Napsters Erben Der Kommerz-KaZaA kommt

Die umstrittene P2P-Börse KaZaA will sich zum legal operierenden Bezahldienst mausern - mit einem Firmensitz in Vanuatu. Das spart Steuern und bewahrt die Investoren davor, namentlich bekannt zu werden.

Nikki Hemming gehört zu den geheimnisumwittertsten Persönlichkeiten im Internet-Geschäft. Die Chefin von Sharman Communications blickt zwar auf eine Management-Karriere im Unterhaltungsgeschäft zurück, doch seit ihr Unternehmen die umstrittene P2P-Tauschbörse KaZaA aufkaufte, fiel sie sehr selten durch öffentliche Äußerungen auf. Doch mit einem Mal ist sie da: Mit Statements auf allen Kanälen, mit einem ersten Interview, das sie Cnet Australien gewährte.

Sharman übernahm KaZaA zu einem Zeitpunkt, als alles darauf hinauszulaufen schien, dass das niederländische Unternehmen hinter dem "FastTrack"-Netzwerk von der Musikindustrie vor den Kadi gezerrt würde. Der Verkauf an das angeblich australische Unternehmen wirkte wie ein Befreiungsschlag: Man kann keinen Dienst einstellen, über den man keine Kontrolle mehr hat.

Das Unternehmen Sharman aber wirkte lange wie ein Phantom. War es nur gegründet worden, um KaZaA aus der juristischen Klemme zu helfen? War Sharman eine Briefkastenfirma? Und wenn ja: Wo hängt der Briefkasten?

Denn in Australien ist Sharman nicht bekannt. Das Unternehmen ist in keinem Handelsregister verzeichnet. Schnell entwickelte sich KaZaA - vor allem nach dem durch den Rauswurf aus dem FastTrack-Netzwerk bedingten Zusammenbruch von Morpheus - zur zahlenmäßig stärksten P2P-Börse weltweit. Und das, obwohl die Software im dringenden Verdacht steht, Spyware zu transportieren.

Nikki Hemming lässt das alles nicht gelten. Sharman sei als Investment-Firma von einem Kreis von Investoren gegründet worden, die lieber anonym blieben. Diese wollten in Internet-Projekte investieren und hätten sich zu einem bestimmten Zeitpunkt für KaZaA entschieden. Sharman finde man deshalb nicht in Australien, weil die Firma ihren Sitz auf Vanuatu habe - einer aus rund 80 Inseln bestehenden Inselgruppe im Südpazifik.

Dafür, gibt Hemming unumwunden zu, gäbe es gute steuerliche Gründe: Hinter Sharman stünden einflussreiche Investoren, die "wenig Interesse" daran hätten, ihr Engagement bei Sharman - und das bedeutet immer auch KaZaA - öffentlich zu machen. "Für mich", sagt Hemming, "ist das okay". Denn sie selbst sei nur Angestellte, ohne finanzielles Engagement bei Sharman.

Womit so ziemlich jeder so weit wie möglich aus der Schusslinie genommen wäre, den man verklagen könnte.

Denn in dieser Beziehung juckt es die Vertreter der Musikindustrie durchaus in den Fingern. Noch hatte Sharman noch "keinerlei Kontakt" mit Anwälten der mächtigen Musik-Lobbyorganisationen, sagt Hemming. Das Risiko, dass so etwas geschehen könnte, ist ihr aber durchaus bewusst. Schließlich gibt es da noch die alten Klagen gegen die niederländischen KaZaA-Entwickler. Deren Prozesse aber verlaufen nicht ungünstig - längst weiß auch die Musikindustrie, dass "der Feind" nicht mehr in Holland sitzt.

Weiteren juristischen Schritten will KaZaA nun zuvorkommen, denn eigentlich sitze man ja "in einem Boot" mit der Musikindustrie: Sharman sei immerhin das erste Unternehmen, das sich bemühe, die P2P-Szene zu kommerzialisieren. Auch KaZaA/Sharman wollten schließlich Geld verdienen - und das ginge nur, indem man die P2P-Börse auf eine legale, kostenpflichtige Basis stelle.

"Altnet": Für die User ein Schreckgespenst, für KaZaA eine Geldquelle

Dafür scheinen die Weichen bereits gestellt. Am Dienstag wurde ein Vertragsabschluss mit der Online-Werbefirma Doubleclick bekannt. Die gehört im Web nicht unbedingt zu den beliebtesten Marken: Dem amerikanischen Unternehmen hängt der Ruch an, "User-Profiling" im großen Maßstab zu betreiben - Daten über Netznutzer zu erheben.

Kontroverser noch aber dürfte der zweite Teil des Deals diskutiert werden: Hauptpartner sowohl bei der werbenden Vermarktung als auch bei den Kommerzialisierungsstrategien von KaZaA wird demnach Brilliant Digital Entertainment sein - ein Unternehmen, mit dem Sharman über mehrere Verträge "eng verbunden" sei.

