Netzwelt-Ticker Alles neu macht MySpace

Das hässliche Netz-Entlein MySpace soll zum Kampf gegen Facebook bereit gemacht werden. Außerdem: US-Kongressabgeordnete beklagen chinesische Spionage, ein Richter enttäuscht die Musikindustrie, und die ganze Welt diskutiert einen Gesetzentwurf aus Kanada.


Umbaupause im Trashhimmel: MySpace macht sich nach fünf Jahren der Hässlichkeit hübsch für die Zukunft, entschlackt seine Seiten und bringt Ordnung ins Chaos. Weniger Links, mehr Übersichtlichkeit, weniger Werbung, bessere Suchfunktionen stehen auf dem Wunschzettel. Techcrunch hat erste Screenshots von den Umbaumaßnahmen, die ab nächste Woche auch die öffentlichen Profile erreichen.

Screenshot des Logos von myspace.com

Screenshot des Logos von myspace.com

Damit selbst in Webdesign unerfahrene Nutzer was Schönes auf die Beine stellen können, wird deshalb auch der Profil-Editor umgekrempelt. Dass es aber mehr war als nur die Einsicht in eigene Verbrechen gegen die Ästhetik, was zu den Neuerungen führte, beweisen neue Web-Statistiken. Die zeigen, dass der große MySpace-Konkurrent Facebook auf Aufholjagd ist – und zumindest im Ausland bereits MySpace überflügeln konnte. Gegenüber Facebook sieht MySpace reichlich alt aus. MySpace gilt als Königin des schlechten Geschmacks, MySpace-Profile zeugen oft von ungeheurem Mut zum Trash.

Zwar nutzen ein Viertel aller Amerikaner MySpace mindestens einmal im Monat – 72 Millionen Besucher von den USA aus bei MySpace versus 36 Millionen Besucher bei Facebook – dafür sammelte Facebook im vergangenen Jahr 75 Millionen zusätzliche Besucher weltweit ein und liegt damit in der weltweiten Statistik gleichauf mit MySpace. Sagen zumindest die Marktforscher von Comscore.

Das inoffizielle Facebook-Blog hadert ein wenig mit diesen Zahlen. Doch ein paar Millionen hin oder her: Was die Möglichkeiten, das Design und den Vernetzungsgrad unter den Nutzern angeht, macht Facebook eh niemand etwas vor. Aber MySpace hat noch ein paar Asse im Ärmel, von denen Facebook und Co. nicht mal träumen können: Hier sammeln sich die Fernsehsender, die Musikindustrie und unzählige unabhängige Musiker und bieten echte Inhalte.

Cyberspionage: Amerikanische Kongressabgeordnete verdächtigen China

Hackern soll es gelungen sein, in die Computer von mehreren US-Abgeordneten einzudringen. Die Angriffe wurden angeblich von Computern in China ausgeführt,

Ziel der Hacker seien unter anderem Listen mit Adressen von chinesischen Dissidenten gewesen. Zwei der Angegriffenen gingen nun mit ihren Vorwürfen an die Öffentlichkeit. Der US-Abgeordnete Frank Wolf behauptet: "Ich vermute, dass ich von chinesischen Hackern angegriffen wurde, weil ich mich schon seit langem gegen die abgründigen Menschenrechtsverstöße in China ausspreche."

Sein Kollege Chris Smith aus New Jersey fügt in einer Meldung auf seiner Website Details hinzu: Sein Arbeitsrechner im Menschenrechts-Unterausschuss sei von Dezember 2006 an von einem Virus angegriffen worden. IT-Profis hätten daraufhin seine Festplatte gereinigt und die Quelle des Virus ausfindig gemacht: China. Der oder die Angreifer hätten versucht, sich in Schreiben an die chinesische Regierung zu hacken. Das sei freilich kein Beweis dafür, dass Peking hinter den Angriffen steckt, "aber es wirft ernsthafte Fragen auf, ob es so ist." Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums dementierte diese Vorwürfe.

