Netzwelt-Ticker Echte Piraten klauen sogar Kostenloses

Wer nicht will, muss für das neue Radiohead-Album nicht bezahlen - und bekommt es trotzdem als legalen Download. Echte Piraten interessiert das nicht: Sie klauen es trotzdem. Außerdem: Amazon-Relaunch, EFF-Klage gegen NSA, Netzwelt-Leser warten nicht aufs iPhone. Das und mehr im Überblick.


Vorab: das Experiment der britischen Band Radiohead darf als voller Erfolg gelten: Angeblich wurde ihr neues Album "In Rainbows" am ersten Tag 1,2 Millionen Mal legal heruntergeladen – zu einem Preis, den der Käufer selbst bestimmt. Doch die Marktforscher von Big Champagne, berühmt für ihre Versuche, illegale Downloads im Netz zu zählen, werfen jetzt ein: Kostenlos allein überzeugt den Piraten noch lange nicht.

Neues Radiohead-Album: Den Preis des Downloads bestimmt der Käufer. Wenn er will, zahlt er nichts

Neues Radiohead-Album: Den Preis des Downloads bestimmt der Käufer. Wenn er will, zahlt er nichts

1,2 Millionen Downloads über die Radiohead-Seite hin und her – im selben Zeitraum wurde das Album schon 240.000 Mal von BitTorrent-Seiten wie The Pirate Bay oder TorrentSpy heruntergeladen. Jeden weiteren Tag kamen 100.000 weitere illegale Downloads dazu, in den nächsten Tagen werden die Raubkopien wohl die legitimen Downloads überholen.

Für Big-Champagne-Chef Eric Garland ist das alles wenig überraschend. Gegenüber Forbes weist er darauf hin, dass zum einen die hohen Verkaufszahlen am ersten Tag auch alle Vorbestellungen der vorhergehenden zehn Tage beinhalten und dass zum anderen der Pirat eben auch nur ein Gewohnheitstier sei. Die Radiohead-Seite kennt er nicht, The Pirate Bay hingegen schon. Und da es letztens egal sei, wo man eine MP3 herunterlädt, fische er eben lieber in bekannten Gewässern.

Für Radiohead sei das jedoch sicherlich zu verschmerzen: "In Rainbows" verkaufte sich in der ersten Woche nicht nur mindestens viermal so oft wie das Vorgängeralbum "Hail to the Thief" im gleichen Zeitraum, sondern bietet der Band wahrscheinlich auch eine viel bessere Gewinnbeteiligung. Die Band verdient diesmal ohne den kostenintensiven Umweg Plattenfirma direkt an jedem Verkauf.

RIAA-Chef: Klagen fördern legale Downloads

Die einen kurbeln ihre Verkaufszahlen mit Onlineversuchen an – die anderen gehen den Rechtsweg. Seit Jahren versucht der Verband der amerikanischen Plattenfirmen, RIAA Filesharer mit Klagen von ihrem unrechten Tun abzubringen. Mit Erfolg, sagt zumindest RIAA-Chef Cary Sherman in einem Kommentar bei CNET.

Eigentlich wolle man ja gar nicht gegen Kunden klagen – aber die Popularität von Filesharing-Netzwerken habe rechtliche Schritte notwendig werden lassen, um keine Arbeitsplätze in der Branche zu gefährden. Die Anzeigen, fasst Winfuture.de Shermans Kommentar zusammen, begründen den Erfolg von Musikverkäufen im Netz.

Abhörskandal: EFF klagt gegen Geheimdienst-Boss

Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung Electronic Frontier Foundation (EFF) hat eine Klage gegen das Büro des Directors of National Intelligence, dem Oberhaupt der 15 US-Geheimdienste, eingereicht. Mit diesem Schritt erhofft sich die EFF, an Unterlagen zu gelangen, mit deren Hilfe sich US-Telekommunikationsunternehmen aus ihrer Verantwortung für die Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten bei der illegalen Bespitzelung von US-Bürgern zu winden versuchen.

Der amerikanische Kongress überdenkt gerade eine Amnestie der Telkos – laut EFF ein zum Himmel schreiender Versuch, Klagen gegen die Unternehmen abzuwehren. Die Electronic Frontier Foundation beruft sich dabei auf Berichte über eine groß angelegte Kampagne der Telko-Lobby, deren Forderungen sich sogar schon der National-Intelligence-Direktor Mike McConnell öffentlich angeschlossen habe.

Dies ist bereits die zweite EFF-Klage dieser Art. Vor zwei Wochen reichte sie Anzeige gegen das amerikanische Justizministerium ein – auch, um an Lobbying-Unterlagen zu gelangen.

