Netzwelt-Ticker HDTV-Chaos bei ARD und ZDF

Die Leichtathletik-WM in Berlin hätte die Stärken von HD-Fernsehen zeigen sollen - doch bei ARD und ZDF tobt das HDTV-Chaos. Außerdem: Twitter bekommt Ortsdaten, in Thüringen kooperieren Piraten und Grüne - und Symantec und die Bundesregierung wetteifern um die Binse der Woche.

Leichtathletik-WM 2009: Scharf, aber wackelig, wenn sich die Athleten zu schnell bewegen
ddp

Leichtathletik-WM 2009: Scharf, aber wackelig, wenn sich die Athleten zu schnell bewegen


Die Leichtathletik-WM in Berlin hätte zeigen sollen: Hochauflösendes HD-Fernsehen kommt, funktioniert, sieht toll aus. Golem.de aber hat ein regelrechtes HDTV-Chaos bei ARD und ZDF ausgemacht: Was Kritiker der HDTV-Strategien von ARD und ZDF befürchtet haben, ist Realität geworden: Derzeit kombinieren die öffentlich-rechtlichen Sender die Nachteile beider möglichen HD-Formate.

Man produziert in 1080i und sendet in 720p50. Damit verspielen die Sender die Möglichkeit, wirklich flüssige Bilder zu zeigen. Denn 720p50 ist zwar unschärfer als 1080i, sendet dafür pro Sekunde 50 Vollbilder. Bei 1080i werden nur 50 Halbbilder pro Sekunde übertragen, die von Receiver oder Bildschirm zu 25 Vollbildern umgerechnet werden müssen. Gerade für Sportübertragungen sei 720p50 deshalb besser, um schnelle Bewegungsabläufe darstellen zu können.

Die aktuelle Lage bei ARD HD und ZDF HD also ist, ein scharfes, aber ruckeliges Bild auf ein unscharfes und immer noch ruckeliges Bild herunterzurechnen. Von Golem.de auf den Missstand angesprochen, erklärt ZDF-Produktionsleiter Ralf Göß: "Da haben Sie leider recht." Nur "ausnahmsweise" habe man sich dazu entschlossen, da eine Produktion in beiden Formaten derzeit nicht zu realisieren sei. Künftig werde das ZDF aber den deutschen Fernsehmarkt mit den flüssigen 720p50-Bildern versorgen.

Anmerkung der Redaktion: In diesen Text hat sich leider ein Fehler eingeschlichen. Die 50 Halbbilder einer 1080i-Übertragung werden vom Fernseher nicht zu 25, sondern durch sogenanntes Deinterlacing zu 50 Vollbildern umgerechnet. Bei diesem Vorgang können allerdings sichtbare Artefakte entstehen.

Siebenmal Einerseits-Andererseits

Microsofts neues Betriebssystem Windows 7 steht in den Startlöchern, und viele Computernutzer fragen sich: Soll ich wechseln, von XP oder Vista zu Windows 7?

Wired.com findet sieben gute Gründe für einen solchen Wechsel: Windows 7 sei besser als Vista, der Upgrade-Prozess simpel, es seien reichlich Hardware-Treiber vorinstalliert, und es habe ein besseres Interface. Dabei sehe es auch noch sexier aus und unterstütze Hardware besser.

Und dann sei Windows 7 ja auch noch wie gemacht für Piraten.

So ganz glaubt sich Wired die Euphorie aber selbst nicht und schiebt sieben Gründe hinterher, warum sich ein Wechsel auf das neue Windows doch nicht lohne: Windows 7 sei auch teuer, der Wechsel aufwendig und zeitintensiv. Das Programm unterstütze furchtbare Kopierschutzsysteme, sei aber selbst nicht sicher vor Computerschädlingen. Vor allem aber sei Windows 7 immer noch ein Windows. Gerade angesichts der baldigen Veröffentlichung des Apple-Betriebssystem Snow Leopard Ende August lohne es sich, über einen radikaleren Wechsel nachzudenken - hin zu einem Mac.

Wer vom Wired-internen Streit nicht erleuchtet wurde, sollte vielleicht einfach selbst einen Blick in eine Windows-7-Testversion werfen. Dank eines einfachen Konsolenkommandos, schreibt Winfuture.de, könne man den Testzeitraum ganz legal von 30 auf 120 Tage ausdehnen.

