Netz-Zensur Spanien sperrt Magersucht-Seiten

Unglaublich, aber wahr: Internet-Seiten feiern Magersucht als Lebensstil. Spanien beschloss eine beispiellose Zensur-Aktion: Sie ließ ein perfides Angebot sperren, das "Mädchen in den Tod" treiben könne.


Rund 500 Webseiten sollen Magersucht ( Anorexia nervosa) als nachahmenswerten Lebensstil beschreiben. Längst nicht alle sind ernst gemeint: So manche Seite entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als reichlich dämlicher Gag unreifer Jung-Publisher. Was an der Sache jedoch nichts ändert. Denn auch solche Seiten sind potentiell gefährlich - gerade wenn sie auf eine Opfergruppe stoßen, die kaum reifer ist und den doofen Gag nicht als solchen erkennt.

Fatales Ideal: Über Jahre mussten Models vor allem dürr sein, als menschliche Kleiderständer auf ein überlebensnotwendiges Minimum herabgehungert
AP

Fatales Ideal: Über Jahre mussten Models vor allem dürr sein, als menschliche Kleiderständer auf ein überlebensnotwendiges Minimum herabgehungert

Was soll man zum Beispiel von einer Seite halten, die in einem perversen Wettbewerb Mädchen dazu auffordert, sich dürr zu hungern? Je weniger Kalorien die Teilnehmerinnen pro Tag zu sich nehmen, desto mehr Punkte erhalten sie. Punkte gibt es auch für Ausdauersport, die Einnahme von Schlankheitspillen oder von großen Mengen Wasser.

Auf zwei Wochen war solch ein Wettkampf angelegt, bis die spanischen Gesundheitsbehörden das perverse Angebot per Sperrverfügung aus dem Web fegten. Zwei Wochen Hungerkur - das könne "Fehlernährungserscheinungen bei normalen Frauen" verursachen, beklagte das spanische Gesundheitsministerium. Und für ein junges Mädchen, das schon eine akute Essstörung hat, wäre es möglicherweise tödlich.

Die spanische Regierung bezeichnet diese und ähnliche Seiten als "ernsthaftes Gesundheitsrisiko für junge Leute", berichtet die "Times" in ihrer aktuellen Ausgabe. Sie sei offensichtlich entschlossen, etwas dagegen zu unternehmen. Das entspricht dem Zeitgeist in Spanien, das sich vor einigen Monaten als erstes Land der Welt gegen Auftritte offensichtlich unterernährter Mode-Models gestellt hatte.

Neben der Seite mit dem Hunger-Wettbewerb gaben am Wochenende noch andere spanische Pro-Magersuchtseiten den Betrieb auf. Ob dies auf Betreiben der Gesundheitsbehörden geschah, ist nicht bekannt.

Geprüft wird noch, ob die Betreiber juristisch belangt werden können. Der Betreiber einer offenbar nicht ernst gemeinten Webseite kritisiert die spanische Regierung für die Art, wie diese gegen die Seiten vorgehe: Es sei kontraproduktiv, wenn die Regierung umstrittene Webseiten durch Nennung von Name oder Adresse erst richtig publik mache, sagte er der "Times".

pat



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