Nachrichtengeschäft Was Google plant

Google drängt ins Nachrichtengeschäft und droht den etablierten Anbietern Konkurrenz zu machen. Damit erweitert der Suchmaschinengigant sein Geschäftsfeld und fängt an, selbst Inhalte anzubieten. Hierzulande könnte die dpa Kooperationspartner werden.

Google ändert seine Strategie. Die Suchmaschinisten werden künftig Associated Press für Inhalte bezahlen, teilte die Nachrichtenagentur schon am Mittwoch mit - ein klarer Schritt weg von der bisherigen Unternehmensphilosophie. Noch vor einigen Monaten hatte Topmanagerin Marissa Mayer in einem Interview gesagt: "Google hatte nie im Sinn, Inhalte zu erwerben oder zu besitzen, und das liegt uns auch weiterhin fern." Diese Regel gilt nun offenbar nicht mehr. Googles Einstieg ins Nachrichtengeschäft steht bevor.

Die Suchmaschine mischt dort bislang gewissermaßen nur indirekt mit. Google News sammelt per Algorithmus Nachrichten aus einer Vielzahl von Web-Angeboten ein - für die englische Ausgabe sollen es mehr als 4500 Quellen sein, in Deutschland bis zu 700. Google News präsentiert nur Überschriften, Textanfänge und einige wenige Fotos - wer die ganze Geschichte lesen will, muss darauf klicken und landet im Angebot des ursprünglichen Anbieters einer Nachricht. Ähnliche Texte werden zusammengefasst unter der Überschrift "ähnliche Artikel" präsentiert - was bei aktuellen Themen absurde Ausmaße annehmen kann. Die US-Ausgabe präsentiert etwa zum Thema "Kuba nach Castro" 3585 "ähnliche" Geschichten. Die eine Meldung mit der exklusiven extra-Information herauszufinden, ist da praktisch unmöglich.

Die Ablehnung ist längst nicht mehr so groß

Viele Nachrichtenanbieter und Zeitungen haben gegen den Dienst inzwischen gar nicht mehr viel einzuwenden - denn er generiert Webseiten-Traffic. Dem Anzeigenkunden einer Nachrichtenseite ist es egal, ob ein Leser von der Startseite des Angebots oder von Google News kommt. "Medien haben ein großes Interesse daran, in Google News aufzutauchen", sagt Stefan Keuchel von Google Deutschland. Die Agentur Reuters arbeitet nach eigener Aussage "aktiv mit Google zusammen, um ihre Nachrichtenstories auf Google News zu bewerben". Außerdem bestehe eine "Partnerschaft" im Zusammenhang mit dem Börsendienst Google Finance.

Andere sind nicht so begeistert von Google News - etwa die französische Agentur AFP. Sie verklagte Google im vergangenen Jahr wegen der ihrer Ansicht nach missbräuchlichen Verwendung von AFP-Meldungen und -Bildern durch den Dienst. Der Prozess ist noch im Gange, AFP verlangt 17,5 Millionen Dollar von Google. Dort wurde stets der Standpunkt vertreten, bei der Nutzung in Google News handle es sich um "Fair Use", gedeckt vom US-Urheberrechtsgesetz.

Dass Google AP nun Geld für Nachrichten bezahlen will, ist eine Kehrtwende. Es soll dabei aber nicht um die Verwendung von AP-Material im herkömmlichen Google-News-Verfahren gehen, sondern um mehr: Es werde ein Angebot innerhalb von Google News sein, eine Erweiterung, ein "zusätzliches Feature" sagt Stefan Keuchel. "In einigen Monaten" soll das Angebot starten, zunächst auf den englischen Seiten und, wie bei Google üblich, kostenlos.

Anzeigenverkauf im Nachrichtengeschäft?

Was genau das bedeutet, lässt sich ohne viel Fantasie folgern: Google News wird künftig Meldungen präsentieren können, die man auch lesen kann, ohne auf einen Link zu klicken. Das heißt auch: Google wird in Zukunft Anzeigen im Nachrichtenbereich verkaufen können - die gibt es bei Google News bislang nicht.

Philippe Jannet, bei der französischen Zeitung "Les Echos" fürs Onlinegeschäft zuständig, weiß warum: "Wenn sie online wirklich Geld verdienen wollen, müssen sie Pageviews mit Informationen haben." Der Markt für die auf Suchanfragen bezogenen Kontext-Anzeigen von Google sei weitgehend gesättigt, zusätzliche Umsätze könnten nur mit qualitativ hochwertigen Inhalten gemacht werden. Die aber habe Google News nicht - dazu sei die Seite zu unübersichtlich und - im Nachrichtengeschäft ein entscheidendes Kriterium - zu langsam. Aktuelle Meldungen bräuchten oft Stunden, um bei Google News aufzutauchen, so Jannet.

Gespräche mit der dpa

Das könnte sich mit aktuellem Material von AP ändern - zumindest in den USA, denn nur für die US-Version von Google News gilt das Geschäft bislang. Üblicherweise sind die Fristen zwischen dem US- und dem Europa-Start eines neuen Google-Dienstes aber sehr kurz - die Pläne für das aufgebohrte Google News hierzulande müssen also schon relativ weit gediehen sein.

Ob man auch hier mit Associated Press kooperieren wird, ist unklar - schließlich gibt es gerade im deutschsprachigen Markt mit der dpa einen weiteren sehr profilierten Anbieter. Und in der Tat - Michael Segbers, dpa-Geschäftsführer, bestätigt auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE Kontakte mit Google: "Wir sprechen miteinander." Stephan Keuchel sagt nur, in den USA kooperiere man mit AP "mit einem der führenden Anbieter".

Schon jetzt liefert die dpa über ihre Online-Tochter dpa-infocom speziell für Onlineangebote aufbereitete Meldungen und Geschichten aus, etwa für die Online-Ausgaben von Tageszeitungen, die sich keine große aktuelle Netz-Redaktion leisten. Und auch der längst viel stärker als Google News ausgebaute Nachrichtenkanal des Konkurrenten Yahoo bezieht dpa-Meldungen fürs Netz - aber auch Material von AFP, ddp und anderen Anbietern.

"Eine sehr gute Nachricht"

Da liegt die Herausforderung für das neue aktuellere Google News, das der Deal mit AP wohl hervorbringen wird: Andere Anbieter machen Ähnliches schon längst, und zwar mit deutlich höherem Aufwand. Die US-Ausgabe von Yahoo News etwa ist beinahe ein vollwertiger Nachrichtenticker, mit einem gewaltigen täglichen Umsatz an Informationen aus vielen verschiedenen Quellen, die seit einiger Zeit sogar ausgewählte Weblogs umfassen. Wenig übersichtlich, ohne Analyse oder Gewichtung, aber äußerst umfassend.

Dort also ist die Konkurrenz zu suchen, gegen die sich Google mit dem geplanten Angebot wird behaupten müssen - auch im Kampf um Werbekunden. Für die klassischen Anbieter journalistischer Arbeit, sagt Phillipe Jannet von "Les Echos", ist die Ankündigung jedenfalls "eine sehr gute Nachricht". Denn sie zeige, dass auch Google verstanden habe, dass man für qualitativ hochwertige Inhalte bezahlen müsse. Man bewege sich gewissermaßen zurück zu einem traditionellen Modell, aus Nachrichtenanbietern und -verteilern. Diejenigen, die Inhalte produzierten, also klassische Medien und Nachrichtenorganisationen, "brauchen sich keine Sorgen zu machen, so lange wir unsere Arbeit mit der gleichen Qualität fortsetzen".

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