten sind Waffen. Zu klären bleibt also stets, wer am wenigsten lügt, verbiegt, verschweigt.

Was ist wahr?

Diese Frage wird man wohl erst in einigen Jahren beantworten können. Entsprechend schnell verbreiten sich die Adressen von Webseiten, die augenscheinlich aktuelle und andere Nachrichten liefern, über das Web.

"Aggression against Iraq": Geheimdienst-Briefings als Nachrichtenquelle

"Aggression against Iraq": Geheimdienst-Briefings als Nachrichtenquelle

Parteiisch sind dabei längst nicht nur die direkt in den Krieg involvierten Nationen und ihre Medien. Deutsche Medien interpretieren das Material, das ihnen Militär und Nachrichtenagenturen liefern, ganz anders als ihre britischen und amerikanischen Gegenstücke.

Über der russischen Nachrichtenseite steht als Motto "Aggression gegen Irak", und damit ist die Perspektive klar. Verfasst werden die Lagebericht-artigen Artikel von "einer Gruppe von Journalisten und Militärexperten aus Russland" - der Website-Betreiber selbst tritt quasi als Gastgeber auf. Diese namenlose Gruppe will ihren Lesern "akkurate und aktuelle Berichte von der Lage im Irak" bieten und stützt sich dabei auf Quellen, die man anderenorts nicht unbedingt zitiert findet: Jeder zweite Absatz verweist auf abgehörte Funksprüche oder Telefonate.

Wer da abhört, daraus macht die Website kein Hehl: Die Artikel seien Übersetzungen von veröffentlichten Berichten des russischen militärischen Geheimdienstes Glavnoye Razvedyvatelnoye Upravleniye GRU. Der stellt in Russland das Gegenstück zur amerikanischen NSA dar und ist auf Spionage mit elektronischen Mitteln spezialisiert. Die Texte finden sich wortgleich auch auf anderen Webseiten, der Quellenvermerk ist immer der selbe.

Möglich ist alles. Die Website wird von "Venik's Aeronautics" unterhalten, von zahlreichen Quellen als "einflussreiche News-Website" zur russischen militärischen Luftfahrtindustrie bezeichnet. Links hin zu Venik's finden sich in diversen Katalogen unter Stichworten wie "Militär", "Rüstungsindustrie" und "Luftfahrt", aber auch auf zahlreichen amerikanischen Websites verwandter Unternehmen bis hin zu Seiten des US-Militärs. Bisher jedenfalls, lernt man da, wurde Venik durchaus ernst genommen. Was also ist wahr?

Eine Frage der Perspektive

"Konfrontiert mit dem Widerstand der irakischen Öffentlichkeit", schreibt heute die World Socialist Web Site WSWS, "bereiten sich die USA auf ein Gemetzel vor". Die Nachrichtenagenturen tickern, in Basra hätten sich die Schiiten revoltierend gegen die irakische Armee erhoben. Völliger Unsinn, meldet al-Dschasira, alles sei ruhig.

Im zweiten Teil: Zeugenberichte, Lobby-Perspektiven und die Sichtweisen des Irak-Kriegs im angrenzenden Ausland - das Internet hat auch die Nachrichten globalisiert und macht uns Medien zugänglich, von denen man früher nur im Fernsehen hörte. Weiter...

Groß ist da die Nachfrage nach abwägenden Quellen, die dem Leser die Suche im Dickicht der Propaganda erleichtern, am besten noch eigenes Zeugentum beisteuern können. Indymedia wagt wie stets den Blick aus der Straßenperspektive: Heute steuert Rosemarie Gillespie ihre Sicht der Dinge zum großen Bilde bei. Sie steht als menschlicher Schutzschild vor einem Wasserwerk in Bagdad und kann berichten, was sie selbst sieht: "Die zielen auf die Brücken".

Mainstream-Medien gegen Indymedia, das ist wie Guido Knoop gegen Bernt Engelmann: Der eine erzählt vom Wüten der Heerführer, der andere vom Leiden der Bauern. Beide tragen zur Wahrheit bei, obwohl sie unterschiedliche Geschichten erzählen.

Das versucht auch das AlterNet, das professionelle Medienquellen mit solche aus dem "egagierten Lager" zusammenführt. Im Gewand einer Nachrichtenseite kommt ElectronicIraq daher, eine Kooperation zwischen dem humanitären Irak-Projekt Voices in the Wilderness und der Electronic Intifada, einem höchst parteiischen alternativen News-Netzwerk: "Gegen die israelische Maschinerie" heißt das Motto der Organisations-Website.

Eng verwandt ist die Website des Iraq Peace Team, die dem Newsfluss der tagesaktuellen Medien den Zeugenbericht entgegen stellt: Auch diese Website kommt aus den Kreisen von Voices in the Wilderness, einer Organisation, die sich als "absolut gewaltfrei" bezeichnet - die zur Electronic Intifada und ihrer Glorifizierung des gewalthaltigen Widerstands aber keine Berührungsängste zu haben scheint. Zeugenberichte sammelt auch Jeremy Scahill von Democracy Now! auf seiner Website IraqJournal - dem Trommelfeuer der Kriegsnachrichten können die freien, alternativen Nachrichtenanbieter fast nur noch die subjektive Perspektive entgegensetzen.

Die andere Profi-Perspektive: Arabische Medien

Das wirklich aktuelle Ereignis hingegen findet kaum einen Niederschlag. Zum Glück mehrt sich auch die Zahl der ins Englische übertragenen arabischen Newsseiten. Al-Dschasira, eine Quelle, auf die viele hoffte, überlebte im Web nur wenige Stunden, bevor das arabische CNN-Gegenstück von wahrscheinlich amerikanischen Hackern so gründlich abgeschossen wurde, dass die Server völlig kollabierten.

Doch es gibt noch zahlreiche andere Quellen von stramm islamistisch bis zu moderat. Zu letzteren könnte man ArabicNews zählen, die gerade deshalb einen interessanten Einblick in die Effekte des Krieges auf muslimische Gesellschaften bieten.

IraqDaily ist da eher ein Etikettenschwindel: das WorldNewsNetwork sammelt hier einfach AP- und Reutersmeldungen, die meisten Quellen scheinen den Yahoo!-News "entliehen". Weit originärer sind da schon die Angebote der Tageszeitungen aus verschiedenen Nationen der Region (siehe Linkverzeichnis). Einige, wie Kurdishmedia, haben natürlich ihre spezifische Perspektive. Bei anderen, wie Al Thawra, klingt unverhohlen die Wut über den Angriff aus dem Westen durch.

All das sind nicht mehr als Schlaglichter auf die Realität aus wechselnden Perspektiven. Genau das aber hat erst das Internet in dieser Form für jedermann möglich gemacht: Wer will, surft hinaus und sieht sich an, wie andere Menschen auf Nachrichten reagieren, wie sie sie deuten und bewerten. Die Propaganda ist überall, aber man muss sich ihr zumindest nicht ausliefern. Irgendwann dann weiß man, wer am wenigsten gelogen hat über diesen Krieg.

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