Netzwelt-Ticker Bayerischer Minister vergleicht Spiele mit Kinderpornos

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann stellt Gewaltspiele auf eine Stufe mit Kinderpornografie - die Spielebranche tobt. Außerdem im Nachrichten-Überblick: Schwedische Provider müssen Nutzungsdaten speichern und Briten verjagen Googles Späh-Auto.


Perfektes Timing: Nachdem in München der Deutsche Computerspielpreis verliehen wurde, stellte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in einer Pressemitteilung unter anderem fest:

"Killerspiele widersprechen dem Wertekonsens unserer auf einem friedlichen Miteinander beruhenden Gesellschaft und gehören geächtet. In ihren schädlichen Auswirkungen stehen sie auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt."

Die deutschen Spielebranche protestiert. In einem offenen Brief fordern die Verbände G.A.M.E., BIU und ESB nun eine Entschuldigung Herrmanns "für diesen völlig überzogenen, sachlich falschen und unnötig polemischen Vergleich."

Wert legen die Vertreter der Spieleindustrie darauf, dass "die Äußerungen von Herrn Hermann absolut nicht repräsentativ für die Politik der bayerischen Staatsregierung" seien. Schließlich hatte sich die CSU aus politischen Gründen für die Preisverleihung in München stark gemacht, schreibt Golem. Zwar blieb Horst Seehofer überraschend der Veranstaltung fern, dafür verlieh der Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) den Preis für das beste deutsche Spiel. Für Seehofer sprang der Staatsminister und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei Siegfried Schneider (CSU) ein, der in einer Rede auf den Amoklauf in Winnenden und die Verantwortung der Branche einging.

Gegen eine Stigmatisierung der Spielebranche und gegen den Begriff "Killerspiel" sprach sich schließlich Monika Griefhahn, Mitglied des deutschen Bundestages und Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion für Kultur und Medien aus. Kritik an der Veranstaltung fanden Mitglieder der Partei Bündnis 90/Die Grünen: Das Preisgeld sei falsch investiert, "pauschale Verbotsdiskussionen müssen endlich der Vergangenheit angehören", Computerspiele als Kulturgut anerkannt werden.

Neues Gesetz halbiert Internet-Datenverkehr in Schweden

Mit Inkrafttreten eines neuen Internet-Gesetzes, das Rechteinhabern Einsicht in IP-Adressen von mutmaßlichen Rechteverletzerngibt, ist der Internet-Datenverkehr in Schweden laut Ars Technica teilweise um fast die Hälfte eingebrochen.

Das neue Gesetz ist die schwedische Umsetzung der umstrittenen Intellectual Property Rights Enforcement Directive (IPRED), die von allen EU-Mitgliedstaaten eine härtere Gangart im Kampf gegen Piraterie und Produktfälschungen verlangt. In Schweden heißt das nun: Vermutet ein Rechteinhaber, dass ein bestimmter Internet-Nutzer seine Rechte verletzt, kann er den Provider zur Herausgabe der IP-Adresse, die den Nutzer eindeutig identifiziert, zwingen, um so gerichtlich gegen ihn vorgehen zu können.

In Schweden war Websurfen bislang eine weitgehend anonyme Angelegenheit. Der Zusammenbruch beim Datenverkehr ist deswegen wohl vor allem auch auf ein Zögern der Internet-Surfer vor dem Herunterladen von Dateien über Tauschbörsen zu vermuten.

Dass diese Angst und damit der geringe Datenverkehr auf lange Sicht stabil bleiben, darf aber bezweifelt werden. Zum einen müsste da erst die Rechteindustrie mit deutlich sichtbaren und erfolgreichen Verfahren beweisen, dass sie die neuen Gesetze auch zu benutzen weiß - das ist wahrscheinlich. Zum anderen wird sich aber auch ein neuer Umgang mit Filesharing etablieren. Zum Beispiel wie in Deutschland oder den USA, wo trotz ähnlicher Gesetze noch munter heruntergeladen wird.

