Netzwelt-Ticker Acht von zehn Browsern hinterlassen Fingerabdruck

Die Electronic Frontier Foundation hat die erschreckenden Ergebnisse eines dreimonatigen Web-Experiments veröffentlicht. Außerdem: Microsoft poliert Hotmail auf, die Neuregelung des Jugendmedienschutzes wackelt, und Google sperrt Flirtservice-Werbung. Das und mehr im Überblick.
Datenschleuder Browser: Eindeutiger Fingerabdruck für praktisch jeden Surfer

Datenschleuder Browser: Eindeutiger Fingerabdruck für praktisch jeden Surfer

Wir wissen, wer du bist: Acht von zehn Web-Browsern hinterlassen eindeutige, wiederidentifizierbare Spuren im Netz - das ist das Ergebnis eines dreimonatigen Web-Experiments der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) . Seit Februar 2010 sollten möglichst viele Surfer eine Testseite ansteuern. Da jeder Browser beim Abruf einer Website gleich haufenweise Daten über das verwendete Betriebssystem, die voreingestellte Sprache, das Browser-Programm selbst, installierte Schriften und vor allem Plug-ins überträgt, lässt sich anhand dieser Daten eine Art digitaler Fingerabdruck erstellen.

Mit diesen Daten lässt sich ein einzelner Surfer mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit bei seinem Streifzug durchs Internet nachverfolgen. Dass dies nicht nur im Experiment funktioniert, darauf weist die EFF explizit hin: Mehrere Firmen bieten Web-Produkte an, die anhand dieser Browser-Fingerabdrücke einzelne Nutzer wiedererkennen sollen - egal, ob sie Cookies aktiviert haben oder sich durch ein Login selbst zu erkennen geben.

Wer auf mehr Anonymität setzen will, sollte den Tipps der EFF folgen: Keinen seltenen Browser benutzen, JavaScript deaktivieren (um die massive Zahl der vom Browser übertragenen installierten Schrifttypen und Plug-ins zu senken), den Anonymisierungsdienst "Tor" nutzen. Vor allem aber richtet die EFF einen Appell an die Browser-Hersteller: Die sollen dafür sorgen, dass ihre Produkte im Privatmodus weniger Daten an Web-Server übertragen. Mehr dazu im Arbeitspapier der EFF  (PDF-Datei, 419 KB).

Hotmail: Microsoft erfindet die Inbox (ein wenig) neu

Microsoft hat eine neue Version des E-Mail-Diensts Hotmail  aufgelegt, um zum Technologieführer Google Mail aufzuschließen. Punkten soll Hotmail mit einer Lösung für ein alltägliches Problem: Immer mehr Menschen erhalten immer mehr E-Mails - und immer öfter sind dies bloß Nachrichten von sozialen Netzwerken ("Martina hat Dir eine Nachricht auf Facebook gesendet"). Deswegen hat Microsoft sich den Posteingang, die Inbox, vorgenommen. Dort soll künftig entsprechend vorsortiert werden - für mehr Übersicht.

Auch die Darstellung von E-Mails hat Microsoft angepasst: Sind Fotos, Dokumente oder Videos angehängt, stellt Hotmail diese automatisch übersichtlich dar, etwa als Diashow oder als Hotmail-integriertes Online-Office. Darüber hinaus verschickt Hotmail Push-Nachrichten an andere Websites, an einen PC oder auf Mobilgeräte. Eine verbesserte Termin- und Kontakteverwaltung - und der Abschlusssatz des Microsoft-Blog-Eintrags - verdeutlichen: Microsoft geht es mit Hotmail künftig nicht mehr nur um Privatpersonen, sondern auch um Profis: "Wir haben Hotmail für Sie und Ihre Arbeitsmethode entwickelt."

Jugendmedienschutz: Neuregelung wackelt

Die Bundesländer werden die geplante die Neuregelung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV) offenbar vorerst nicht beschließen. Neun Bundesländer mit Beteiligung der Union lehnen das Vorhaben ab - sie fürchten zusätzliche Pflichten für Website-Betreiber und keine wesentliche Verbesserung des Jugendmedienschutzes. Das erklärte der Medienexperte der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Christian Goiny, gegenüber Heise.

So einig sich die Politiker in der Ablehnung sind - auf eine gemeinsame Linie für einen JMStV konnten sie sich nicht einigen. Dass Landespolitiker einen von ihren Landesregierungen ausgehandelten Staatsvertrag zu einem so fortgeschrittenen Zeitpunkt noch kippen, ist die Ausnahme. Ursprünglich sollte der neue Staatsvertrag Anfang Juni beschlossen werden.

Jetzt heißt es, die Vorlage der Ministerpräsidenten der Länder müsse überarbeitet werden. Dazu soll das ganze Vorhaben an die neue Enquete-Kommission "Internet und digitale Gesellschaft" des Bundestags delegiert werden.

MySpace: Mit Datenschutz gegen Facebook

Offenbar um sich als sicherere Alternative zu Facebook zu positionieren, hat Rupert Murdochs soziales Netzwerk MySpace an den Datenschutzeinstellungen geschraubt. Mitglieder sollen ab nächster Woche mit wenigen Klicks ihre Profile gegen Datenspäher absichern können. "Wir nehmen unsere Verantwortung ernst," schreibt MySpace-COO Mike Jones im Firmenblog . Weil man das Verlangen der Mitglieder nach einer Balance zwischen Mitteilungsbedürfnis und Privatsphäre respektiere, sie niemals in eine unangenehme Datenschutzposition bringen würde, gebe man ihnen die Kontrolle über ihre Daten.

Das heißt ganz praktisch: Wenn ein Nutzer niemandem außer seinen MySpace-Freunden Fotos zeigen will, dann reicht ein Klick: "Alle Fotos sind jetzt privat." Bei Facebook etwa muss so eine Entscheidung immer wieder getroffen werden - ein falscher Klick und alle Welt (auch Google) sieht die Partyfotos aus längst vergessenen Tagen.

"Cougar": Google sperrt Flirtservice-Werbung

Weil Google Web-Angebote für "Cougars", also ältere Frauen, die jüngere Männer treffen wollen, für "nicht familienfreundlich" hält, will das Unternehmen künftig keine Flirtwerbung für diese Klientel  mehr schalten. Die Entscheidung trifft viele Flirt-Dienstleister etwas überraschend: mit ähnlichen, viel anrüchigeren Angeboten scheint Google bislang keine Probleme zu haben. Während "Cougar" als Werbe-Stichwort verboten ist, geht "sugar daddy" bei Google bisher ohne Probleme durch.

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