Netzwelt-Ticker Entblößte Online-Käufer

Ein Gleitmittel-Hersteller veröffentlicht die Namen seiner Kunden im Web und das SchülerVZ will für Schüler mit ihren Lehrern reden. Weitere merkwürdige Ideen im Nachrichtenüberblick: Amazons angeblicher iTunes-Konkurrent und Microsofts Billig-Windows-Verschwörung.


Schlüpfriges Versehen

Über 260.000 Kunden und Interessenten des amerikanischen Gleitmittelherstellers Biofilm sehen sich durch eine Sicherheitslücke entblößt. Wer zwischen 2003 und 2007 bei Biofilm Gleitcreme kaufte oder um eine kostenlose Produktprobe bat, wurde in einer Datei gespeichert, die man per Suchmaschine ausfindig machen konnte – indem man zum Beispiel nach Vor– und Nachnamen einer beliebigen Person suchte.

Gleitmittel-Werbung: Wer bei Biofilm eine Probe bestellte, fand seinen Namen in einer öffentlichen Interessentenliste wieder

Gleitmittel-Werbung: Wer bei Biofilm eine Probe bestellte, fand seinen Namen in einer öffentlichen Interessentenliste wieder

So kam die Sicherheitslücke auch ans Tageslicht: Als eine nicht weiter benannte Person nach ihrem Namen bei Google suchte, stieß sie auf den Biofilm-Eintrag. Sie informierte den Hersteller, der daraufhin das entblößende Dokument offline nahm – in Suchmaschinen-Caches waren die Einträge aber noch immer zu finden. Das Wired-Blog lästert in Anlehnung an ein bekanntes Heinlein-Zitat: Das ist der Beweis, dass es so etwas wie ein freies Gleitmittel nicht gibt.

Kostenlose Anti-Rootkit-Software

Viren, Würmer, Trojaner, Malware, Spyware – das Internet ist voller Schädlinge. Gegen die meisten helfen eine Antiviren-Software und eine Firewall. Gegen sogenannte Rootkits aber nicht immer. Diese Programme verstecken sich im System und können das Betriebssystem blind gegenüber Vorgängen machen, die zum Beispiel ein Hacker (oder ein misslauniger Plattenkonzern) für sich ausnutzen will.

Im Licht der vielen alarmierenden Wurm– und Virenprognosen der letzten Wochen hat das PC Magazine deswegen eine kleine Sammlung von kostenlosen Rootkit-Jägern zusammengestellt.

Doch obwohl einige Tools auch das Löschen der Rootkits anbieten, sollte man sich bei einem Fund erwägen, gleich das ganze System neu aufzusetzen. Nur so kann man absolute Sicherheit haben, warnen Virenexperten.

StudiVZ färbt Schulen pink, Blogger ärgern sich schwarz

Der durch seltsame Ausfälle eines Gründers, Datenschutzprobleme und schlechtes Benehmen einiger User aufgefallene Kontakte-Service StudiVZ scheint Wert darauf zu legen, wieder ins Gerede zu kommen. An 1000 Schulen in zwölf deutschen Städten hat der StudiVZ-Spross SchülerVZ laut Pressemitteilung drei Millionen pinkfarbene Selbstklebezettel und Boden-Graffitis mit Kreidespray anbringen lassen.

Erfolg durch Penetranz? Schüler und Anwohner fühlen sich durch die Aktion belästigt. In einem Beitrag im RTL Regionalprogramm wird dokumentiert, wie ein Hausmeister die Polizei ruft. In einem Interview nimmt die Kölner Polizei Stellung: “Wir haben keine Feststellung vor Ort in Hinblick auf eine Straftat, so dass es keine polizeilichen Ermittlungsverfahren geben wird.”

