Nachschub Noch mehr kostenlose Musikdownloads

Geiz mag geil sein oder auch nicht, Neugierde ist es auf jeden Fall: Wer im Web stöbert und auf die zahlreichen legalen, kostenlosen Downloadmöglichkeiten zurückgreift, erweitert seinen musikalischen Horizont. Denn vieles ist weitab vom Mainstream - und gerade deshalb gut.

In gewissem Sinne gibt es auch bei den vielen tausend Songs, die kostenfrei im Web zum Download angeboten werden, eine Art Mainstream. Der allerdings sieht anders aus als im Chartradio: Es ist vor allem die Indie-Szene, die das Web als Werbemedium für ihre vom Chartradio all zu oft verschmähten Lieder nutzt. Die ist zum einen extrem experimentierfreudig, zum anderen aber rockig orientiert. Das, was da also geradlinig, leicht zu hören und peppig daherkommt, ist zumeist sehr gitarrenlastige Musik mit starken Melodien.

Klar auch, dass viele der einfacher produzierten Titel nach rauen Singer-/Songwriter-Werken klingen, andere den Spaß am "Emo" pflegen (die Wikipedia beschreibt Emo als "emotionale Form des Punk"). Abseits dieses Mainstreams" in der Webmusik ist alles möglich, vom krassesten HipHop über sehr orchestrale Dinge, krachende Speedmetal-Orgien bis hin zu humorigen Krummtöner-Experimenten. Eine weit größere Vielfalt, als das längst unerträgliche Formatradio sie je zu bieten hatte.

Das fanden offenbar auch über 143.000 SPIEGEL-ONLINE-Leser, die sich bisher durch die Stücke unseres Artikels "21 kostenlose, ganz legale Downloads" hörten: Wir folgen dem Vorschlag zahlreicher Leser, doch bitte öfter mehr davon zu bringen. Wir werden uns bemühen, in unregelmäßigen, aber nicht zu großen Abständen immer wieder neue musikalische Perlen im Web zu entdecken.

Brennstoff: Zehn Lieder, schräg bis rockig

Die heutige Auswahl ist nah am Web-Mainstream mit einigen Ausreißern (Rock/Metal-, Electronic- und HipHop-Folgen sind in Planung). Wer mag, kann sich einzelne oder auch alle dieser Titel auf CD brennen, denn dafür sind sie freigegeben: Sie sind dazu gedacht, Hörer mit der Musik von ihnen bisher unbekannten Gruppen vertraut zu machen. Heute im Angebot:

Okkervil River: "For Real" 
Wenn ich mir CDs brenne, mag ich persönlich "Einsteiger" und "Abspänne", die der Scheibe eine Art Dramaturgie geben. Okkervil River ist ein erstklassiges Einstiegslied: Zwar steigt das Lied auf einer rockig-melancholischen Note ein, steigert sich dann aber schnell zu einer dichten Produktion, die jedes "Teppichlegen" vermeidet. Statt den Hörer auf wiederholten Folgen von drei, vier Akkorden bequem zu betten, wagt die rockige Ballade den Break, den sparsamen und akzentuierten Einsatz von Instrumenten. In diesem Stück ist letztlich jedes Instrument Teil der Percussion, des Rhythmus-Sets. Nicht schlecht.

The Underwolves: "Bird Song" 
Wenn ein Lied mit Bass und Conga einsteigt, eine kratzige Geige aufsetzt und die Sänger ein "Hey-ey-ey" folgen lassen, ist schon klar, wo es hingeht - es darf geschnippt werden. Ganz leicht angejazzt swingt "Bird Song" poppig und warm, passt zum Martini, zum Sommerabend. Die im Web verteilte Aufnahme ist ein wenig bassig-dumpf abgemischt, aber trotzdem nett.

The Sun: "Justice"  und "Must be you" 
Zeit, das Tempo ein wenig zu erhöhen: "The Sun", bei Warner unter Vertrag, bieten sich da an. Das Quintet aus Columbus, Ohio, bespielt die regionalen Clubs seit rund vier Jahren mit großem Erfolg. Nach einer EP im Jahre 2002 soll nun im Juni das Debutalbum beim Musikriesen Warner erscheinen - und prompt kursieren werbende Downloads im Web. "Justice" und "Must be you" sollen da wohl Spannbreiten dokumentieren. Kann man sich anhören.