Patentamt fleddert 1-Klick-Bestellung

Das amerikanische Patentamt hat dem umstrittenen "1-Click"-Patent des Onlineversenders Amazon einen schweren Schlag verpasst, indem es 21 von 26 Patentansprüche zurückwies und nur fünf als patentierbar akzeptierte. Hauptkritikpunkt: Die einzelnen Ansprüche seien zum Zeitpunkt der Beantragung bereits Stand der Technik gewesen. Die Entscheidung folgte einer Kampagne eines aufgebrachten Amazon-Kunden, dem nach einer zu langwierigen Bestellung Zweifel am Patent kamen. In einem Blog dokumentiert der selbsternannte Patent-Enthusiast Peter Calveley seine Schritte gegen Amazon. Die für sein Vorgehen nötigen 2520 Dollar spendeten ihm die Leser seines Blogs.

Nochmal Amazon: Relaunch auf Raten

Eine ganz besonders niedliche Form des Betatests leistet sich derzeit Amazon Deutschland. Das Online-Kaufhaus, dessen seit 1998 mehr oder minder unveränderte Webseite Web-Puristen längst als Klassiker, allen anderen als ziemlich verschnarcht gilt, steht vor einer kosmetischen Operation. So ganz traut Amazon der eigenen Courage aber nicht, und statt die Kundschaft mit einem neuen Outfit zu überraschen (und potenziell zu erschrecken!), trägt die Seite dieses zurzeit nur ab und zu auf Probe.

Im Ernst: Das neue Seitendesign wird nicht überall im Lande zu jedem gegeben Zeitpunkt gezeigt, sondern wechselt sich offenbar regional und zeitlich gestreut mit der alten Seite ab. Mindestens seit Anfang der Woche läuft dieses Hü und Hott, dabei sieht die neue Seite gar nicht so schlecht aus: Weicher, in der Navigation konzentrierter und reduziert und definitiv zeitgemäßer kommt sie daher.

Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, wird es wohl trotzdem Kritik geben. Ist gerade bei Amazon ja auch klar: Das bisherige Seitendesign schien in einer Art Random-Verfahren entstanden zu sein, bei dem man die Navigationselemente und Funktionen nach Zufallskriterien auf der Seite verteilte. Die Benutzerführung galt seit langem als grottenhaft und kryptisch. Selbst Stammkunden brauchten mitunter Jahre, um beispielsweise die Log-out-Funktion zu finden (wissen Sie, wo die ist?). Wer Hilfe zu bestimmten Funktionen oder Vorgängen suchte, stellte zudem fest, dass Amazon eigentlich eine Art Labyrinth-Spiel ist und gar keine Versandseite.

Gerade solche Beknacktheiten gewinnen Netz-Nutzer erfahrungsgemäß aber ganz besonders lieb, sobald sie aufgehört haben, sich darüber zu ärgern. Deshalb also der flackernde Relaunch auf Probe, und deshalb auch die schüchterne Frage von Amazon an die eigene Kundschaft: "Unser neues Design: Was meinen Sie?"

Das wollen wir natürlich auch wissen, und da Amazon uns die Antworten der Kundschaft nicht sehen lässt, fragen wir Sie, unsere Leser: Gefällt Ihnen, was Sie dort sehen (siehe Amazon.de oder unsere Bildergalerie)? Stimmen Sie ab!

pat

Teenager hackt Notruf

Telefonstreiche im Internetzeitalter sehen so aus: Einem amerikanischen Teenager wird vorgeworfen, sich in ein Notrufsystem gehackt und von dort unter falscher Nummer einen Anruf abgesetzt zu haben. Der Neunzehnjährige soll sich als jugendlicher Drogenabhängiger ausgegeben haben, dem Angreifer in die Schulter geschossen und es bereits auf seine Schwester abgesehen hätten. Die Polizei ermittelte den (scheinbaren) Anschlussinhaber und setzte ein Sondereinsatzkommando in Bewegung, um ihn zu retten. Der wusste freilich wenig von seinem Glück und wurde mitsamt seiner Familie vom SWAT-Team aus dem Schlaf gerissen.

Die ganze Geschichte samt sich bewaffnender Nachbarn, geschockter Familien und weiteren Angriffen aufs Notrufsystem schrieb OCRegister auf.

Ticker-Vote

Wir fragten: Ist das iPhone seinen Preis wert?. Sie stimmten ab.

Von den bisher über 7700 Einsendern sprachen sich 73 Prozent deutlich gegen einen Preis von 399 Euro plus Mindestumsatz von 50 € pro Monat aus. 18 Prozent wollen lieber nochmal scharf über den iPhone-Kauf nachdenken. 5,7 Prozent ist das der Spaß wert und 2,5 Prozent das alles völlig egal. Stand: Donnerstag, 13 Uhr.

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