Netzwelt-Ticker Die Nachricht ist die Nachricht

Die Blogosphäre ist in Aufregung: Die Nachricht vom angeblichen Tod eines Spammers beschäftigt die Netz-Nutzer. Doch ist sie auch wahr? Außerdem: Google Earth mit Videos, Chinas Web-Zensur am Pranger, Zweifel an Kompetenz der Geschworenen im Filesharing-Prozess. Das und mehr im Überblick.


Filesharing: Geschworener plaudert Interna zum 220.000-Dollar-Urteil aus

Die Jury traf ihre Entscheidung schnell. Gerade einmal fünf Minuten habe es gedauert, Jammie Thomas für das Verbreiten von 24 Musikstücken über das Filesharing-Netzwerk KaZaA schuldig zu sprechen. Fünf Stunden lang diskutierte das Laiengremium jedoch eine angemessene Strafe, plauderte nun ein Jury-Mitglied in einem Interview mit dem "Wired"-Blog aus. Es gab keine Einigkeit. Einer forderte für Thomas die Höchststrafe von 150.000 Dollar pro Song, ein anderer gab sich mit jeweils 750 Dollar zufrieden.

Mit der außergewöhnlich hohen Strafe von 220.000 Dollar wollte die Jury ein Zeichen setzen. Und das, obwohl die Anklage nicht nachweisen konnte, dass es tatsächlich Thomas gewesen ist, die die fraglichen Songs unter dem Nick "Tereastarr" zum Download bereitgestellt hatte, so die ORF Futurezone in einer deutschen Zusammenfassung. Auch scheinen sich Befürchtungen über die Kompetenz der Jury zu bewahrheiten: Der "Wired"-Interviewpartner gab selbst an, noch nie das Internet genutzt zu haben.

YouTube Videos auf Google Earth

Google bringt zusammen, was zusammen gehört: Die neuste Version der 3D-Weltkarte Google Earth zeigt neben Satellitenbildern, Landkarten, 3D-Stadtnachbauten und Fotos jetzt auch noch Videos an. Wer bei Googles Videoservice YouTube ein Video mit Geotag, also mit den Koordinaten der Aufnahme, hochlädt, bindet es damit auch automatisch mit richtigem Standort in Google Earth ein.

Ein Zoom aufs Wiesn-Gelände in München enthüllt damit möglicherweise nicht nur die Straßenanbindung und geographische Lage, sondern auch die Absturzfilmchen vom letzten Oktoberfest. Wer seinen Urlaub plant, kann sich durch Urlaubsvideos anderer Reisenden von seinem zukünftigen Hotel überzeugen oder abschrecken lassen.

Bei den Google-Earth-Konkurrenten von Microsoft (Virtual Earth) und Yahoo (Yahoo Maps) können User schon länger Webseiten, Fotos und Videos einbinden. Doch keine dieser Seiten weiß eine so große Userschaft wie Google Earth und YouTube hinter sich.

Russischer Spammer angeblich ermordet – nur ein Hoax?

Bericht, Hirngespinst oder Falle: Brachten russische Killer einen Spammer um - oder ist allein die Nachricht selbst die Nachricht?
DDP

Bericht, Hirngespinst oder Falle: Brachten russische Killer einen Spammer um - oder ist allein die Nachricht selbst die Nachricht?

Ist das wahr? Alex Loonov schrieb in seinem Blog: Russischer Viagra– und Penisvergrößerung-Spammer ermordet. Der "berühmte Spammer" Alexey Tolstokozhev sei in seiner Villa nahe Moskau "im Stile professioneller Killer" mit mehreren Schüssen förmlich hingerichtet worden. Allein im Jahr 2007 soll Tolstokozhev mit seinem Netzwerk gehackter Rechner, einem Botnet, zwei Millionen Dollar eingenommen haben. Er verschickte Spam und bekam dafür eine Gewinnbeteiligung der so beworbenen Onlineshops.

Allein: Verschiedene Blogger, darunter auch das des Antivir-Herstellers McAfee, sagen: Die Geschichte ist nur eine Internetlüge, ein Hoax! Der angebliche Spammer soll 30 Prozent des Spam-Verkehrs verursacht haben – trotzdem findet er sich in keiner Spam-Datenbank. Das Weblog, unter dem Alex Loonov schreibt, hat nur eine Meldung – nämlich die vom Mord – und wurde erst einen Tag zuvor bei einem Domainanbieter mit fragwürdigem Ruf registriert.

Außerdem erinnere die Geschichte all zu sehr an den Tod des sehr realen russischen Spammers Vardan Kushnir von 2005. Der starb zuhause an schweren Verletzungen, seine Wohnung fand man durchwühlt. Vermutete man Anfangs noch Rache für all den Spamterror als Motiv, kristallisierte sich immer mehr ein simpler Raubüberfall als Mordgrund heraus.

Falls sich die aktuelle Meldung also wirklich als Lüge herausstellen sollte, bleibt nur noch die Frage: Warum?

Wollte da jemand einfach vorführen, wie unsicher die Quellenlage im Internet wirklich ist, wie unzuverlässig das Zitieren aus irgendwelchen Blogs, die ja jedermann jederzeit veröffentlichen kann? Steckt dahinter ein Kommunikationswissenschaftliches Experiment?

Es könnte noch viel perfider sein. Das Loonov-Blog wird momentan von Besuchern überrannt: Werden all diese später selbst Opfer von Spam oder Malware, die auf der Seite versteckt wird? Auch dieses Gerücht geht bereits um - die Nicht-Nachricht generiert also weitere Nachrichten, die sich am Ende durchaus ebenfalls als Nullnummern erweisen könnte. Lehrreich ist das Ganze also allemal.

Reporter ohne Grenzen

Ein 17-seitiger Bericht der Menschenrechts-Organisation Reporter ohne Grenzen zeichnet die chinesischen Anstrengungen nach, das Netz zu zensieren, Surfer zu überwachen und Propaganda zu verbreiten ( Bericht in .pdf-Form). Die Studie der Reporter ohne Grenzen, der Chinese Human Rights Defenders und eines anonymen chinesischen Internetexperten kommt rechtzeitig zum 17. Kongress der Chinesischen Kommunistischen Partei, der nächste Woche in Peking stattfindet.

Sie geißelt das chinesische Zensursystem als einzigartig auf der Welt. Bis zu den Olympischen Spielen nächstes Jahr, so fordern die Menschenrechtsorganisationen, solle die chinesische Regierung die Sperrung von Tausenden Websites, die Zensur von Onlinenachrichten und die Verhaftung von Internetaktivisten einstellen.

Aber nicht nur in China wird zensiert, wie der "Economist" in einem ausführlichen Bericht über Pressezensur darstellt. Auch im Iran, in Syrien, Pakistan, Tunesien, Vietnam und Usbekistan gäbe es kaum freien Zugang zu Informationen im Netz. Und in vielen westlichen Ländern verblasse im Zuge der Terrorabwehr der Geist der großen Netzfreiheit.

Wie man Internetzensur überwinden kann, beschreibt die "Anleitung für jedermann, weltweit" des Citizenlabs der University Toronto ( Anleitung als .pdf-Datei).

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