Das so freundlich benannte Unternehmen soll die Software beisteuern, mit der den KaZaA-Usern nicht nur "personalisierte" Werbung, sondern auch anderer "Content" zugespielt werden soll.

Das Brilliant-Programm ist tatsächlich längst Bestandteil der KaZaA-Software und - im Dateisystem - am Namensbestandteil "bde" erkennbar. Doch die BDE-Software versorgt nicht nur den User mit Informationen, sondern auch sich selbst - mit Informationen über den User. Zu allem Überfluss baut sie - neben dem FastTrack-Netzwerk, ein eigenes Netzwerk auf, dass dazu genutzt werden könnte, auf den Rechnern der angeschlossenen User Rechenoperationen auszuführen.

Dieses "Altnet", sagt Hemming, sei noch gar nicht aktiv, würde aber im Laufe der nächsten sechs Wochen Live geschaltet werden.

KaZaAs Kommerz-Modell: Wer zahlt, tauscht frei. Wer nicht zahlt, muss mit Schnüffelsoftware, Werbung und Altnet leben. Geben müssen alle: Geld - oder Privatsphäre. Weiter...

BDE sah sich binnen weniger Wochen zum Beelzebub der P2P-Szene erkoren: Schnüffeln und Ressourcen abgreifen, ohne ein Einverständnis einzuholen? Da kocht den Fans verständlicherweise das Blut. Mittlerweile gehört BDE-Software bei vielen Sicherheitsprogrammen und allen Spyware-Scannern zu den zu suchenden und zu eleminierenden Programmen.

Für Hemming ist BDE inklusive des Altnets "Ad-Ware"; Werbesoftware, nicht Spyware - Schnüffelsoftware. Die Bedenken in der Nutzerschaft hat auch Sharman zu spüren bekommen. Doch nachvollziehen kann oder will die Firmenleitung diese nicht: "Wir nehmen das Thema Privatsphäre sehr ernst". Für Hemming ist die Diskussion um Altnet und BDE eine ganz pragmatische Frage: Wie viel ist man bereit für die Dinge herzugeben, die man über das Internet bekommt?

Auch künftig, hofft sie, wird KaZaA nicht unbedingt zum Abo-Service werden: Stattdessen werde der User wählen können zwischen einer Ad-Ware-freien, aber kostenpflichtigen Programmversion, und einer mit Ad-Ware, die weiter umsonst bleibe. KaZaA bietet der Musikindustrie an, aus den so generierten Umsätzen pauschale Gebühren zu entrichten.

Für die interessiert sich die Userschaft nicht: Sie will Ad-Ware-freie P2P-Software, das ist alles. Und sie wartete nicht auf die Veröffentlichung der nun von Henning angekündigten Ad-Ware-freien Programmversion, die - parallel zur Inbetriebnahme des Altnet - ebenfalls innerhalb von rund sechs Wochen auf dem Markt erscheinen könnte.

Denn schon wenige Wochen, nachdem die Existenz der BDE-Programme publik wurde, konnten findige Programmierer eine Schnüffelsoftware-freie Version von KaZaA vorlegen: KaZaA lite. Nach einer kurzen Denkpause wettert Sharman inzwischen vehement gegen die abgespeckte KaZaA-Version und droht juristische Schritte an: Das Unternehmen argumentiert gar damit, der "fehlerhafte Code" gefährde die Nutzer. So etwas erntet vor allem Lacher, was kaum wundern kann - zu vorgeschoben scheint der Grund. In Wahrheit gefährdet Software wie KaZaA lite vor allem eines: das neue, geplante Geschäftsmodell der P2P-Börse.

Denn KaZaA lite setzt "ganz normal" auf das FastTrack-Netzwerk auf und ist somit vollgütig als P2P-Tauschsoftware zu nutzen. Was KaZaA lite weder kann noch will, ist, den User mit personalisierter Werbung zu beschicken, ihn in Abo-Modelle für kommerzielle Inhalte zu binden oder die Ressourcen seines Rechners für eine kommerzielle Nutzung freizugeben.

KaZaA befindet sich also in einer eigentümlichen Situation: Die Börse boomt, weil es ein effektiveres P2P-Netzwerk als FastTrack derzeit nicht gibt. Gleichzeitig hat KaZaA ein außerordentlich mieses Image und sinkt weiter auf der Beliebtheitsskala: Die "Gemeinde" wartet auf einen Nachfolger für Morpheus und nutzt KaZaA, so lang es keine Alternativen gibt.

KaZaA plant seine Legalisierung hin zum kommerziellen, von der Industrie abgesegneten Dienst und setzt dabei unbedingt auf die Features, die den Dienst bereits vor seiner Kommerzialisierung unbeliebt machen.

Nikki Hemming ficht all das nicht an. Mit neuem Selbstbewusstsein sucht sie Öffentlichkeit, seit sich in Washington ein von Sharman angeheuerter professioneller Industrie-Lobbyist bemüht, bei Musikfirmen und Politikern Schönwetter zu machen. "Ölzweige werden angeboten", sagt Hemming, "ein neues Finanzierungsmodell will gefunden werden".

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