Nachrichten-Zocker Hillary gewinnt, die Krise kommt - Jesus nicht

Wird der trudelnde US-Spionagesatellit über bewohntem Gebiet einschlagen? Greifen die Amerikaner den Iran an? Kauft Google die New York Times? Wer das glaubt und recht behält, gewinnt bei Hubdub. Bei dem Online-Wettbüro wird auf alles gesetzt, was Schlagzeilen macht.

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Nach aktuellen Nachrichten kann man regelrecht süchtig werden, weiß Nigel Eccles, der sich selbst als News-Junkie sieht. Und weil er aus dem Wettgeschäft kommt, lag die Idee für seine Website Hubdub nahe: Er lässt auf die Weiterentwicklung aktueller Nachrichten wetten. Das hat was.

Eigentlich, erkennt man schon nach dem ersten Blick auf Hubdub, sind die meisten von uns doch Optimisten, und ganz sicher wird am Ende auch alles gut: Der trudelnde US-Spionagesatellit wird nicht über bewohntem Gebiet einschlagen (glauben 86 Prozent der Hubdub-Wetter), die USA werden Iran bis zum 5. Februar nicht angreifen (95 Prozent) und Google wird die "New York Times" in diesem Jahr nicht aufkaufen (87 Prozent). Dass aber Rudy Giuliani wie John Edwards (68 Prozent) schon mal seinen Urlaub planen durfte, wussten die Hubdub-Nutzer schon am Dienstag: Am Mittwochmorgen erklärten 82 Prozent von ihnen den Wahlkampf der beiden für beendet. Kurz darauf setzten die Hubdub-Macher alle Wetten auf die Kandidatur-Bewerber aus.

Solche visionären Weisheiten, solche Ausblicke in die Zukunft der Nachrichten sind das Resultat von Wetten, platziert auf Hubdub, einer erst seit Montag aktiven Webseite, die sich zum einen als Nachrichten-Sammelseite, zum anderen als eine Art Resultats-Vorhersage versteht. Anders als aktuelle Nachrichtenseiten wie SPIEGEL ONLINE oder Aggregatoren wie Google News ist Hubdub nicht an der Nachricht selbst interessiert, sondern daran, was einmal aus ihr wird.

Ausgedacht hat sich das alles der Schotte Nigel Eccles, einst Angestellter eines Verlages, später eines Online-Buchmachers, für den er Sportwetten für News-Seiten entwickelte. In dieser Zeit, sagt Eccles, begriff er, wie spannend die Verbindung von Nachricht und Wette sein kann. Er schaffte es, drei Kollegen von der Hubdub-Idee zu überzeugen, seit Montag setzen sie von Edinburgh aus auf die Intelligenz des Online-Zocker-Schwarms.

Denn anders als bei den auf vielen News-Webseiten angebotenen Votes ist der Hubdub-Zocker gehalten, nicht Meinung zu äußern, sondern Einschätzungen, von denen er glaubt, dass sie realistisch sind. Liegt er richtig, gewinnt er, liegt er falsch, wird er arm. Einsatz ist zwar eine virtuelle Währung, aber das kennt man ja auch vom Monopoly: Für Wetter, weiß Eccles, ist es völlig egal, ob das gesetzte Geld echt ist oder falsch, es ist nur dazu da, den Spaß zu erhöhen - und um das Prestige des Spielers zu taxieren.

Denn letztlich geht es bei Hubdub darum, Recht zu haben - und Besserwisser erkennt man dort an der Dicke ihrer virtuellen Brieftasche. Im Augenblick jagt alles den Nutzer und Ober-Durchblicker "Chris", der die "Leaderboards" der erfolgreichsten Nachrichten-Vorhersager souverän mit fast 12.000 Hubdub-Dollar anführt.

Ohne den Hubdub-Dollar geht gar nichts

Das Ganze funktioniert so: Bei der Anmeldung erhält jeder neue Nutzer 1000 Hubdub-Dollar. Dazu kommt ein Taschengeld von 20 Hubdubs am Tag. Dieses Geld setzt man darauf, wie sich Nachrichten entwickeln werden - und outet sich so als Weltversteher mit Weitsicht - oder Nachrichten-Nuss ohne Durchblick.

