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Manipuliertes Video Darum spricht Nancy Pelosi plötzlich so komisch

In sozialen Netzwerken kursiert ein Clip, der bei vielen Zuschauern den Eindruck erweckt, US-Demokratin Nancy Pelosi sei betrunken. Doch das Video wurde manipuliert - simpel, aber offenbar effektiv.

In den vergangenen Monaten wurde viel über sogenannte Deepfake-Videos geschrieben und diskutiert, über den "perfekten digitalen Schwindel" . Dabei ging es um Hollywood-Schauspieler, deren Gesichter dank moderner Software in Pornofilmen auftauchten, aber auch um Politiker, denen Worte in den Mund gelegt wurden, die sie nie gesagt haben.

Ein aktueller Fall aus den USA zeigt nun aber, dass schon viel simpler manipulierte Videos ordentlich Aufsehen erregen können. Wie die "Washington Post" berichtet , machen im Internet gerade Videos die Runde, die einen Auftritt der Demokratin und Sprecherin des US-Repräsentantenhauses Nancy Pelosi zeigen - mit dem Kniff, dass die Abspielgeschwindigkeit der Videoaufnahme reduziert und im Anschluss die Tonhöhe angepasst wurde. Das führt dazu, dass Pelosis Stimme seltsam klingt, woraus viele Kommentatoren schließen, sie sei bei der Aufnahme betrunken gewesen.

Gepostet wurde das Video in der manipulierten Fassung zum Beispiel von einer Facebook-Seite namens "Politics Watch Dog". Der von ihr veröffentlichte Clip wurde bis zum Freitagvormittag mehr als 2,3 Millionen Mal gestartet und über 46.000 Mal geteilt. Zu den Top-Kommentaren darunter zählen Äußerungen wie "Gütiger Gott, Lady... Wie viele Drinks hatten Sie heute?" und "Oh mein Gott, ist sie betrunken oder hat sie einen Schlaganfall?"

Zwischenzeitlich hatte laut "Washington Post" auch Rudy Giuliani auf eine manipulierte Version des Videos hingewiesen. Sein Tweet wurde jedoch mittlerweile wieder gelöscht. Giuliani ist der Rechtsvertreter von US-Präsident Donald Trump, der in der Nacht zum Freitag selbst einen Zusammenschnitt auf Twitter veröffentlicht hatte , der Nancy Pelosi in schlechtem Licht dastehen lassen soll.

Ein Vergleich mit dem Original hilft

Nachweisen, dass das auf Facebook viral gegangene Video verändert wurde, konnte die "Washington Post", indem sie es mit den Originalaufnahmen verglich. In einer eigenen YouTube-Analyse  stellt sie beide Varianten gegenüber. Durch sie wird deutlich, wie wichtig auch die Tonhöhen-Anpassung war: Wäre bei dem Video einfach nur die Abspielgeschwindigkeit verringert worden - die "Washington Post" geht von ungefähr 75 Prozent des Ursprungstempos aus -, hätte sich auch die Tonhöhe mitverändert. Pelosis Stimme hätte dann viel tiefer geklungen und die Manipulation wäre leichter zu erkennen gewesen (zu hören ist das in unserem Beispielvideo oben mit Angela Merkel).

Grundsätzlich sind beide Anpassungen, die vorgenommen wurden, technisch vergleichsweise simpel. Und doch: Hat man nicht, wie die "Washington Post", auch die Originalaufnahmen zum Vergleich vorliegen, ist es schwierig zu erkennen, ob und was genau an einem Video verändert wurde.

Wer das Video ursprünglich manipuliert hat, ist bislang unklar. "Politics Watch Dog" betont in einem weiteren Beitrag auf seiner Facebook-Seite, man habe nie behauptet, Pelosi sei betrunken gewesen: "Wir können nicht kontrollieren, was die Leute in den Kommentaren denken." Die Betreiber der Seite lassen das Video - trotz der nun nachgewiesenen Manipulation, die in ihrem neuen Beitrag nicht thematisiert wird - weiter online stehen.

Von Facebook hieß es auf Nachfrage der "Washington Post", das Video sei Faktenprüfern, die mit dem Netzwerk zusammenarbeiten, vorgelegt worden. Noch habe der Prozess des Faktenprüfens aber nicht begonnen. YouTube sagte der Zeitung dagegen, das Video verstoße gegen die Richtlinien der Plattform und werde deshalb gelöscht. Twitter wollte das Thema nicht kommentieren.

mbö/zng (Video)