Zuletzt aber könnte ausgerechnet Schwedens berühmtester Tauschbörsenexport Pirate Bay den Rechteschützern ein Schnippchen schlagen. Die planen einen kostenpflichtigen Anonymisierdienst namens IPREDator, mit dem Internet-Nutzer weltweit und anonym Websites besuchen und Dateien herunterladen können sollen. Da Pirate Bay plant, keinerlei Protokolldateien über den Dienst zu führen, könnte selbst eine Server-Razzia zu keinen Informationen über vergangene Surf-Ausflüge führen. Wie sich das alles verträgt mit dem gerade in Deutschland angelaufenen Kampf gegen Kinderpornografie und anderen Verbrechen mit und übers Internet, wird spannend. Werden solche Anonymisierungsdienste eines Tages illegal?

Aufregung um vorab veröffentlichten Kinofilm

Irgendwie ist dem Filmstudio 20th Century Fox ein Teil des im Mai anlaufenden Films "X-Men Origins: Wolverine" abhanden gekommen. Das FBI untersucht nun, wer den unvollständigen Film, in dem noch Szenen und Special-Effects fehlen, ins Internet gestellt hat. Fox droht via Reuters dem Uploader, dass man ihm anhand "forensischer Spuren" auf die Schliche kommen werde - damit gemeint sind wohl sogenannte digitale Wasserzeichen, mit denen die einzelnen Filmkopien, die zum Beispiel an die Rating-Agenturen und Synchronstudios gehen, gekennzeichnet werden.

Ein Verdächtiger war jedenfalls schnell ausgemacht: Die australische Special-Effekt-Firma Rising Sun Pictures, deren Name laut Torrentfreak.com kurz im Film eingeblendet wird. Rising Sun Pictures jedenfall verneint jede Beteiligung: Dazu hätte man gar nicht mal genug Material vom Film gehabt. Bleibt außerdem eine Frage: Warum so viel Aufregung um eine von vielen, vielen illegalen Vorabveröffentlichungen von Filmen im Netz? Die Verschwörungstheorie ist nicht neu: Filmstudios nutzen scheinbar unabsichtlich ins Netz entfleuchte Filme als Werbemaßnahme. Gerade recht, wenn es ein nicht mal fertiger Film ist. Umso mehr Anlass hätten Filmfans, ihn sich noch mal im Kino anzuschauen.

Straßenblockade gegen Google-Kameraauto

Die Einwohner von Broughton in der südenglischen Grafschaft Buckinghamshire haben mit einer spontanen Blockade ein Street-View-Auto von Google vom Fotografieren ihrer Straßen abgehalten. Diebe sollten keine Chancen haben, sich von den Wohnverhältnissen der propperen Broughtoner ein Bild zu machen.

Einer der ersten Anti-Google-Protestler beschwerte sich beim "Guardian", dass in den letzten sechs Wochen drei Einbrüche passierten. Fotos in Googles Spanner-Atlas seien da doch eine "Einladung an noch mehr Einbrecher, hier zuzuschlagen." Das Silicon-Valley-Lästermagazin Valleywag ätzt deswegen: "Wütender Mob zu reich für Google Street View" und verweist auf ein drängendes Datenschutzproblem: Privatsphäre ist ein Gut, das man sich teuer erkaufen kann, manchmal muss. "Unglücklicherweise können sich die meisten Leute nicht so viel Privatsphäre kaufen, wie die Einwohner von Buckinghamshire."

Proteste gegen die Kameraautos von Google sind nichts neues. Seit Google die Straßen in Stadt und Land fotografiert, wehren sich Bürger und Politiker gegen die Verletzung ihrer Privatsphäre. Sexshop-Besucher, mögliche Delinquenten, Betrunkene, Halbnackte tauchen alle in Google Street View auf - da hilft es auch wenig, dass Google Gesichter und Autokennzeichen automatisch unkenntlich macht.

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