Netzwelt-Ticker 60 Prozent twittern einmal und nie wieder

Twitter bleibt für die meisten Neugierigen ein einmaliges Vergnügen: Die meisten Nutzer sind Nicht-Nutzer. Außerdem: EU-Netzsperren ohne Richtervorbehalt, ein süffiges Job-Angebot für Web-2.0-Winzer und Microsoft enthüllt, dass es mehr Deutsche gibt als Norweger. Das und mehr im Überblick.


Die dickste Sau, die derzeit durchs digitale Dorf getrieben wird, heißt Twitter. Während die einen darin nichts weniger als die Neuerfindung des Informationszeitalters und die Rettung der Welt erkennen, wenden sich die anderen nur noch genervt ab. Und das sind mehr, als den Twitterfans bewusst sein dürfte.

Der allgegenwärtige Twitter: Über nichts im Web wird so ausgiebig geschwätzt wie über den Plapper-Dienst. Die meisten Web-Nutzer wissen nichts damit anzufangen

Der allgegenwärtige Twitter: Über nichts im Web wird so ausgiebig geschwätzt wie über den Plapper-Dienst. Die meisten Web-Nutzer wissen nichts damit anzufangen

Zumindest legen das die Daten einer Studie nahe, die das Marktforschungsunternehmen Nielsen veröffentlichte. 60 Prozent der neuangemeldeten Twitteruser kehren demnach dem Angebot bereits im Folgemonat wieder den Rücken. Womit die Treuerate bei mageren 40 Prozent liegt. Dabei stellt diese Zahl eine Verbesserung dar, noch vor wenigen Monaten lag der entsprechende Wert bei 30 Prozent.

Da drängt sich nicht nur "Mediaweek" die Parallele zum ehedem nicht weniger gepriesenen Second Life auf. Auch bei Twitter dürften angesichts der geringen Quote der Verbleiber die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Der leitende Nielsen-Forscher David Martin wird mit der Einschätzung zitiert, eine derart niedrige Quote begrenze spürbar das Wachstum der Nutzerzahlen. Nach Martins Berechnung resultieren 40 Prozent Dableiber langfristig in einem Wachstumswert von zehn Prozent. Denn auch die Zahl potentieller Neu-User ist limitiert.

Möglicherweise hat der Plapperdienst, obwohl noch ganz am Anfang, seine besten Zeiten schon wieder hinter sich. So hätten zum Beispiel MySpace und Facebook zu einem vergleichbaren Entwicklungszeitpunkt eine doppelt so hohe Kundenbindungsrate aufgewiesen und diese im Laufe der Zeit auch noch weiter ausgebaut.

EU-Telekompaket: Richtervorbehalt für Internetsperren fraglich

Nachdem noch in der letzten Woche der parlamentarische Vorbereitungsausschuss für das EU-Telekompaket beim Thema Netzsperren den Richtervorbehalt wieder auf den Plan gesetzt hatte, sieht es jetzt wieder anders aus.

Im nun erreichten Kompromiss zwischen Rat und Parlament, der heute vorgestellt werden soll, wird auch die Frage behandelt, inwieweit beim Herunterladen oder Verteilen von Raubkopien erwischte Bürger vom Internet abgeklemmt werden können. Zwar soll ein einfacher Zuruf der Interessenverbände dazu noch nicht ausreichen, der ertappte Sünder vielmehr "das Recht auf den Spruch eines unabhängigen und unparteiischen Tribunals" haben, wie "Futurezone" zitiert. Ein solches Tribunal kann jedoch alles Mögliche sein, selbst das von Frankreich bevorzugte Modell einer einzig von Rechteinhabern beschickten Behörde. Eine unabhängige Überprüfung der Netzsperre wäre also nicht mehr gewährleistet.

Währenddessen hat auch der Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) Bedenken angemeldet. Die im BVDW organisierten Onlinereklamefirmen befürchten Gefahr für Web-2.0-Plattformen. Denn die würden darben, wenn Cookies zukünftig, wie im Kompromiss vorgeschlagen, nur noch nach jeweiliger Zustimmung des Users auf dessen Rechner abgelegt werden dürften. Das bedeute nichts weniger als das Ende von Profildateien als "zentrales Nutzungssteuerungselement", so BVDW-Vize Matthias Ehrlich zu Golem.de.

Microsoft bastelt am iPhone-Rivalen

Das Mobilfunkgeschäft boomt und Apple hat sich daran mit seinem iPhone einen beträchtlichen Anteil gesichert: Selbst in der Krise boomt das iPhone so kräftig weiter, dass Apple als eine von wenigen IT-Firmen im ersten Quartal 2009 steil steigende Gewinne ausweisen konnte.

Das lässt die Konkurrenz von Microsoft nicht ruhen, weshalb die Redmonder dabei sind, sich mit dem US-Provider Verizon zusammenzutun, um ein eigenes, konkurrenzfähiges Smartphone herauszubringen. Auch Verizon erhofft sich durch das Projekt einen Schritt nach vorne im Wettbewerb mit AT&T, dem exklusiven Vertriebspartner für das iPhone.

