Netzwelt-Ticker Angriff auf die Kopier-Piraten

Anklage gegen Filesharing-Flaggschiff "The Pirate Bay", übermütige Männer im Netz, Schriftstellerin versus Schily, Verfassungsbeschwerde gegen biometrische Reisepässe und Gitarrengötter ohne Glück. Das und mehr im Überblick.


Filesharing: Klage gegen Pirate Bay

Berüchtigtes Logo: Die Piraten sind Beihelfer aus Überzeugung

Berüchtigtes Logo: Die Piraten sind Beihelfer aus Überzeugung

Das Filesharing-Flaggschiff The Pirate Bay ist mal wieder unter Beschuss. Am Donnerstag reichte der Stockholmer Staatsanwalt Hakan Roswall Anzeige gegen den schwedischen Torrent-Tracker ein. Laut ORF Futurezone sagte Roswall: "Die Pirate Bay finanziert sich durch Anzeigenerlöse. Dadurch profitieren die Betreiber der Site von Copyright-geschützten Inhalten." Der Vorwurf gegen die vier Betreiber lautet deshalb auf Verschwörung zum Verstoß gegen das Urheberrecht. Diese Konstruktion sei notwendig, so die Futurezone, weil auf Pirate Bay seit dem Start der Site im Jahr 2004 nie irgendwelche Inhalte bereitgestellt wurden, sondern lediglich ein Suchmechanismus zum Auffinden von Torrent-Files aller Art.

Roswall wurde auf Betreiben der Medienkonzerne Warner Brothers, MGM, Columbia, 20th Century Fox, Sony BMG, Universal und EMI hin tätig. Die haben jetzt einen Monat Zeit, ihre Schadensersatzforderungen einzubringen.

Die Klage bezieht sich auf 20 Musikdateien, neun Filme und vier Computerspiele, die mithilfe der Piratebay-Suchmaschine heruntergeladen werden konnten. Insgesamt verweist die Piratebay nach Eigenaussage auf rund 1 Million Dateien, die beinahe 2,5 Millionen registrierte und unzählige unregistrierte Usern millionenfach herunterluden.

Wird es also jetzt eng für die Piraten? Sie selbst sehen dem Verfahren zumindest nach außen hin locker entgegen. Im Pirate-Bay-Blog feiern sie sich und ihre Rekordzahlen, behaupten, das Verfahren habe keinen Einfluss auf den weiteren Betrieb der Site. Selbst wenn sie schuldig gesprochen würden, wie von Staatsanwalt Roswall gefordert, 123.000 Euro Schadensersatz pro Person zahlen zu müssen, gar ins Gefängnis kämen oder die Privatrechner der Piraten beschlagnahmt würden: Dem Website-Betrieb täte all das keinen Abbruch. Die Pirate-Bay-Server stünden seit einer Razzia 2006 nicht mehr in Schweden, sondern an selbst ihnen unbekannten Orten irgendwo rund um die Welt.

Außerdem, scherzen die Piraten, soll die Polizei froh sein, sich selbst keine Klage eingefangen zu haben: Die biete die 4620 Seiten umfassende Anklageschrift für circa 640 Euro online an: "Ohne die Erlaubnis, Materialien der Pirate Bay kommerziell nutzen und verbreiten zu dürfen." Dabei hätten sie den Papierberg ja auch einfach einscannen und per Bittorrent verbreiten können.

Die Pirate-Bay-Betreiber haben guten Grund zu scherzen: Der International Herald Tribune zitiert "einige Analysten", denen zufolge es schwer werde, den Piraten etwas vorzuwerfen. Schweden habe das lockerste Urheberrecht Europas.

Die Pirate-Bay-Website ist eine Suchmaschine für Torrents. Das sind Dateien, die Filesharer miteinander verbinden, damit diese mit hohen Übertragungsgeschwindigkeiten Dateien miteinander tauschen können. Seit Jahren kämpft die Medienindustrie gegen die Pirate Bay. Im Gegensatz zu anderen Torrent-Suchmaschinen bleiben deren Betreiber jedoch nicht anonym, sondern treten öffentlich und mit großem Selbstbewusstsein auf. Der Kampf gegen die Piraten hat deshalb beinahe persönliche Züge für die Medienwirtschaft. Ein Sieg gegen die größte Tauschbörse wäre ein wichtiges Symbol.

