Nackter geht's nicht Das Ende des Datenschutzes

Deutschland hat seine Datenschutzskandale, doch erst der Blick über den Atlantik zeigt, wie weit entsprechende Standards erodieren können: In den USA herrscht in vielerlei Hinsicht Volltransparenz. Mit Hilfe von Web-Datenbanken lässt sich fast alles über einen Menschen recherchieren.

Von Michael Soukup


In Deutschland hat alles seine Ordnung. Jede größere Geldbuße und Freiheitsstrafe wird im Bundeszentralregister eingetragen. Einen Auszug darf man nur über sich selbst beantragen. Und zwar ausschließlich beim örtlichen Einwohnermeldeamt, gegen Vorlage des Personalausweises und eine Gebühr von 13 Euro. Einige Tage später trifft das Führungszeugnis per Post ein.

Totale Transparenz: Es gibt kaum etwas wichtiges, das über Menschen in der westlichen Welt nicht gespeichert ist
DPA

Totale Transparenz: Es gibt kaum etwas wichtiges, das über Menschen in der westlichen Welt nicht gespeichert ist

In den USA reicht ein Mausklick. "Wissen Sie wirklich, wer Ihr Date ist? Kennen Sie die Vergangenheit Ihres Babysitters?", blinkt es auf Werbebannern. Auf Criminalsearches.com kann neuerdings jedermann kostenlos herausfinden, ob der Nachbar oder irgendein Einwohner der USA vorbestraft ist – blitzschnell und ohne Registrierung. Damit sind die letzten Schranken der Privatsphäre gefallen.

Zum Beispiel Jeff B.

Jeff hatte immer eine Vorliebe für ältere, hubraumstarke Autos europäischer Provenienz. Vor- und Nachname genügen, und schon spuckt der Computer drei "Criminal Offenses" heraus. Kaum überraschend handelt es sich um Verkehrsdelikte.

So fuhr Jeff am 9. Dezember 2005 74 Meilen statt der erlaubten 55 Meilen. Im Frühling darauf wurde der PC-Supporter wegen eines abgelaufenen Nummernschildes bestraft. Keine drei Monate später erwischte ihn die Polizei wieder beim Rasen: 25 Meilen zu schnell, und weg war sein "Lappen".

Übrigens hat laut Criminalsearches auch der US-Korrespondent eines deutschen Leitmediums zu heftig aufs Gaspedal getreten. Er zeigte sich allerdings enttäuscht über die Vollständigkeit der Datenbank: "Wenn dieser unspezifische Verkehrsverstoß von 1999 der einzige ist, der dort vermerkt ist, dann taugt diese Datenbank nicht viel!"

Von Belästigungen bis zu Verbrechen ist alles möglich

Sogenannte Public Records Databases, also Datenbanken für öffentliche Dokumente, gibt es in den USA mittlerweile hundert-, wenn nicht tausendfach. Darauf finden sich Milliarden harmlose und weniger harmlose Einträge. Telefonnummer, Wohnort, Geburtsdatum, Sozialversicherungsnummer, Zivilstand oder Verwandte – alles auf Knopfdruck schön säuberlich aufgelistet. Das ist sehr praktisch, weil die Telefonbücher und die Erfassung von Wohnsitzen in Amerika oft lückenhaft und veraltet sind.

Doch in einer aggressiven und misstrauischen Gesellschaft wie es die amerikanische ist, können solche Informationen auch unangenehme, ja fatale Folgen haben. Von unerwünschter Werbung über telefonische oder persönliche Belästigungen bis hin zu Verbrechen ist alles möglich.

Via Peoplefinders.com etwa lassen sich auch Personen ausfindig machen, deren persönliche Angaben normalerweise nicht öffentlich sind: Google-Gründer Sergey Brin in Palo Alto zum Beispiel, Heidi Klum in New York oder Til Schweiger in Malibu. Ein abendlicher Anruf eines Journalisten ist für solche Prominenten wahrscheinlich noch das kleinste Problem.

