Netzwelt-Ticker China gibt Google Bleiberecht, EU-Kommission prüft Kartellverfahren

Google darf in China bleiben. Ungemach droht dagegen in Europa, wo die EU-Kommission ein Kartellverfahren prüft. Außerdem: Italiens Medien vereint im Protestschweigen, Mausgesten gibt's jetzt sogar ganz ohne Maus. Dies und mehr im Überblick.

Anti-Google-Protest (Archivbild): David-Charme verloren, Google ist der neue Goliath
REUTERS

Anti-Google-Protest (Archivbild): David-Charme verloren, Google ist der neue Goliath


Google darf in China erst einmal weitermachen, ist einem Blog-Post des Unternehmens vom Freitagmittag zu entnehmen. Die eigentlich bis 2012 gültige, aber jährlich zu bestätigende Lizenz für das Geschäft wurde demnach von den dortigen Behörden verlängert. Man werde nun Chinas Bürgern auch weiterhin Googles Dienste - offenbar inklusive der Suche - anbieten können.

Da werden die aber jubeln - zumindest die in Mountain View, Kalifornien: China ist für Google zwar noch ein ziemlich marginaler Markt, auf dem der Suchriese nicht sonderlich stark positioniert ist. Mittelfristig aber gilt das Milliardenland als riesiger Zukunftsmarkt - bisher sind weniger als 25 Prozent der bekanntermaßen ziemlich zahlreichen Chinesen online. Noch weit wichtiger für Google ist aber ein Geschäft, in dem es durchaus kräftig punkten und verdienen könnte: Android schickt sich an, zum führenden Handy-Betriebssystem in China zu werden.

Und das ist einmal ein Marktsegment, in dem schon jetzt nicht nur der Rubel, sondern auch der Yuán kräftig rollt. Google lässt in China entwickeln, zahlreiche Android-Handys werden auch dort gefertigt.

Den Rauswurf aus dem Reich der Mitte brauchen die Googler nun vorerst nicht mehr fürchten. Details über eventuell eingeforderte Zugeständnisse sind bisher nicht bekannt: Zum Eklat zwischen Google und China war es nach angeblich von China ausgehenden Industriespionage-Hacks gekommen. Google verweigerte sich daraufhin publikumswirksam den chinesischen Zensurauflagen und begann damit, Suchanfragen an Google China über das unzensierte Hongkong zu leiten. Diese Praxis wollen die Chinesen nicht länger hinnehmen.

pat

Noch mal Google: Brüssel prüft Kartellverfahren

Google ist Platzhirsch im Geschäft mit der Online-Suche und deren Vermarktung. Das könnte den Suchmaschinisten jetzt mal wieder in Schwierigkeiten bringen, denn die europäische Wettbewerbsbehörde nimmt sich der technischen Details in diesem Bereich an.

Zwei Konkurrenten, die britische Preisvergleichsseite Foundem und die französische Suchmaschine Ejustice.fr hatten sich in Brüssel beschwert, sie würden von Google benachteiligt. Surfer würden auf konzerneigene Angebote umgelenkt und damit von ihren Seiten weggelockt. Der "Financial Times" gegenüber erklärte Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia: "Meine Beamten prüfen derzeit einige Anschuldigungen wettbewerbswidriger Praktiken bei der Internetsuche. Unsere Arbeit ist in einem frühen Stadium, aber angesichts der Bedeutung der Suche für den Wettbewerb im Online-Markt schaue ich mir das sehr genau an."

Im aktuellen Fall geht es um das Ranking bestimmter Angebote in den Suchergebnissen und beim Anzeigendienst Adwords. Die Beschwerdeführer wollen erreichen, dass Google offenlegt, aus welchem Grund welche Angebote höher oder niedriger gestuft werden. Die naheliegende Frage stellt Almunia aber bereits selbst: "Wenn Ergebnisse von Suchmaschinen manipuliert werden, kann es schon einen Unterschied im Markt machen, wenn Verbraucher das wissen. Aber: Reicht Transparenz aus?"

Auf dieses Statement warteten die Kläger und Google übrigens schon seit Februar: Damals machte Google selbst öffentlich, dass die Kommission überprüfe, ob man eine formelle Prüfung der Vorwürfe gegen Google vornehmen solle. So weit sind die Brüsseler offenbar inzwischen, ansonsten aber gilt das gleiche wie im Februar: Ein formelles Verfahren ist noch nicht eingeleitet. Mittelfristig steigt für Google aber allein wegen seiner dominanten Marktposition das Risisko von Kartellverfahren, entsprechende Klagen sind auch in den USA anhängig. Hinter der britisch-französischen Klage, in die nun Bewegung zu kommen scheint, vermutete Google Konkurrent Microsoft, denn als dritter im Bunde klagte damals auch ein Ableger des IT-Konzerns aus Redmond.

