NETZKULTUR Senioren im Netz

In den USA gehören die Senioren im Internet schon längst zu den alten Hasen. Hierzulande befinden sich einschlägige Angebote erst im Aufbau.



Seit über zehn Jahren ist SeniorNet online. Die gemeinnützige Online-Organisation für die ältere Generation feierte letzten September mit einer rauschenden Cyber-Party ihr Jubiläum. Nicholas Negroponte, Chef des renommierten MIT-Medienlabors und inzwischen ebenfalls Senior, hielt die Festrede.

"Im allgemeinen geht man davon aus, daß Senioren von neuer Technologie, Computern und Internet nichts wissen wollen. Das ist nicht richtig", stellt der Präsident von SeniorNet, Peter Esty, fest. "Gerade für Ältere mit Bewegungseinschränkungen bietet das Internet Zugang zu Informationen und Unterstützung." Arthritiskranke beispielsweise können über das Netz medizinischen Rat einholen und Erfahrungen mit Leidensgenossen austauschen. Die "Arthritis Connection" ist nur ein Projekt von vielen, die das SeniorNet in den USA zu einem wertvollen Kommunikationsknotenpunkt im Netz werden ließen. Ursprünglich wurde das Projekt über Stiftungsgelder finanziert, inzwischen hat auch die Industrie seinen Marketingwert erkannt. Zu den regelmäßigen Sponsoren gehören zum Beispiel Telekommunikationsunternehmen wie Northern Telecom, Southwestern Bell, Bell South, Bell Atlantic, und Firmen aus der Computerbranche wie Intel, Microsoft, Adobe und IBM.

Während SeniorNet auch heute noch ein eher gemeinnütziges Unternehmen ist, setzte SeniorCom von Anfang an auf die Mitwirkung von Industrie und Handel. Die Idee für ein derartiges Angebot kam Tom Poole, dem heutigen Geschäftsführer, als er sich für seine Großmutter nach einer Gemeinschaft für ältere Menschen umsah. Seine bewährte Informationsquelle, das Internet, versagte. Gerade zwei Treffer spuckte die Suchmaschine unter dem Stichwort "Senioren" aus. Poole sah eine Marktlücke und gründete die Firma SeniorCom, die sich um den Markt der über Fünfzigjährigen kümmerte. Produktmarketing, Service, Unterhaltung und Nachrichten sind im SeniorCom ganz auf Senioren abgestimmt. Zusammen mit American Express wird ein virtuelles Reisebüro angeboten. Pooles Kunden gehören heute in den USA zu der am schnellsten wachsenden Gruppe von PC-Käufern und Internet-Nutzern. Er hatte zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Riecher.

Glaubt man den Statistiken und Umfragen, gehören in Deutschland Senioren wie Jugendliche noch zu den Randgruppen im Netz. Durchschnittlich sind laut Bernad Batinic, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie der Universität Gießen, 7,4 Prozent der Internet-User über 41 Jahre alt, 7,7 Prozent unter 20 Jahre. In den USA hingegen stellt die Altersgruppe der über 41jährigen mit 52,1 Prozent sogar die Mehrheit, so Batinic.

Auch in Deutschland werden jedoch - schon aufgrund der demographischen Entwicklung - die Senioren im Internet künftig stärker vertreten sein. Bald wird ein Drittel aller Deutschen älter als 65 Jahre sein. Neue Wege in der Betreuung älterer Menschen müssen gefunden werden, aber auch die Stellung der Senioren in der Gesellschaft wird sich ändern. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Kaufkraft wird die Finanzierung spezieller Angebote leichter als heute sein. Im "Forum 2000", das auf Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums "Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft" beobachtet, wurde eine Arbeitsgruppe speziell für Senioren eingerichtet. Die Gruppe hat sich viel vorgenommen: "Insbesondere die altersprozeßtypischen Veränderungen, die biologisch begründeten Einschränkungen, die Ausgliederung aus dem Erwerbsleben und die Veränderungen im sozialen Umfeld" von Senioren und Seniorinnen, sowie deren "persönliche Bedürfnisse, Neigungen, Kompetenzen und Interessen" sollen berücksichtigt werden. Erste Ergebnisse will man in diesem Herbst vorstellen, um dann entsprechende Angebote entwickeln zu können.

Einige wenige Projekte sind schon jetzt online. Während in den USA vor allem auf die private Initiative gesetzt wird, kommen im Online-Entwicklungsland Deutschland einschlägige Projekte oft erst aufgrund staatlicher Fördermittel in den Gang. In Kooperation mit dem niederländischen SeniorWeb wurde an der Universität Bonn ein deutsches SeniorWeb entwickelt. Finanziert wird es von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen aus Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Projekt wurde Anfang Juni auf dem Seniorentag in Dresden vorgestellt. Zwei studentische Hilfskräfte kümmern sich unter der Leitung von Wilhelm Vollmann, 56, um den Aufbau der Website. Das Angebot soll "so organisiert werden, wie es die Menschen selbst interessiert", so Vollmann. Wesentlicher Anreiz für den Wissenschaftler ist jedoch die Aussicht, über das direkte Feedback der Senioren die Forschung vertiefen zu können. So verwundert es nicht, wenn vor allem wissenschaftliche Publikationen zum Thema Alter als HTML-Dokumente auf dem Server zur Verfügung gestellt werden. In der "Kontaktbörse" bedauerten prompt einige Senioren, "daß wir auch auf der Website des deutschen "Senioren-Webs" nicht auf Senioren stoßen, sondern auf Akademiker".

