Nerdistans Ende Das Internet gehört den Normalos

Noch immer gelten die Nerds als treibende Kraft im Internet - dabei waren es die Normalos, die den Alltag ins Netz und das Netz in den Alltag brachten. Weil es ihnen die perfekten Werkzeuge für das Überleben im Alltag bot. Die Nerds von heute dagegen sind offline, glaubt Felix Knoke.
Der Prototyp: Bill Gates gilt als Erfolgs-Nerd. Seine Nachfolger sind keine mehr

Der Prototyp: Bill Gates gilt als Erfolgs-Nerd. Seine Nachfolger sind keine mehr

Foto: DAN LEVINE/ AFP

Als im März 2000 die Dotcom-Blase platzte und unzählige enttäuschte Kleinaktionäre und selbst ernannte Web-Visionäre geschockt zurückließ, schlug endlich die Stunde der Stümper: Die Politik, die Wirtschaft, die Medien und auch die Industrie entdeckten den ganz normalen Surfer.

Damit begann das Jahrzehnt, in dem das Internet zum beherrschenden Massenmedium werden sollte, völlig anders als gedacht. Nicht länger sollten Kleinunternehmen mit aufgepumpten Riesenbudgets, aufgeblasene Marketing-Abteilungen und selbsternannte Tech-Päpste tonangebend in der Medienberichterstattung über das Internet sein, sondern die Normalos. Der scheinbare Siegeszug der Normal-Surfer war dabei nichts Neues, sondern nur eine Entdeckung: Die Börsenphantasien der Dotcom-Hysterie hatten die Aufmerksamkeit der Medien gebunden, Otto Normal-Surfer hatte das alles aber kaum je interessiert. Der hatte es sich schon ab Ende der Neunziger zunehmend gemütlich gemacht im Web, mit Millionen privater Homepages, mit Porno, Napster und dem ersten Chat-Boom.

Die Normalos also hatten zu diesem Zeitpunkt längst das Netz erobert, die Computerhersteller mit Massenbestellungen in den Glückshimmel katapultiert und den Breitbandanbietern ein Sahnegeschäft beschert.

Die großen Entwicklungssprünge im Netz zeichneten sich immer dann ab, wenn neue Technologien endlich für ein Massenpublikum verfügbar waren: DSL-Anschlüsse, Supermarkt- und Discounter-Computer, P2P, Voice-over-IP. Mit der Verfügbarkeit neuer Kommunikationskanäle wurden regelmäßig neue Nutzer ins Internet gelockt, sie siedelten sich wegen der, um die und in den neuen Services an, bildeten soziale Netzwerke, wurden kreativ und konsumierten, konsumierten, konsumierten.

Und weil sie dabei nicht unbedingt die Angebote der Industrien verkonsumierten, sondern das nutzten, was ihnen die Technik gerade ermöglichte, wuchs ihr Einfluss auf ganze Branchen - nicht immer mit positiven Implikationen. Durch schiere Masse zwangen die klickenden Karls und scrollenden Susis etwa die Unterhaltungsindustrie erst nah an den Bankrott, dann zum Umdenken, befreiten Herrschaftswissen aus der Hand einiger weniger Institutionen, errichteten in Form immer umfangreicherer Foren, später Community-Lexika, ein in jeden Bereich hineinreichendes Beratungsnetzwerk und entrissen damit Professionen und Institutionen die Definitionsmacht darüber, wer krank, im Recht oder falsch beraten ist.

Die Internet-Avantgarde von damals blieb auf der Strecke

Dahinter steckte beileibe kein politischer oder gar revolutionärer Gedanke. Die neuen Netzbewohner machten im Netz einfach so weiter, wie sie es gewohnt waren: Sie tratschten über Arbeitskollegen und alte Schulfreunde, tauschten Strickmuster und Reparaturanleitungen und machten sich Sorgen um ihre Gesundheit. Sie flirteten, feilten an der Karriere und suchten Zerstreuung. Neu war nur der Verbreitungsweg und die Art und Weise, wie sich dieses Informationsdurcheinander durch Fortschritte etwa in der Suchtechnik, aber auch durch einen wachsenden Organisationsgrad der Information im Web zu einer neuen, sozialen Kommunikationsstruktur verfestigte.

Wer bei all dem Trubel allerdings auf der Strecke blieb, war die Internet-Avantgarde von damals: Die mitunter langhaarigen, Cordhose-tragenden Nerds (Typ: Richard Stallman) oder ordentlich gescheitelten Cordhosenträger (Typ: Bill Gates) der achtziger Jahre. Sie verschwanden in den EDV-Räumen oder etablierten sich als Warner und Mahner im Daten- und Konsumentenschutz. Dabei waren sie es, die einst die Infrastrukturen schufen, den Umgang mit dem Netz der Netze erprobten und massenhaft Rüstzeug für ein Überleben im und mit dem Netz erfanden und - einfach so! - verbreiteten.