Die Aktion soll laut SchülerVZ-Projektleiter Oliver Skopec die Schüler ermuntern, ihre Wünsche an Schule und Ausbildung auf den Notizzetteln niederzuschreiben und an das SchülerVZ zurückzusenden. Dort würde man dann versuchen, die Wünsche an die entsprechenden Stellen weiterzuleiten. Das können Schüler ja nicht selbst tun, oder wie?

Amazon mit DRM-freiem Musikshop?

Einem Bericht von Times Online zufolge ist Amazon drauf und dran, seinen eigenen Musikladen im Netz aufzumachen. Der Grund für die Vermutung: In den letzten zwei Wochen habe Amazon alle großen Plattenfirmen kontaktiert und ihnen mitgeteilt, ab Mai MP3s ohne Rechtemanagement verkaufen zu wollen.

Sollte der Bericht stimmen, dürften aber trotzdem noch einige Ungewissheiten auf Amazon warten. So habe Amazon seit eineinhalb Jahren versucht, in den durch iTunes dominierten Markt einzudringen – vergeblich. Zudem sei es nach wie vor umstritten, ob es wirtschaftlich ist, ungeschützte Musik zu verkaufen. Auch habe Amazon einen eigenen iPod-Konkurrenten in Planung gehabt.

Nachdem kleinere Plattenfirmen schon lange erfolgreich DRM-freie Musik verkaufen, will EMI in Kooperation mit Apple in Kürze als erste große Plattenfirma mit dem Verkauf von problemlos kopierbaren Songs beginnen. Microsoft kündigte kurz darauf an, im eigenen Musikshop nachzuziehen.

Auch anderen Plattenfirmen, obgleich sie nichts in die Richtung ankündigen, sollen laut Ars Technica an einen entspannteren Umgang mit Musikdateien zugunsten der User denken.

Vista wird sterben, XP kehrt zurück

In einem rasenden Kommentar verkündet Charlie Demerjian von The Inquirer.net, einem Tech-Boulevardblatt im Netz, das Ende von Windows Vista. Das sieht Demerjian durch zwei tatsächlich bemerkenswerte Vorgänge angekündigt.

Zum einen werde Microsoft eine 3-Dollar-Version von Windows XP in China anbieten. Eine Antwort auf den Druck, den Produktpiraterie auf den dortigen Softwaremarkt ausübt. Die Zusammenfassung: Nur durch Piraterie konnten Microsofts Betriebssysteme und Anwendungen so weite Verbreitung finden und einen Quasi-Standard bilden; mit Vista erschwere Microsoft Piraterie deutlich. Dadurch würden immer mehr User, die sich kein Vista leisten können oder wollen auf kostenlose Alternativen wie Linux umschwenken. Das 3-Dollar-XP solle sie davon abbringen und später zu einem Umstieg auf Vista zwingen.

Der zweite Punkt, den der Inquirer anspricht, ist weit weniger spekulativ – und sorgte auch abseits des Boulevards für Aufsehen. Eigentlich wollte Microsoft XP langsam auslaufen lassen, den Support bis 2008 einstellen. Doch nun hat sich ausgerechnet Dell, der größte Systemhersteller gegen Microsofts Plan der Ausdorrung gestellt. In einer Umfrage Anfang des Jahres haben dessen Kunden lautstark den Wunsch nach Alternativen zu Windows geäußert. Über 100.000 entsprechende Aussagen habe Dell damals erhalten. Dell reagierte mit einer Linux-Option und setzt jetzt einen drauf, indem sie XP wieder als Möglichkeit anbieten: Die Kunden wünschten es so.

Demerjian sieht darin ein Zeichen für Microsofts zunehmende Unfähigkeit, Systemhersteller in ihre Richtung zu zwingen: Dell hat sich von Microsoft nicht den Arm auf den Rücken drehen lassen. "[Vista] wird nicht scheitern, Microsoft hat die Systemhersteller eingeschüchtert und in die Ecke getrieben. Es wird sich verkaufen, aber man kann die Abtrünnigen bereits förmlich Richtung Linux marschieren hören. Das ist ein Wendepunkt."

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