Für das lesende wie mitzockende Publikum ergibt sich der Reiz aus der nicht sofort sichtbaren Vielschichtigkeit der Seite: Da sind zum einen die aktuellen Nachrichten, die natürlich mit Links zu ihren Quellen verbunden sind - der Mitspieler muss ja wissen, worum es geht. Das erfährt man durch einen Klick auf die mit der Nachricht verbundenen Frage: Dahinter verbergen sich einerseits die Abstimmungs-Knöpfchen, andererseits eine aktuelle Statistik über den Abstimmungsstand. Es ist also auch zu beobachten, wie sich ein Thema im Laufe der Tage entwickelt - von Hardware-Herstellern über Film-Manager bis zu Wahlkampfstrategen dürften da viele mit Interesse hinsehen.

Einige aktuelle Fragen und die damit verbundenen Einschätzungen:

  • Wer wird Präsidentschaftskandidat der Demokraten in den USA? (Hillary Clinton, 52 Prozent, Tendenz allerdings stark fallend)
  • Wird die US-Wirtschaft im Sommer 2008 in einer Rezession stecken? (Ja, 58 Prozent, Tendenz steigend)
  • Wird der neue Batman-Film am ersten Wochenende mehr als 60 Millionen Dollar einspielen? (Ja, 75 Prozent)
  • Wird "Rambo" die Kino-Charts am nächsten Wochenende anführen? (Nein, 65 Prozent)
  • Werden die USA die Schwulenehe bis Ende 2008 legalisieren? (Nein, 82 Prozent)
  • Wird Wesley Snipes wegen Steuerhinterziehung verurteilt? (Ja, 82 Prozent)
  • Wird das Space Shuttle zum nächsten angesetzten Starttermin wirklich abheben? (Nein, 56 Prozent)
  • Wird Jesus bis Ende 2008 zurückkehren? (Nein, 99 Prozent)

Das Traumpaar der nächsten Wochen: Batman und Hillary

Der Mix könnte bunter kaum sein, die Resultate aber sind interessant: Sie messen nicht die übersinnlichen Fähigkeiten der Zocker, sondern letztlich Stimmungsbilder und Imagewerte. Wesley Snipes halten die meisten für einen Steuertrickser, George W. Bush dagegen für noch immer besonnen genug, nicht innerhalb kürzester Zeit noch einen Krieg zu beginnen. Hillary Clinton (seit Montag sechs Prozent im Aufwind) bescheinigen die wettenden Nachrichten-Auguren Gewinnerqualitäten, während dem einst so siegessicher lächelnden Rudy Giuliani schon vor seinem Ausscheiden bescheinigt wurde, dass sein Wahlkampf bereits vorbei ist. Das alles ist Meinungsforschung mit anderen Mitteln.

In Deutschland wird die Grundidee von Hubdub schon seit längerem genutzt. Seit 1998 lassen "Zeit" und "Tagesspiegel" mit ihrer "Wahlstreet" auf den Ausgang von Wahlen in Deutschland wetten. "Stoccer" bestimmt per virtuellem Aktienkauf den nächsten deutschen Fußballmeister, und die "Financial Times Deutschland" lässt "Strategen" per virtuellen Aktien auf Wahlen und Börsenkurse wetten.

Als kommerzielles Modell der Meinungsforschung kommen Wettspiele bisher vor allem in den USA zum Zuge. Mit Nachrichten in einer solcher Breite hat dies allerdings noch niemand versucht. Hinter Hubdub stehen eben keine Auftraggeber mit spezifischen Interessen, sondern allein eine Geschäftsidee: Mittelfristig, hofft Eccles, werde er vielleicht Geld für die Mitgliedschaft verlangen können, so wie dies die großen virtuellen Sportligen in den USA tun. Bis dahin sucht er vor allem Investoren, denn bisher kommt die Seite erkennbar mager und handgestrickt daher.

Macht nichts, erkennt man schon nach Minuten, denn Spaß macht das Nachrichten-Zocken trotzdem - denn irgendwie sind News ja durchaus Entertainment.

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