Naturfotografie Wie Profis Meisterwerke schaffen

Das Aufnahmeobjekt mag zwar bekannt sein - aber Naturfotografie ist nicht gleich Naturfotografie. Hier erklären Profis, wie man in freier Wildbahn atemberaubende Bilder macht: mit praktischen Tipps und anhand von konkreten, oft überraschenden Beispielen.
Von Andy Steel

Das Buch "Reise & Natur Fotografie" stellt Fotografen mit ihren Bildern und ihrer Philosophie vor. Es bietet Einblicke in Sicht- und Arbeitsweisen von Top-Fotografen. Daneben werden betörende Fotografien und Interviews mit Profis präsentiert.

Aus diesem Handbuch für zwei besonders anregende fotografische Genres zeigen wir hier Auszüge - Arbeiten und konkrete Tipps von Fotografen wie Martin Child und Steve Bloom. Sie sollen für eine breite Leserschaft mit unterschiedlichstem fotografischen und technischen Vorwissen verständlich sein.

Ausführliche Bildunterschriften erklären, wie die Aufnahmen entstanden sind, und liefern zusätzliche Informationen über die abgebildeten Städte, Landschaften und Tiere. Egal, ob einzigartige Bilder der Unterwasserwelt oder ausdrucksvolle Porträts von Tieren aus den verschiedensten Ecken der Welt.

Chris Caldicott, ein Fotograf aus dem Buch, bringt es auf den Punkt: "Die ungewöhnliche Vielfalt exotischer Landschaften, Menschen, Architektur, Tiere und Details ist eine nie versiegende Quelle für immer neue Anregungen ..."

Fotostrecke

Naturfotografie: Meisterwerke von Profis

Foto: Sue Bishop

Sue Bishop - abstrakt und grafisch denken

Erfolgstipps

1. Definieren Sie den Anreiz

Wenn Sie ein attraktives Motiv entdecken, versuchen Sie den Grund für Ihre Begeisterung herauszufinden - und betonen Sie das in Ihrem Foto durch die Objektivwahl, die Blende und den Bildaufbau.

2. Achten Sie auf den persönlichen Touch

Halten Sie sich an einem viel fotografierten Ort auf, nehmen Sie das "offensichtliche" Bild zuerst auf und suchen Sie dann nach anderen, persönlicheren Bildern.

3. Denken Sie an den Hintergrund

Der Hintergrund für Ihr Aufnahmeobjekt ist so wichtig wie das Objekt selbst - ein unruhiger Hintergrund kann ein Bild verderben. Vermeiden Sie ablenkende Bildelemente, besonders helle, da sie das Augenmerk weg vom Objekt lenken.

4. Recherchieren Sie für Ihre Fotografie

Gehen oder fahren Sie herum und suchen Sie nach möglichen Bildern. Die meisten meiner Lieblingsfotos wären nie entstanden, wenn ich nur Reiseführer studiert hätte .

5. Denken Sie abstrakt

Achten Sie auf das Gleichgewicht von Farbe, Linie und Form in Ihrem Bild. Versuchen Sie, abstrakt und grafisch zu denken!

Steve Bloom - auf visuelle Harmonie achten

Im Einklang mit der Natur

Steve Bloom, ein in Südafrika geborener Naturforscher, hat viele Fotopreise gewonnen, nicht zuletzt wegen seiner einzigartigen Einstellung zur Natur und seiner großartigen Bilder. Steves bewegende Bilder sind in der ganzen Welt auf Postern, in Kalendern, in der Werbung und in Zeitschriften zu sehen - und an vielen anderen professionellen Schauplätzen - besonders in einer weltbekannten Fotoagentur und Galerie, die seine Bilder repräsentiert. Er benutzte erstmals in den siebziger Jahren eine Kamera, um das Leben in Südafrika zu dokumentieren. 1977 zog es ihn nach England, wo er im Grafik-Design-Bereich arbeitete. In den frühen neunziger Jahren begann er sich dann während eines Besuchs in Südafrika für die Naturfotografie zu interessieren. In kürzester Zeit gab er eine sichere Karriere zugunsten einer unsicheren Existenz als Wildlife-Fotograf auf.

Steves Sorge um die Umwelt ist in seinen Bildern stark präsent. "Mit der Fotografie bemühe ich mich, in anderen das Gefühl vom Einklang mit der Natur zu erzeugen. Es ist für mich eine stete Herausforderung, das Leben in all seinen Facetten zu porträtieren und Bilder zu schaffen, die das zeigen, was für Lebewesen auf dieser Welt tatsächlich wichtig ist."

Erfolgstipps

1. Mit der Ausrüstung improvisieren

Bohnenbeutel-Stative (Beutel mit einer Füllung aus Bohnen) auf der Kante einer halb heruntergedrehten Autoscheibe sind ein ideales Stativ, wenn Sie aus einem Auto heraus fotografieren.

2. Die Aufnahmehöhe überlegen

Fotografieren Sie weit entfernte Tiere von einem hohen Fahrzeug mit dem längsten Objektiv, das Sie haben.