Brin, Klum und Schweiger haben laut Criminalsearches immerhin eine saubere Weste. Ebenfalls nicht im Telefonbuch, aber auf Peoplefinders ist Ex-UBS-Mitarbeiter Bradley Birkenfeld. Er ist angeklagt, weil er im Auftrag der Schweizer Großbank reichen US-Bürgern bei der Steuerhinterziehung geholfen haben soll. Noch hat er in den Kriminalitätsdatenbanken eine weiße Weste, doch das könnte sich ändern, wenn der 43-jährige Banker verurteilt würde.

Erstaunen mag, dass der Investmentbanker ein Demokrat ist. Zumindest hat er laut dem Wahlspendenregister Fundrace 2008 insgesamt 5300 Dollar für den demokratischen Senator John Kerry gespendet. Auch Seth H. Waugh, CEO der Deutschen Bank in den USA, spendet mehrheitlich demokratisch. Noch erstaunlicher ist, dass die amerikanischen Angestellten der Deutschen Bank mehrheitlich demokratisch wählen: Von 302 haben 179 für die Demokraten gespendet (siehe Kasten oben). Dies steht im Gegensatz zur US-Bankenbranche, wo zwei Drittel der 5717 als "Banker" registrierten Spender den Republikanern zuneigen.

Dass Journalisten eher demokratisch spenden, überrascht dagegen niemanden. Viel interessanter ist, wie die US-Korrespondenten europäischer Zeitungen spenden: Die "NZZ am Sonntag", die "Zeit" und der "Economist" stehen alle auf demokratische Kandidaten.

Personendossier für 2,95 Dollar

In den USA waren öffentliche Dokumente im Unterschied zu Deutschland immer mehr oder weniger öffentlich. Vor der Internet-Ära durchsuchten jedoch meist Privatdetektive in mühsamer Kleinarbeit die Verzeichnisse vor Ort. Auch die bisher übliche namentliche Registrierung und die hohen Gebühren solcher Online-Dienste haben die meisten Menschen vom spontanen und ständigen Ausspionieren ihrer Nachbarn, Bekannten und Verwandten abgehalten. Doch der Zugang zu Daten wird immer billiger - und das gilt auch für solche potentiell brisanten Informationen.

Bei Peoplefinders kostet das einfache Personendossier "People Search Report" 2,95 Dollar. Darin sind Name, Adresse, Telefonnummer und Geburtsdatum enthalten. Für den "Background Report" mit Auszügen aus dem Straf-, Sexualverbrecher- und Konkursregister, der nationalen Gesuchtenliste, der Terroristendatenbank und einigen weiteren elektronischen Verzeichnissen muss man 39,95 Dollar mittels Kreditkarte überweisen.

Criminalsearches.com treibt das Misstrauen auf die Spitze. In den kostenlosen Diensten "Neighborhood Watch" und "Sexual Offender Finder" kann mittels Eingabe einer x-beliebigen Adresse überprüft werden, ob in der Nachbarschaft ein Trickbetrüger, Dieb, Mörder, Gewalt- oder Sexualverbrecher wohnt.

Die bösen Jungs werden dann in einem interaktiven Google-Stadtplan angezeigt: Ein Mausklick genügt, und schon erscheint der Steckbrief mit Bild. Im Zentrum Atlantas etwa gibt es 18 Sexualverbrecher. Allein an einer Kreuzung der Argonne Avenue wohnen vier Kinderschänder. Deutschland, du hast es besser.

"Ein für jedermann zugängliches Online-Strafregister ist in Deutschland keinesfalls vorstellbar", sagt Dietmar Müller, Sprecher des Bundesbeauftragten für den Datenschutz, SPIEGEL ONLINE. "Die im BZR gespeicherten Daten sind äußerst sensibel. Daher verstieße ein offenes Online-Register fundamental gegen Prinzipien des Datenschutzes und gegen den Schutz der Privatsphäre."

Selbst die Befürworter der amerikanischen Praxis warnen vor Fehlern in den Datenbanken und Verwechslungen. Tatsächlich ergab ein Anruf beim alten Studienkollegen Jeff (siehe oben), dass es sich beim besagten Raser um einen Namensvetter aus dem Nachbardorf handelte.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.