Das letzte große IT-Unternehmen, das durch Kartellprozesse in eine regelrechte Existenzkrise geriet, war übrigens Microsoft. Auch damals mahlten die Mühlen sehr langsam: Das Verfahren begann erst Jahre, nachdem eines der klagenden Unternehmen von Microsoft bis zur Bedeutungslosigkeit plattgemacht worden war - Netscape. Aus den Trümmern des Browser-Pioniers gingen dann erst Mozilla, dann später Firefox hervor, die mit ihren Produkten ausgerechnet das Monopol aushebelten, wegen dem Microsoft einst verklagt worden war.

Italiens Medien im Streik gegen Maulkorbgesetz

Seit die Regierung Berlusconi ein Gesetz durchgebracht hat, das richterliche Abhörvollmachten gegen Verdächtige und die entsprechende journalistische Berichterstattung umfassend einschränkt, wogt in Italien ein heftiger Streit um die Meinungsfreiheit. So heftig, dass die Journalisten des Landes in den Ausstand getreten sind.

Gestern schon streikten die Print-Journalisten, so dass heute keine gedruckte Zeitung zu haben ist. Und die Online-Kollegen haben heute nachgezogen, vom konservativen "Corriere della Sera" bis zur linksliberalen "Repubblica": Alle nehmen am heutigen "Tag des Schweigens" teil. An der Aktion beteiligen sich auch Nachrichtenagenturen, TV- und Radiosender.

Also ist ganz Italien verstummt? Nein, da ist Berlusconi vor. Immerhin ist der Regierungschef zugleich auch Italiens Medientycoon Nr. Eins und besitzt zahllose Zeitungen und Sender. Und die dürfen sich der Protestaktion des italienischen Journalistenverbandes FNSI nicht anschließen und ebenfalls streiken.

Während Berlusconi auf den Schutz der Privatsphäre verwiesen und erklärt hatte, es werde ohnehin schon zu viel abgehört, beklagt der FNSI die freie Berichterstattung über kriminelle Machenschaften. Auch aus der Justiz kommt zum Teil massive Ablehnung. Die Beschränkung von Abhöraktionen auf maximal 75 Tage behindere die Verfolgung der organisierten Kriminalität, Hauptnutznießer sei die Mafia.

Maus ohne Maus

Wie bringt Otto Normal-User Bewegung auf den Bildschirm? Entweder mit der Maus oder dem Wischfinger auf Touchpad und Touchscreen. Forscher vom MIT Media Lab haben jetzt eine virtuelle Maus erfunden.

Dazu erfasst eine Infrarotkamera die Handbewegungen des Anwenders, die dieselben bleiben, als habe er eine Maus unter den Fingern. Tippt der User auf den Tisch, interpretiert das dazugehörige Programm diese Geste als Mausklick. Das Equipment, eine ans Notebook geklemmte Kamera und ein kleiner Laser, kostet selbst für den Forschungsprototyps gerade mal 20 Dollar. Noch gibt es zwischen Fingerbewegung und Erkennung noch eine kleine Verzögerung, aber daran arbeiten die Forscher bereits.

Das coolste Geheimdienstsymbol der Welt

Nerds aller Länder, seht und staunt: Das US Cyber Command, die neu eingerichtete Kommandostruktur zur Absicherung kritischer Infrastrukturen in den USA, leistet sich das wohl coolste Symbol aller Geheimdienstbehörden weltweit. Schon vor Tagen war Bloggern die seltsame Zahlensequenz aufgefallen, die man im goldenen Innenring des Symbols lesen kann (SPIEGEL ONLINE berichtete): 9e c4 c1 29 49 a4 f3 14 74 f2 99 05 8c e2 b2 2a steht da.

Jetzt ist die Entschlüsselung gelungen. Tatsächlich handelt es sich wie vermutet um einen Hash-Wert, der auf einem Algorithmus beruhend das Motto der Behörde in eben diese Zahlensequenz übersetzt. Im Klartext ergibt die Zahlenfolge dann: "US CYBERCOM plans, coordinates, integrates, synchronizes and conducts activities to: direct the operations and defense of specified Department of Defense information networks and; prepare to, and when directed, conduct full spectrum military cyberspace operations in order to enable actions in all domains, ensure US/Allied freedom of action in cyberspace and deny the same to our adversaries."