3. In der Wildnis nicht auffallen

Sie sind im Gebiet der Tiere und Sie müssen sich respektvoll verhalten. Ein gestresstes Tier ist kein gutes Fotoobjekt. Wenn Sie seine Persönlichkeit einfangen wollen, muss es trotz Ihrer Anwesenheit entspannt sein.

4. Möglichst viele Objektive dabei haben

Sie wissen nie, wann Sie ein bestimmtes Objektiv benötigen. Vielleicht fotografieren Sie Löwen in der Ferne mit einem Tele und stellen fest, dass die Landschaft spektakulär ist - jetzt benötigen Sie ein Weitwinkel für die bestmögliche Aufnahme.

5. Mit dem Herzen fotografieren

Sie müssen die Technik im Traum beherrschen, so dass die Kamera zu einer unterbewussten Erweiterung Ihrer Gefühlswelt wird. Gehen Sie mit Kamera und Objekt so wie mit einem Musikinstrument um und achten Sie stets auf die visuelle Harmonie.

Martin Child - ganz präzise im Sucher komponieren

Andere Sichtweisen

Die meisten Reisefotografen können viele Geschichten über ihre Abenteuer erzählen und Martin Child ist dabei keine Ausnahme. "Ich wurde von der Polizei verfolgt, als ich in Rom ein Stativ benutzte, versank in Australien im Treibsand und wurde bei lebendigem Leib in der Hitze des Death Valley in Kalifornien gekocht", erinnert sich der 45-Jährige. Das alles gehört zum Berufsalltag eines der bekanntesten Reiseexperten, einem Mann, der immer unterwegs ist und Bilder von den abgelegenen Regenwäldern in Queensland bis zur meistfotografierten Metropole der Welt, New York, macht. Child arbeitet für die großen, bekannten Bildagenturen wie Alamy, Digital Vision, Millennium Images, Powerstock, Superstock und nicht zuletzt Getty Images.

Seine Bilder sind so verbreitet, dass Sie diese bestimmt schon in Reisebroschüren, Zeitschriften, Anzeigen oder auf Buchumschlägen gesehen haben. Child kann intuitiv vorhersagen, ob eine Aufnahme tatsächlich erfolgreich ist. "Ich fotografiere viele hundert Bilder von den bekanntesten Plätzen, aber nur einige Bilder lösen bereits bei der Aufnahme ein Kribbeln aus - und diese Bilder sind dann fast immer auch erfolgreich."

Erfolgstipps

1. Informieren Sie sich über die Location

Reisen Sie während der besten Jahreszeit und finden Sie die wichtigsten Plätze heraus. Besuchen Sie nach der Ankunft die örtlichen Fremdenverkehrsbüros oder reden Sie mit dem Hotelpersonal, um die besten Aufnahmemöglichkeiten zu erkunden. Machen Sie sich mit der Umgebung vertraut, indem Sie sich auf Web-Seiten über Reisen und Stock-Fotos informieren.

2. Fotografieren Sie zur richtigen Tageszeit

Die produktivste Tageszeit ist frühmorgens und während der Abenddämmerung, weil dann das interessanteste Licht vorhanden ist. Es sind meist auch die ruhigsten Zeiten mit wenigen Touristen - rechnen Sie also mit langen Arbeitstagen.

3. Fotografieren Sie das Lokalkolorit

Suchen Sie nach Märkten, Kunsthandwerken, Andenken, Lebensmitteln, Getränken und architektonischen Details. Nutzen Sie alle Motive, die sich Ihnen anbieten.

4. Nehmen Sie viele Fotos auf

Fotografieren Sie viele Bilder mit allen Aspekten eines gegebenen Motivs und wählen Sie dann nur die besten Fotos aus - je mehr Aufnahmen Sie machen, desto größer die Verkaufschancen.

5. Komponieren Sie mit dem Kamerasucher

Versuchen Sie, das Foto bereits ganz präzise im Sucher zu komponieren und verlassen Sie sich nicht auf die eine spätere Bestimmung des Bildausschnitts - starke Bilder müssen nicht beschnitten werden.

Sally Gall - der Eingebung folgen

Evolution per Experiment

"Studiofotografie interessiert mich nicht", sagt Sally Gall, "da ich draußen sein möchte. Die Möglichkeit zu reisen und zu fotografieren bewahrt mich vor der Enge unserer Städte." Sally wurde 1956 in Washington DC geboren und ihre akademische Laufbahn wies darauf hin, dass sie sich eines Tages als hochrangige Fotografin wiederfinden würde: 1978 bekam sie den BSc (Bachelor of Science) für Fine Arts-Fotografie an der Hochschule für Grafik und Design in Rhode Island. Sie reiste durch Europa und war dann für drei Jahre die Assistentin des Direktors im Museum für zeitgenössische Kunst in Houston, Texas. Das brachte sie allerdings in eine Zwangslage.

"Ich fotografierte ständig, nur wusste ich nicht, ob ich jemals von den Fotos leben könnte!" Später arbeitete Sally noch in der Galerie Cronin, ebenfalls in Houston, und unterrichtete gleichzeitig Fotografie an der Hochschule und im Kunstmuseum. "Ich wollte aber dort sein, wo Kunst passierte, und ich wollte auch mehr reisen. 1988 zog ich deshalb nach New York." Sally kann jetzt vom Verkauf ihrer Reisefotos leben. Außerdem macht sie Auftragsarbeiten für Adidas, Electrolux und die "New York Times".