Spätestens Mitte der 2000er, mit der Entdeckung des Nerd-Chics im Zuge des Revivals der Achtziger aber war klar: Die Marihuana- und Silizium-geschwängerten Netz-Revolutionsphantasien der späten achtziger und neunziger Jahre sind endgültig Geschichte. Gerade die zweite Welle der Nerds, die digitalen Ureinwohner des Internets, sind keine Avantgarde mehr - sie sind die eigentlichen Internetverlierer.

Meritokratie der Nerd-Eliten

Waren die Cordhosenträger noch zu früh dran, versuchten die schicken Neonerds viel zu spät, bei den Entscheidungsprozessen in und um das Internet mitreden zu dürfen. Sie erkannten die wahre Natur der "digitalen Bewegung" erst, als das Internet längst in der Hand der Normalos war. In den Neunzigern noch hatten sie von der Auflösung aller Grenzen und Staaten geträumt (1996: "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" ), vom Ende der bestehenden Wirtschaftsordnung, vom Sieg von Bits und Bytes über "Brick and Mortar" ("Ziegelstein und Mörtel", Nicolas Negroponte). Erst ließen sich die idealistischen Nerd-Träumer von den hechelnden Börsen-Hysterikern überfahren, dann von Normalos überholen.

Erst jetzt versuchten sie, eine Meritokratie der Nerd-Eliten zu etablieren, nie besessene Pfründe zurückzuerobern,  um darüber letztlich nur das spießigste aller Entscheidungsmedien für sich zu entdecken - die Politik.

Es waren nicht die Nerds - nicht die alten, nicht die neuen - die das Internet zu dem gemacht haben, was es heute ist, sondern die Normalos: Sie waren es, die den Alltag ins Netz und das Netz in den Alltag brachten. Die Nerds stellten nur all die Werkzeuge bereit, mit deren Hilfe die Spießer die Onlinewelt eroberten. Nicht etwa, indem sie brav Bürgerjournalismus betreiben, wie das nicht nur von Medien-Geschäftemachern auf der Suche nach Rationalisierungsmöglichkeiten, sondern sogar von Nerds noch oft gutmeinend gefordert wird, sondern, in dem sie Pflege am eigenen Produkt betrieben.

Denn nicht etwa in den stickigen Nerd-Gefilden der Insiderboards, IRC-Chats und Mailing-Listen, sondern bei MySpace und Geocities, bei YouTube und Facebook erblühte ein ganz alltäglicher Umgang mit dem neuen Kommunikationsmittel. Und nirgendwo anders lässt sich die Alltagwerdung des Internets besser nachvollziehen, als in diesen Zentren der Normalität. In ihnen ergriff das gemeine Volk nicht die Herrschaft über die Kontrollinstanzen , sondern die Definitionsgewalt über sich selbst: Ich mach mir mein Bild, wie es mir gefällt. Die Bürger betreiben keinen Bürgerjournalismus sondern PR im eigenen Auftrag: Im Flirtforum, im sozialen Netzwerk, beim Jobportal.

Das Beste aus sich machen

Auch das ist nicht revolutionär, sondern nur eine Weiterführung ganz normaler Bestrebungen im Alltag: Das Internet hilft jedem dabei, seinen Alltag und seine Arbeitskraft zu rationalisieren und zu ökonomisieren - also, "das Beste aus sich zu machen." Ganz so, wie es die Soziologen Günter Voß und Hans Pongratz in ihrem viel beachteten Aufsatz "Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?" 1998 in der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie"  beschrieben. Ihnen zufolge müssen sich immer mehr Menschen um die Vermarktung ihrer Arbeitskraft selbst kümmern, sich als Ware sehen, die auf dem Markt bestmöglich angeboten werden muss. Dafür bietet das Internet Werkzeuge - und erzwingt gleichzeitig den Umgang mit ihnen.

Längst ist ein flüssiger Umgang mit Text und Tabellen Einstellungsvoraussetzung im Berufsleben. Doch wer hat sich nicht auch schon Grundlagen in Bild-, Video- und Musikbearbeitung aneignen müssen? Beim Zurechtschneiden des Profilbildes in Wer-kennt-Wen, beim Upload des letzten Hochzeitvideos zu MyVideo, beim Verschicken der digitalen Weihnachtspostkarte. Selbst so komplexe Vorgänge wie Musikkomposition und Tonstudioarbeit sind mit Hilfe all der günstigen Music Maker für jedermann zu schaffen. Und wer keine Noten lesen kann, benutzt halt den Microsoft Songsmith.

Den Nerds verdanken die Internetnormalos sehr viel, den atemberaubenden Aufstieg des Internet aber verdanken die Nerds den Normalos. Sie füllten das Netz mit Leben, machten es zu einem vollständigen, funktionierenden Teil der Gesellschaft und eröffneten schließlich der einst als Sonderlinge gesehenen Internetavantgarde die Rückkehr in die Bürgerlichkeit. Früher galt eine durchschnittliche Verweildauer von zehn Stunden am Tag vor dem PC als Kriterium für einen sozial gestörten Sonderling. Heute ist es normal - für Workoholics, für Zocker, für besessene Sozialnetzwerkpfleger.

Die echten Nerds, die seltsamen Sonderlinge von heute dagegen - sind offline.

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