Dennoch dient das SeniorWeb schon heute als Kommunikationsdrehscheibe zwischen realer und virtueller Welt. Per E-Mail kann man beispielsweise über die Kontaktbörse die Dienste einer "Kompanie des guten Willens" in Anspruch nehmen: Handwerker im Ruhestand bieten bundesweit zu Selbstkosten ihre Dienste, etwa bei Hausrenovierungen, an. Eine Diskussionsgruppe der Universität Düsseldorf zum Thema Alzheimer, eine Selbsthilfegruppe für Träger künstlicher Herzklappen, ein Präventationsforum zum Thema Seniorensport bieten zahlreiche Kontakt- und Informationsmöglichkeiten. Ein Sprachserver soll künftig auch Leuten ohne Fax- und Internet-Anschluß Abfragen per Telefon ermöglichen, mit einem Chat-Forum will man im Seniorweb die Online-Kommunikation verbessern.

Senioren interessieren sich jedoch nicht nur für Herzschrittmacher, Rollstühle und Alzheimer. Gerade die ältere Generation verfügt über einen großen Erfahrungsschatz. Welches Medium eignet sich besser zur Archivierung persönlicher Geschichte als das Internet? Unter dem Titel "Erlebte Geschichte" soll in einem Koblenzer Projekt Geschichte subjektiv erlebbar und nachvollziehbar gemacht werden. Im Rahmen des Kultursommers Rheinland-Pfalz speisen die Landesbüchereistelle Koblenz, die Jugendkunstwerkstatt Koblenz und acht aktive Stadtbibliotheken lokale Erfahrungen in das globale Gedächtnis des Internets ein. Über ein spezielles Förderprogramm werden die Bibliotheken mit Internet-Anschlüssen ausgestattet. Der Leser als Autor, die Bibliothek als Content-Provider im Internet - für die Mehrheit der Teilnehmer eröffnen sich erst jetzt die medialen Möglichkeiten.

Unterschiedliche Lebensentwürfe sollen unkommentiert und unzensiert nebeneinander stehen, der direkten Einsicht aller Online-Leser geöffnet - ohne die kommentierende Hilfe von "Fachleuten". Die Bürger selbst sollen ihre Lokalgeschichte und regionale Kultur vorstellen. Mitmachen kann jeder, der einen Bezug zu Rheinland-Pfalz hat. Technische Kenntnisse sind nicht erforderlich, die Veröffentlichung im Internet ist kostenlos.

Ein Ziel der Projektmacher ist die Überschreitung von Generationsschranken. Als Helmut Becker, 67, seinen Beitrag "Heimkehr" schreibt, hilft ihm sein 17jähriger Enkel die Geschichte in den Computer einzutippen und die Bilder einzuscannen. Becker erzählt, wie er sich mit 15 Jahren wenige Tage vor Kriegsende noch bei der Waffen-SS melden sollte. Wie er nach einem Fliegeralarm aus der Schule ausriß, um in sein Heimatdorf zu laufen. Dort lag das Familienhaus in Schutt und Asche, doch die Eltern waren noch am Leben. In der Familie Becker wird die eigene Familiengeschichte jetzt wieder entdeckt.

Doch der Gedanken- und Erfahrungsaustausch findet nicht nur im virtuellen Raum statt: In der Konzer Stadtbibliothek trafen sich Anfang Juli die Internet-Autoren der "Erlebten Geschichte" erstmals zu einer Autorenlesung mit Liederabend. Gemeinsame Interessen waren schnell gefunden, weitere Web-Aktionen geplant. So will Teilnehmer Willi Körtels mit Hilfe des Internets Menschen finden, die ihm dabei helfen sollen, auf einem Foto einer jüdischen Feier aus dem Jahre 1933 die letzten sieben unbekannten Personen zu identifizieren. Das Foto ist Ausgangspunkt für eine Dokumentation jüdischen Lebens im moselfränkischen Oberwellen. Für Körtels ist das Internet die letzte Möglichkeit, mehr über das Leben der Verschollenen zu erfahren.

Senioren haben auch ein anderes regionales Internet-Projekt "unterwandert". Über 80 gemeinnützige Organisationen der Region arbeiten im schwäbischen Informationsnetzwerk "Telebus" zusammen. Welf Schröter, 43, Leiter des zwei Jahre alten Projekts, hätte nach eigener Auskunft ohne das weitreichende Schneeballsystem der Seniorenorganisation "Graue Panther" sein Netzwerk nicht derart effektiv aufbauen können. Die beteiligten Senioren haben über Freundeskreise und andere informelle Kanäle Gruppen wie "Amnesty International" für den "Telebus" gewinnen können. Für Schröter liegt das Erfolgsgeheimnis des "Telebus" nicht nur in den zahlreichen Seilschaften, sondern vor allem im Enthusiasmus der Senioren für die Sache. Dabei ergebe sich schon die ein oder andere ungewöhnliche Zusammenarbeit. Für die Entwicklung einer laientauglichen Suchmaschine entstand so beispielsweise eine denkwürdige Kooperation zwischen der "Telebus"-Seniorenrunde und dem Chaos Computer Club - ein praktisches Beispiel für den vielfach beschworenen Dialog der Generationen.

Christiane Schulzki-Haddouti, 30, lebt als freie Fachjournalistin für Neue Medien in Koblenz. Als Kulturpädagogin begleitet sie die Web-Projekte "Erlebte Geschichte" und "Cyber-Tagebuch".

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