Erfolgstipps

1. Nicht nur ein Motiv dokumentieren, sondern mit dem Foto etwas aussagen

Das Aufnahmeobjekt darf nicht einfach nur aufgezeichnet werden, sondern es ist der Ausgangspunkt für Stimmungen, Emotionen und Konzeptionen.

2. Immer die Kamera mitnehmen

Die besten Bilder entstehen oft spontan bzw. aus dem Augenblick heraus. Folgen Sie Ihrer Eingebung und reagieren Sie spontan, um in einer bestimmten Situation einprägsame Fotos aufzunehmen.

3. Verschiedene Kamerawinkel verwenden

Wählen Sie unterschiedliche Kamerawinkel, fotografieren Sie nicht nur aus Augenhöhe. Richten Sie die Kamera nach oben und unten, gehen Sie in die Hocke oder stellen Sie sich auf eine Leiter.

4. Schauen Sie sich um

Lassen Sie das Foto aus einer Situation heraus entstehen und bleiben Sie am Ball. Nehmen Sie sich Zeit - 30 statt drei Minuten - und gestalten Sie das Bild, verfeinern Sie die Komposition und beobachten Sie das Aufnahmeobjekt. Das nach 30 Minuten aufgenommene Bild kann ganz anders und sehr wahrscheinlich viel besser ausfallen.

5. Sagen Sie etwas aus

Versuchen Sie, den Kern Ihrer Arbeit mit Bildern zu belegen, die sich gegenseitig stärken. Alles zusammen kann eine visuelle und konzeptionelle Aussage mit einer starken Bedeutung sein.

Gerhard Schulz - auf Licht, Position und Tageszeit achten

http://schulz-naturephoto.com 

Natürlicher Instinkt

Gerhard Schulz hat sich dem Projekt verschrieben, einige der schönsten Plätze in Europa und den USA aufzunehmen. Er begann, Tiere in ihren natürlichen Lebensräumen aufzunehmen - und bekam dafür viele Auszeichnungen. Der Naturfotograf aus Hamburg wurde 2003 von der BBC als Wildlife-Fotograf des Jahres geehrt - für sein ungewöhnliches Foto eines Gorillas. 1999 gewann er mit seinem eindruckvollen Bild eines Fischadlers den Hauptpreis beim Wettbewerb "Glanzlichter der Natur" in Rosenheim.

Gerhard: "Ein solches Ereignis stärkt das Selbstvertrauen - ich war danach noch viel öfter mit meiner Kamera unterwegs." Schon als Kind stöberte Gerhard Schulz in Tierzeitschriften und Naturbüchern, doch erst eine Reise nach Kenia im Jahre 1987 gab ihm den wichtigsten Impuls. Er wollte das Erlebte mit dem Fotoapparat festhalten. Seitdem fotografiert er freilebende Tiere, wildwachsende Pflanzen und Naturlandschaften.

Erfolgstipps

1. Die Natur respektieren

Bleiben Sie auf Distanz, um die Tiere in ihrem Lebensraum nicht zu stören. Unbemerkte Tierfotos sind immer am besten, da sie das normale und natürliche Verhalten von Tieren zeigen.

2. Geduldig sein

Wenn Sie für ein Foto in der Nähe einer Tierbehausung länger als 20 Minuten warten müssen, ist die Chance groß, dass Sie bereits längst von dem Tier entdeckt wurden. Wechseln Sie also den Ort und versuchen Sie, ein anderes, weniger scheues Tier zu fotografieren .

3. Das Wissen ständig erweitern

Ganz wichtig ist, über die Verhaltensweisen Ihres Aufnahmeobjekts informiert zu sein. Sprechen Sie mit Fachleuten und prüfen Sie erst die Orte, an denen Sie fotografieren möchten. Auf diese Weise entwickeln Sie auch neue Fotoideen.

4. Die richtige Bildkomposition finden

Die Bildkomposition ist ein wichtiger Schlüssel für gute Bilder. Sie müssen das Verhalten und den Lebensraum Ihrer Aufnahmeobjekte studieren und besonders auf Licht, Position, Tageszeit achten und dann noch das richtige Objektiv wählen. Sie benötigen nicht nur eine Bildidee, sondern Sie müssen diese Idee auch umsetzen.

5. An Fotowettbewerben teilnehmen

Vielleicht klingt es ein wenig anmaßend, besonders, wenn Sie gerade Ihre erste Spiegelreflexkamera gekauft haben. Fotowettbewerbe sind eine gute Möglichkeit, um Ihre fotografischen Fertigkeiten zu verbessern. Finden Sie heraus, warum einige Bilder so erfolgreich sind. Warum werden diese Bilder von den Juroren beachtet? Gibt es einen besonderen Trick oder eine bestimmte Technik? Studieren Sie Ihre Aufnahmen, üben Sie Ihr Auge und seien Sie objektiv.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.