Netzwelt-Ticker "Guardian"-Chef plädiert für kostenlose Web-Inhalte

In einer aufregenden Rede stellt sich "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger die Frage, warum Bezahlschranken dem Journalismus helfen sollten. Außerdem: Heftige Kritik gegen Jugendmedienschutz-Entwurf und MusicDNA will MP3s verschnüren. Das und mehr im Überblick.

"Guardian"-Chefredakteur Rusbridger: Loblied auf die Reichweite
The Guardian/ Linda Nylind

"Guardian"-Chefredakteur Rusbridger: Loblied auf die Reichweite


Können Verlage es sich leisten, für ihre Webangebote Geld zu verlangen? Sollen, dürfen und wollen sie das überhaupt? Alan Rusbridger findet: Nein, zumindest nicht bei allen Angeboten.

Das ist bemerkenswert, weil diese Widerrede durchaus gegen den Trend geht: Rusbridger ist nicht irgendwer, sondern Chefredakteur der britischen Tageszeitung "The Guardian". Im Gegensatz zu vielen Kollegen und Konkurrenten aber fühlt er sich nicht berufen, die Diskussion über die Zukunft journalistischer Angebote im Netz auf eine wirtschaftliche Debatte zu verkürzen. Für Rusbridger geht es um Inhalte - und nicht alle davon eignen sich seiner Meinung nach dafür, hinter virtuellen Bezahlmauern zu verschwinden. Ganz davon abgesehen, entspricht es nicht Rusbridgers Verständnis von Journalismus, potentiellen Lesern Informationen zu entziehen.

So lesen sich weite Teile von Rusbridgers Rede als Loblied auf die Reichweite - sowohl, was den journalistischen Auftrag der Information des Lesers, als auch mögliche wirtschaftliche Perspektiven angeht. Denn der "Guardian"-Chef hat noch nicht aufgegeben, glaubt daran, dass sich noch ein guter Teil des Werbegeschäftes ins Internet verlagert wird.

Damit stellt er sich dem seit etwas mehr als einem Jahr demonstrierten Skeptizismus seines Konkurrenten Rupert Murdoch entgegen, der darauf drängt, alle Angebote von Medienhäusern kostenpflichtig zu machen, weil der Werbemarkt die Refinanzierung nicht hergebe. Guter Journalismus aber, so Murdochs Argumentation, sei teuer und brauche die Zahlung, wenn er bestehen soll.

Was nicht unbedingt heißt, dass er immer so exklusiv ist, dass der Leser für alles bezahlen werde, kontert Rusbridger. Was für die "Times" in New York oder London richtig sei, könnte für andere Zeitungen durchaus nicht gelten und funktionieren: Natürlich gebe es Inhalte, die so exklusiv seien, dass man für sie bezahlen werde. Das Problem aber seien die anderen Inhalte - deutlicher: die kleinen Brötchen des ganz alltäglichen Nachrichtengeschäftes. Nahrhaft und nötig, aber vielleicht nicht das, wofür man in die Brieftasche fasse.

Dazu komme, dass Bezahlschranken möglicherweise wirtschaftlich etwas retten könnten. Aber sie könnten sich auch als Kristallisationspunkt neuer Krisen herausstellen: Sinnkrisen.

Ein Onlineangebot, das sich selbst einsperre, Zutritt nur gegen Geld erlaube, zeige damit auch: Wir wollen uns nicht so entwickeln, wie die Welt da draußen. Diese Abtrennung bedeute aber auch ein Wir-gegen-Sie.

Rusbridgers Rede - im Volltext bei Guardian.co.uk, in der Zusammenfassung bei Paidcontent.org und als Interview-Video - wirft viele wichtige Frage auf und ist mit Antworten vorsichtig. Vor allem aber erhebt sie sich nicht über den Kunden, der für Rusbridgers noch viel mehr ist, nämlich ein kompetenter Leser. Und so ist Rusbridgers Rede auch ein Aufruf an Journalisten und Blattmacher, sich keiner ökonomischen Diskussion über die Verwertung und Verwertbarkeit ihrer Arbeit zu unterwerfen, sondern ihre Rolle neu zu fassen. Der Wandel am, im und durch das Internet mag zwar eine wirtschaftliche Krise bedeuten und zu Recht Existenzängste schüren, für den Journalismus aber sei er auch eine Chance.

Heftige Kritik gegen Jugendmedienschutz-Entwurf

Ein aktueller Entwurf für eine Überarbeitung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages (JMStV) erregt deutsche Bürgerrechtler. Dort fordern die Jugendschützer eine Alterskennzeichnung von Web-Angeboten sowie eine Sperrpflicht der Internetprovider für "ausländische" Websites, die sich nicht an deutsche Jugendschutzbestimmungen halten. Wer etwa ein Weblog betreibt, muss nachweisen, dass er jugendgefährdende Inhalte aus dem Angebot heraushält oder mit einem Jugendschutzsystem den Zugriff auf jeweils ungeeignete Inhalte verhindert. Auch von "Sendezeitbegrenzungen" im Internet ist wieder die Rede, wie sie bereits von einigen Filmangeboten im Netz ausprobiert werden: "Dieser Film kann erst ab 22 Uhr gestreamt werden."

In einer Stellungnahme etwa kritisiert der AK Zensur den Entwurf, "weil er die Meinungs- und Rezipientenfreiheit der Bevölkerung übermäßig einschränkt, die Entwicklung von modernen Internet-Anwendungen behindert, die wirtschaftliche und soziale Weiterentwicklung des Internets hemmt und gleichzeitig kein höheres Jugendschutzniveau bietet." Netzaktivist Alvar Freude vom AK Zensur versucht Erinnerungen an Ursula von der Leyens Netzsperren-Projekt zu wecken: "Man kann das ganze Vorhaben in etwa mit 'Zensursula auf Speed' umschreiben."