Filesharing: Richter enttäuscht Musikindustrie

Das Landgericht Frankenthal hat den Auskunftswünschen der Medienindustrie eine Absage erteilt. Unter Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts verbot das Gericht in Zivilprozessen wegen Filesharing die Herausgabe von Auskünften zu IP-Adressen. Sollte diese Entscheidung Bestand haben, so Golem.de, wäre das ein herber Rückschlag für die Musikindustrie. Bisher konnten Rechteverwerter über einen Umweg an die Adressen hinter IP-Adressen gelangen, um dann mit Abmahnungen zum Beispiel gegen angebliche Filesharer vorzugehen.

Doch genau diese Herausgabe durch die Deutsche Telekom stelle eine Grundrechtsverletzung dar. Das Gericht verweist auf die jüngste Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 11. März 2008, wonach "eine Übermittlung von erhobenen Telekommunikationsdaten vom Anbieter der Telekommunikationsdienstleistung an staatliche Behörden unter anderem nur dann in Betracht [kommt], wenn Gegenstand des Ermittlungsverfahrens eine schwere Straftat i. S. d. § 100 a Abs. 2 StPO ist (MMR 2008, 303, 305)". Das treffe nicht auf Urheberrechtsverletzungen zu.

Doch nicht alle Rechtsexperten schließen sich der Argumentation des LG Frankenthal an. Rechtsexperte Jan Spoerle vom Jurablog des Verlags C.H. Beck geht davon aus, dass "der vermeintliche 'Etappensieg' für zivilrechtlich verfolgte Tauschbörsennutzer schnell wieder vom Tisch sein" wird. Die "erstaunliche Entscheidung" gehe auf zwei Denkfehler zurück.

Kanadas schlimmes Urheberrecht

Die meisten Internetdebatten sind Debatten über Urheberrecht - und Urheberrechtsdebatten sind immer ideologisch. Das erklärt auch, warum die gestrige Vorlage eines Entwurfs zur Reform des Urheberrechts in Kanada so große Webwellen schlägt.

Ars Technica beschreibt das Gesetz C-61 als eine Mogelpackung zum Wohl der Rechteverwerter und zum Weh der Konsumenten. Das Boingboing-Blog möchte weinen angesichts der "niederschmetternden Analyse" des Juraprofessors Michael Geist. Auf der Nachrichtenseite von CBC.ca warnt ein Kritiker vor einem neuen Polizeistaat in Kanada und The Register lästert über das von Befürwortern ständig wiederholte Mantra des "ausbalancierten Vorschlages, der wirklich zum Wohl der Kanadier ist". "The Globe and Mail" pult derweil in Wunden: Kritiker wagen dort den Vergleich mit dem heftig umstrittenen amerikanischen Urheberrechtsgesetz DMCA. Der Vorwurf: C-61 sei eine den kanadischen Gesetzgebern von der Rechteindustrie diktierte Kopie des DMCA.

Eines haben C-61 und DMCA sicher gemeinsam: Eine lange, lange Liste von Kritikpunkten. Im Zentrum steht im kanadischen Fall, dass zukünftig das Knacken von digitalen Vorhängeschlössern illegal ist. Damit darf man eine kopiergeschützte CD nicht mehr auf seinen MP3-Player kopieren. Da denkt sich der deutsche Bürger: Huch, das ist ja wie bei uns - nur mit großem Verbraucheraufschrei verbunden.

Aber über Aufregung statt Lethargie hinaus gibt es noch einen feinen Unterschied: Die konservativen Befürworter des C-61-Entwurfs sind im kanadischen Parlament in der Minderheit. Unwahrscheinlich, dass C-61 die Sommerpause des kanadischen Parlaments lang überleben wird. Das reduziert den Gesetzesentwurf zur Wunschliste einer Lobby - und das vehemente Wehklagen zum Sturm im Wasserglas.

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