Unter dem Codenamen "Pink" laufen bereits Vorbereitungen, wie das "Wall Street Journal" berichtet, dabei sollen die Entwicklungen eine Art erweitertes Windows Mobile enthalten. Auch das neue Windows Marketplace for Mobile wird dabei sein, Microsofts Antwort auf Apples App Store, dem Laden für Handy-Downloads.

Werbeschnüffler Phorm traf Geheimabsprachen mit britischer Regierung

Die britische Online-Reklamefirma Phorm schnüffelt im Auftrag ihrer Kunden schon mal illegal Kunden aus, um maßgeschneiderte Werbemaßnahmen zu ermöglichen. Dafür kassierte die britische Regierung unlängst ein Vertragsverletzungsverfahren wegen Verstoßes gegen europäische Datenschutzvorschriften von der EU-Kommission. Die Regierung habe nicht genügend dazu getan, ihre Bürger vor derartigen Aushorchaktionen zu schützen.

Doch nicht nur das, angeblich hat sie sogar aktiv mit Phorm zusammengearbeitet und das Unternehmen bei der Vermarktung seines Späh-Programms mit Rat und Tat unterstützt: Das geht jedenfalls aus dem regen E-Mail-Verkehr zwischen beiden Seiten hervor, über den die BBC berichtet. Der Inhalt der virtuellen Korrespondenz: Anfragen der Firma, ob seitens der Regierung keine Bedenken gegen das Programm bestünden, Ratschläge zur Formulierung von Texten zum Thema.

Das Innenministerium wies die erhobenen Vorwürde der Konspiration zurück und bestritt, Phorm oder dessen Technologie unterstützt zu haben. "Die Privatsphäre der britischen Verbraucher ist uns ein dringliches Anliegen und wir werden jede Technologie befürworten, die angemessen und transparent im Einklang mit den Gesetzen angewendet wird", wird ein Behördensprecher zitiert.

Kalifornischer Winzer offeriert Twitterjob

Wer hat eigentlich behauptet, mit Twitter könne man kein Geld verdienen? Gut, nicht für die Twittermacher selbst, aber immerhin für einen Nutzer des Zwitscherdienstes wird sich das Texten in 140-Zeichen-Portiönchen bald lohnen. Denn ein kalifornischer Winzer hat ein Jobangebot veröffentlicht, das Plappern mit Genuss und Geld belohnt: 10.000 Dollar monatlich für die Dauer eines halben Jahres.

Was ist dafür zu tun? Regelmäßig den Facebook-Account der Murphy-Goode Winery im Sonoma County aktualisieren und ganz viel über leckeren Wein twittern. Allerdings steht vor dem Genuss die Bewerbung um den Job. Dafür müssen sich die Interessenten heute um 11:30 Uhr Ortszeit in San Francisco einfinden, um sich einzutragen. Oder man trägt sich direkt auf der Webseite des Angebots ein. Dort kann der Interessent dann seine Befähigung nachweisen, um den Zuschlag als "Winzer-Lifestyle-Korrespondent" zu bekommen.

Studie von Microsoft

Die Redmonder haben in die Glaskugel geblickt und darin den Sieg des Internets über das traditionelle Fernsehen gesehen. Im Juni 2010 werden die Europäer länger vorm Rechner als vor dem TV hocken, so das Ergebnis einer Microsoft-Studie zum Medienkonsumverhalten.

Aber auch die Tiefen der Web-Demographie hat Microsoft durchleuchtet und dabei entdeckt, dass wir Deutsche mit 55 Millionen Nutzern die Netz-Europameister sind, wenn es um totale Zahlen geht! Nicht nur, dass wir Frankreich und Großbritannien auf die Plätze verweisen, auch hochvernetzte Nationen wie Norwegen (4,3 Millionen Nutzer) und Gibraltar (10.000 Nutzer) liegen deutlich abgeschlagen hinter uns.

PR-Illustration zur aktuellen Studie: Wer hat da behauptet, Microsoft hätte keinen Humor?

PR-Illustration zur aktuellen Studie: Wer hat da behauptet, Microsoft hätte keinen Humor?

Ähnliches gilt wahrscheinlich auch für Andorra, San Marino und Liechtenstein, aber gut, dass das endlich mal wer statistisch erfasst hat. Da wagen wir doch mal die Prognose, dass sich das so schnell auch nicht ändern wird, wenn sich die dortige Geburtenrate nicht um mindestens 234.165 Prozent erhöht.

Doch Binse beiseite: Neben der Tatsache, dass Deutschland kontinentaler Spitzenreiter ist, fällt noch das Nord-Süd-Gefälle auf, was die Marktdurchdringung angeht. Während im europäischen Durchschnitt 50 Prozent der Bevölkerung über einen Internetanschluss verfügen, sitzen anteilig deutlich mehr Nordeuropäer vor dem Rechner. Vielleicht liegt es am langen, kalten und vor allem dusteren nordischen Winter, der 90 Prozent der Isländer, 86 Prozent der Norweger oder 83 Prozent der Finnen nicht ohne das Fenster zur virtuellen Welt auskommen lässt. In der sonnigen Türkei hat hingegen nur jeder Dritte eine Anbindung ans Netz.

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