Der Internetprovider 1&1 hat sich, als vom Entwurf betroffenes Unternehmen, im Firmenblog zum Jugendschutzentwurf geäußert, verreißt das Vorhaben der Jugendschützer als "gutgemeint" und kritisiert, dass "Access-Provider sowie User […] äußerst weitreichenden Kontrollmechanismen" unterworfen werden. In einem 7-seitigen Fax wendet sich der Provider an die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz: "Im Namen des Jugendmedienschutzes könnte es daher mit dem JMStV-E zu einem Paradigmenwechsel kommen, der die freie Kommunikation im Internet in Frage stellt."

Ausgerechnet das riskiert auch die Verbraucherzentrale Bundesverband, die sich den Forderungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages anschließt. In einer Stellungnahme fordert sie "die zwingende Alterskennzeichnung. Zumindest für jede Art von Inhalten in Telemedien." Alvar Freude hat die Pressemitteilung durchgelesen und ätzt: " Der Verbraucherzentrale Bundesverband versteht das Internet nicht."

Um das zu verstehen, reicht ein Gedankenspiel: Auf Youtube werden über eine Milliarde Videos angeboten, harmlose Tiervideos, aber auch sterbende Menschen, Blut, Sex, Gewalt. Soll YouTube nun jeden einzelnen Film mit einer Alterskennzeichnung versehen - was bei einsekündiger Bearbeitungszeit pro Film ein Aufwand von 32 Jahren bedeuten würde - oder den Zugang für Jugendliche einfach ganz sperren? Zu Heise.de sagte eine Vertreterin des VZBV, man könne auch nicht einfach "eine Würstchenbude aufmachen" ohne sich Gedanken über Verkehrssicherheitspflichten rundherum zu machen.

MusicDNA will MP3s verschnüren

Wie verpackt man MP3-Dateien zu einem digitalen Album? Apples iTunes-Musikladen versucht es mit dem iTunes-LP-Format, MusicDNA mit einer XML-Datei, die zusammengehörigen MP3-Dateien beigelegt wird. Dieser digitale Beipackzettel fällt "alten" MP3-Playern nicht auf. Für MusicDNA-ausgelegte Abspielgeräte aber können die XML-Datei wie ein Albumcover wirken, Songinformationen, Bilder, passende Links zu den Stücken anzeigen.

Bis jetzt aber versteht nur ein MusicDNA-Player dieses Format. Readwriteweb sieht die Zukunft von MusicDNA, trotz finanzieller Beteiligung des MP3-Erfinders Karlheinz Brandenburger, als ungewiss: Braucht die Welt ein neues, proprietäres Dateiformat?

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Sporenburg 27.01.2010
1. Ästhetik & Inhalt
Bestimmte Bereiche kostenpflichtig werden zu lassen klingt im ersten Moment unglaublich, da der Benutzer des Internets (interconnected Networks) oder besser des WWW (das benutzen zumindest die meisten Menschen) einer Versprechung von Freiheit im Sinne von frei und damit fälschlicherweise von kostenlos anhängt. Dass dieses Verständnis in diesem Sinne ein Irrtum ist, macht sich in umgekehrter Weise sehr deutlich. Ungezählte Leute produzieren tagtäglich Inhalte im Netz und bieten diese Inhalte kostenfrei zur Verfügung. Die Portale die mit diesen Inhalten gefüllt werden verdienen wiederum ihr Geld mit Verwaltung dieser Inhalte. Ein finanzielles Feedback an den User existiert bis auf sehr wenige Ausnahmen nicht und wird wahrscheinlich nie existieren. Diese Tatsache lässt sich bei einer der größten Suchmaschinen (http://www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,655480,00.html) leicht nachvollziehen. Das Kapital machen die die den Content verwalten. In diesem Sinne stellt sich die Frage nach einer sinnvollen Architektur des WWW und nach dem Geist des WWW. Seit den 90iger Jahren hat sich das Netz mehr und mehr zu einer Konsumplattform entwickelt, viele der einstigen "Netzpioniere" haben sich mittlerweile selbst angepasst oder ausgeklinkt. Die Diskussion um Bezahlinhalte ist nur eine Spätfolge von zunehmender Kontrolle des Netzes durch große Konzerne und ergibt sich vornehmlich aus dem Desinteresse der Benutzer gegenüber der Architektur und den Möglichkeiten des Netzes. Aberwitzig scheint dieser Aufschrei gegen Bezahlinhalte, wenn man bedenkt dass diese Inhalte durchaus nicht kostenfrei waren, denn finanziert werden diese Inhalte wie gesagt mit Werbung. Bei dem momentan geöffneten Portal betrug der operative Gewinn laut Handelsblatt.com rund eine Mill. Euro im Jahr 2006 – das bedeutet einen Umsatz von 15 Millionen Euro für Werbeeinahmen. Werbung konsumieren zu dürfen, versteht sich in diesem Sinne durchaus als Bezahlung. Die richtige Frage sollte daher lauten: Wer hat denn die Macht die Themen im Netz zu bestimmen? Offensichtlich der "Guardian"-Chefredakteur Alan Rusbridger – doch seine Frage scheint mehr von Eigennutz als von einer Ästhetik des WWW geprägt zu sein. Denn, würden sich alle Online-Presse-Portale tatsächlich vernetzen wollen, hätte man eine Chance auf umfassende Meinungsbidlung, geringe Kosten und den Geist aus der Flasche. Wie immer gilt: Etwas einzuschränken, beschränkt auch dessen Weiterentwicklung.
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