The Go-Betweens: "Here comes a City" 
Das gilt natürlich auch für die Go-Betweens. Robert Forster und Grant McLennan sind keine unbeschriebenen Blätter, ihre Scheiben kann man rund um den Globus kaufen. Die Australier galten einmal als stilbildend, "Here comes a City" ist eine Auskoppelung aus ihrem neuen Album "Oceans Apart", mit dem sie nach etlichen Soloprojekten die Band wieder aufleben lassen wollen.

Stephen Malkmus: "Baby C'mon" 
Schnitt, Zeit für einen raueren Song: Malkmus macht auf "Baby C'mon" Rock'n'Roll fast klassischer Färbung. Eigentlich ist das reiner Horror, aber deutliche Anleihen bei den Sounds der Spätsechziger, Frühsiebziger nehmen dem konventionell gestrickten Song die Patina und verleihen ihm ein wenig Proberaum-Flair. Ja, erinnert man sich: Da muss es wohl mal eine Zeit gegeben haben, wo Bass und Gitarre, Schlagzeug und Bass reichten, einen Abend zu füllen. Warum nicht, ab und zu?

Kante: "Die Summe der einzelnen Teile" 
Dass Band-Chef Peter Thiessen einst bei Blumfeld den Bass schwang und sang, hört man auch Kante an: Irgendwo zwischen Die Sterne und Blumfeld bewegt sich der Sound. "Die Summe der einzelnen Teile" begegnet uns auch ab und an im Radio, vorzugsweise zu Stunden, wo man "Spex"-Leser vor dem Radio vermutet. Intelligente Texte und eingängige Melodien machen Kante Mainstream-kompatibel - was keine Verunglimpfung sein soll. Nicht mehr und nicht weniger soll es heißen, als das Kantes Musik eben wenigen Menschen weh tut: So einfach strukturiert sie zunächst wirkt, so groß sind ihre Ohrwurm-Qualitäten.

Cinematic Orchestra featuring Fontella Bass: "All that you give" 
Zugegeben, der Name klingt schlimm: Dass man da überhaupt auf den MP3-Link klickt und mal ins Lied hereinhört, erklärt sich nur durch den Sog einer stundenlangen Musikrecherche - irgendwann testet man alles an. Beim Cinematic Orchestra wird man zur Belohnung erst einmal nach Kräften beharft, bevor sinfonisch die Geigen einsteigen, vom akkustischen Bass ganz, ganz tief und mellow unterbaut. Dann steigt Fontella ein zu einer bluesig-souligen Ballade mit ganz viel Rauch in der Stimme: Das klingt, als hätte Portishead das Titellied für einen James-Bond-Streifen mit Sean Connery geschrieben - damals, als die nicht nur Action und Effekte, sondern auch noch Atmosphäre hatten. Schön.

Sufjan Stevens: "Man of Metropolis" 
Sufjan Stevens leistet sich den irreführensten Einstieg in ein Lied, den man sich denken kann: Stumpf hämmern Schlagzeug und Gitarre, als stünde gleich ein Garagenpunk bevor - nur um nach wenigen Sekunden die Stimmung völlig zu drehen. Der Jungbarde aus Michigan gehört zu den viel versprechendsten Singer-Songwritern, Folk-Rockern, oder wie auch immer man das nennen will, seiner Generation. Völlig unverkrampft greift er selbst auf lang verpönte Stilmittel wie Mädchenchöre und Waldhörner zurück - und spätestens da wird klar, an wen er erinnert: Sufjan Stevens klingt wie eine Kreuzung von Beck Hansen mit dem Badly Drawn Boy. Reine "Hörmusik", bitte mehr davon.

Vic Chesnutt: "What do you mean?"  Chesnutt ist ein alter Haudegen, der es längst auf über ein Dutzend Alben bringt - und in bestimmten Kreisen durchaus ein Star ist. Im Chartradio ist er chancenlos, obwohl seine Platten regelmäßig für Applaus bei Kritikern sorgen. Seine neuestes Werk lobte der "Rolling Stone" als seine "bisher seltsamste Platte": Wenn man "What do you mean?" hört, ahnt man, warum. Das ist so ein Lied, das manche Leute auf Anhieb mögen, während andere schreiend laufen gehen. Tipp: Man muss das erste Drittel des Liedes schaffen, dann geht die Sonne auf.

Für mich ist "What do you mean?" der ideale Abspann für ein selbstgebranntes Album. Ich mag das, wenn der letzte Ton verklingt und man ihn dann noch ein paar Minuten im Magen spürt und denkt: Ja, jetzt reicht's - aber gut war's schon!

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