Sicherheitsprobleme: Männliche Selbstüberschätzung

Wir sind alle Experten, uns kann niemand was. Wenns um Online-Sicherheit geht, glaubt jeder, er sei unverwundbar. Vor allem Männer – wie ein neuer "Report" der Antivir-Firma AVG Glauben machen will. Das Unternehmen sagt, Männer hätten das Gefühl, mehr über Online-Sicherheit zu wissen, als Frauen. Das sei aber offenbar nicht wahr – Geschlecht hin oder her: Alle fallen sie gleich oft in Sicherheitslücken und geraten in Online-Tücken.

Für die Untersuchung habe AVG 1400 Erwachsene in Großbritannien zu Online-Sicherheitsthemen befragt. Männer wären sich dabei außergewöhnlich sicher, mächtig was drauf zu haben, wenn es um Sicherheit im Netz geht. Gerade einmal vier Prozent von ihnen gaben an, nicht zu wissen, welche Art Sicherheitssoftware sie installiert haben.

Larry Bridwell von AVG erklärt sich das ein bisschen über die Rolle, die Männer in der Gesellschaft spielten: "Männer denken eher, sie haben das, was sie tun, unter Kontrolle." Dabei ist es tatsächlich schlimm bestellt um das Online-Gebaren vieler Surfer. Eine Studie des MIT und von Harvard zeigte letztes Jahr, wie unvorsichtig sich Netznutzer gern verhalten: Bei einem kontrollierten Phishing-Versuch rauschten die meisten Untersuchungsteilnehmer hoffnungslos naiv in die Betrugsfalle. Geradezu offensichtliche Anzeichen, dass etwas mit der vorgeblichen Onlinebanking-Seite nicht stimmt, wurden schlicht ignoriert – selbst wenn den Versuchsteilnehmern gesagt wurde, sich "besonders sicher" zu verhalten.

Schriftstellerin Juli Zeh klagt gegen biometrische Ausweise

Die "Zeit" schreibt: Vielleicht werde den meisten Bundestagsabgeordneten erst auffallen, wofür sie am 24. Mai 2007 die Hand gehoben haben, wenn sie dieselbe Hand demnächst auf den Scanner legten. Im neuen Reisepass werden seit November letzten Jahres in den Meldeämtern zwei Fingerabdrücke als Teil der biometrischen Daten abgespeichert. Das will die Schriftstellerin Juli Zeh, ("Schilf", "Spieltrieb", "Adler und Engel") verhindern.

Zusammen mit dem Leipziger Rechtsanwalt Frank Selbmann hat sie Beschwerde gegen den biometrischen Pass beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Es sei für sie, abgesehen von den zahlreichen Missbrauchsmöglichkeiten, die der ePass eröffne, schlicht "eine entwürdigende Vorstellung", ihre Fingerabdrücke abgeben zu müssen wie eine Kriminelle, so die "Zeit".

Aber die Klage bekommt noch eine weitere politische Dimension: Zeh und Selbmann unterstellen Schily private, wirtschaftliche Interessen an der Einführung des ePass. Schily habe als Aufsichtsratsmitglied einer Biometrie-Firma Einkünfte bezogen. Dieser Vorwurf sei "grotesk," empört sich Schily. Eine Vergütung für seine Aufsichtsratstätigkeit habe er nicht erhalten. Inzwischen sei er wieder aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden. Was Schily nicht erwähnt, ist, dass er mittlerweile Aufsichtsratsmitglied der Byometric Systems AG ist, die im Bereich der Grenzkontrolle durch biometrische Erkennung tätig ist.

Hat die Verfassungsbeschwerde Erfolg, könnte das drastische Folgen haben, bis hin zum Einstampfen der biometrischen Pässe und der Löschung aller gespeicherten Daten.

Zahlreiche Gutachten, darunter sogar das von der EU finanzierte Fidis-Projekt raten vom ePass ab: Er gefährde die Sicherheit und den Datenschutz der Bürger und erhöht das Risiko eines Identitätsdiebstahls.

Gitarrenhelden ohne Glück

YouTube-Regisseur Standers schnappt sich Videos berühmter Gitarrengötter und vertont sie mit seinem eigenen, minimalistisch-angeödetem Gitarrenspiel. Kenner achten auf das Klatschen. Oh…, dieses Klatschen …

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