Was die ganze Sache ja fast noch rätselhafter macht: Es ist so etwas wie der Beweis dafür, dass eine dem Pentagon und den US-Geheimdiensten verbundene Behörde Humor zu haben scheint. Das muss man erst einmal sacken lassen: Wie hat es dieser Entwurf bloß über all die Schreibtische geschafft, die er zwecks Abstempelung und Genehmigung zu passieren hatte? Hierzulande kaum vorstellbar, aber cool.

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AP/ DoD

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pat

Pirate Bay gehackt: Zugang zu vier Millionen User-Konten

Es gibt wieder Neues vom Torrent-Tracker The Pirate Bay und wieder ist es für dessen Fans und Nutzer unerfreulich. Nicht genug, dass die Seite derzeit nicht zugänglich ist, sie ist auch noch Ziel eines Hackerangriffs geworden.

Die Eindringlinge aus Argentinien gelangten dabei in den Admin-Bereich der Piratenbucht. Dort bekamen sie Zugang zur Datenbank und sämtlichen darin gespeicherten Nutzerprofilen, die sie nicht nur auslesen, sondern auch manipulieren konnten.

Das dürfte einer Menge Pirate-Bay-Fans ein paar schlaflose Nächte bescheren. Denn die Daten wären für die Rechtsabteilungen der Film- und Musikindustrie von allergrößtem Interesse. Zur wirklichen Beruhigung der Torrent-Nutzer dürfte auch nicht gerade beitragen, dass einer der Hacker im Interview erklärte, er habe kurz darüber nachgedacht, wie viel Geld ihm die Interessensverbände für die Datensätze wohl bezahlen würden. Schließlich habe er sich aber gegen einen Verkauf entschieden: "Vielleicht wären diese Gruppen an dieser Information sehr interessiert, aber wir wollen sie nicht verkaufen. Stattdessen wollen wir den Leuten klarmachen, dass ihre Daten möglicherweise nicht so gut geschützt sind."

Australien verschiebt nach massiver Kritik Web-Filter auf das nächste Jahr

Bereits im Frühjahr hatten die Pläne der australischen Regierung zur Einführung eines allumfassenden Internet-Filters im In- und Ausland für geballte Kritik gesorgt. Ähnlich den von der damaligen Familienministerin von der Leyen angepeilten Filtern gegen Kinderpornografie sollte das "Cleanseed" genannte Projekt in Downunder für ein sauberes Netz sorgen. Nun ist der zuständige Kommunikationsminister Stephen Conroy zurückgerudert.

Schlussendlich gab er der Front der Ablehnung nach, die von Internetexperten über Bürgerrechtler bis hin zu Unternehmen und selbst der US-Regierung reichte. Heute teilte der Politiker mit, die Umsetzung der entsprechenden Pläne werde bis zu ihrer gründlichen Überprüfung und der Erstellung verbindlicher Richtlinien zurückgestellt. Bis es so weit ist, wird es wohl bis Mitte des nächsten Jahres dauern, wie der "Sydney Morning Herald" vermutet.

Während australische Oppositionspolitiker den Schritt begrüßten, sind die lokalen Internet-Provider längst dabei, Web-Filter auf freiwilliger Basis einzurichten. Man wolle sich dabei an Vorbildern aus Europa orientieren, wird der Chef des australischen Internetverbandes zitiert. In Europa wurde hingegen Australien mit seinen Filterplänen wiederholt als leuchtendes Beispiel zitiert.

Auch das noch:



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bismarck_utopia 09.07.2010
1. Die berühmten zwei Seiten der Medaille
Google mag ja eine leistungsfähige Suchmaschine sein, aber mir missfällt der Gedanke, dass Internet und Google morgen endgültig Synonyme sein könnten, weil man daran gewöhnt ist, alles mit Google zu machen. Ich denke darum, Seiten wie alernia oder fefoo sind derzeit genau das Richtige, um nicht auf Google völlig verzichten zu müssen und trotzdem der Vielfalt anderer Quellen eine Chance zu geben und dabei sogar effizienter suchen zu können. Bei dem Adwords-/AdSense-System gibt es ebenfalls die zwei Seiten der Medaille. Einerseits funktioniert es gut und sogar für kleine Webseiten, die etwas dazu verdienen wollen, andererseits macht einem diese "Omnipräsenz" von Google Angst.
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