Twitter will wissen wo

Die Twitter-Kurznachrichten sollen schon bald Ortsdaten tragen, schreibt das Bits-Blog der "New York Times": Die Koordinaten sollen Twitter-Nutzern dabei helfen, andere Twitterer in ihrer Umgebung oder Tweets zu einem bestimmten, ortsgebundenen Ereignis, etwa ein Konzert oder ein Erdbeben zu finden, orakelt Twitter-Gründer Biz Stone im Firmenblog. Unternehmen könnten darüber hinaus gegen Geld Twitter-Nachrichten an potentielle Kunden in ihrer Umgebung verschicken oder leichter von nahen Twitterern gefunden werden.

Ach ja: Damit würde es übrigens auch schwerer, bei Twitter zu behaupten, man sei Barack Obama und soeben Zeuge einer Ufo-Landung geworden, CDU/SPD/FDP-Parteikämpfer im Einsatz und Web-affin oder ähnlich schwer zu Glaubendes. Ortsmarken würden es erlauben zu überprüfen, ob der, der da twittert, wirklich dort sitzt, wo er behauptet zu sein. Nachteil bei Politiker-Tweets: Die Position der PR-Stelle der Partei würde so zu einer allgemein bekannten Adresse.

Thüringen: Piraten kooperieren mit Grünen

Heise.de berichtet von einer Kooperation der Piratenpartei mit den Grünen zur Thüringer Landtagswahl am 30. August: Die Piraten werden nicht antreten, können aber einige ihrer Positionen im Programm der Grünen unterbringen. Ein "Freiheit und Bürgerrechte" betiteltes Papier (PDF-Datei, 238 KB) beschreibt, wie sich die Grünen, bei einem Einzug in den Landtag, für ein Landesinformationsfreiheitsgesetz, eine Stärkung des Landesdatenschutzbeauftragten, Straßenlaternen und Streifenpolizisten statt Videokameras, ein Verbot der automatischen Kennzeichenerfassung, mehr Wahlfreiheit zugunsten von Open-Source-Software im öffentlichen Sektor und gegen Bildungsgebühren einsetzen werden.

Googles schlechteste Werbeanzeigen

Als Google diese Woche ankündigte, die Zielmechanismen der kontextabhängigen AdSense-Anzeigen (zur Begriffserklärung siehe linke Spalte, mittig) zu verbessern, klang das wie ein Eingeständnis: Unsere künstliche Werbeplatzierungsintelligenz ist manchmal ganz schön blöd. Stimmt, sagt Businessinsider.com, manchmal nicht nur blöd, sondern richtig schlecht. Eine Bildergalerie beweist es: Da rufen Anzeigen dazu auf, sich als Terrorist weiterbilden zu lassen, einem YouTube-Video, in dem Polizeibrutalität dargestellt wird, stellte AdSense eine Rekrutierungsanzeige der Polizei zur Seite, ein Artikel über eine Notlandung wird von einer Anzeige "Billig nach Australien fliegen" verziert.

Songs für Nerds

"You can leave your hat on", sang Randy Newman einmal und etwas später dann auch Joe Cocker. Die Mechanik des Songs kann man in Programmiersprachen-Slang so formulieren:

$(clothes).unload( function () { alert("Leave your hat on!"); } );

Solche "Songs in Code" fluten gerade die Twitter-Accounts vieler mehr oder minder originell popprogrammierender Nutzer. Besonders schön:

if( $you->cantTouchThis() ) { $hammer_time = TRUE; }

Die Twitter-Suche nach dem Hashtag # songsincode fördert viele Codierversuche zu Tage - aber Vorsicht: inzwischen nutzen Spammer das Tag.

Wahl zur binsesten Binse der Woche

Manchmal ist es einfach nur gut, wenn jemand mit Autorität etwas einfach mal gesagt hat. So wie bei empirischen Erkenntnissen der Klasse "Wer in der Dusche zu lange nach oben schaut, könnte ertrinken" oder "Zu langes Luftanhalten am Steuer gefährdet ihre Mitbürger und Mitbürgerinnen": die knackigen, gut servierbaren Botschaften mit Mehrwert im Alltag, die Unternehmen und Behörden so gern nutzen, um sich in die Presse zu bringen.

Nennen wir sie "Edelbinsen".

Die Kandidaten in dieser Woche: Die Sicherheitsexperten von Symantec und Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Sie verwöhnten die Welt mit folgenden inhaltsschweren Erkenntnissen:

  • Symantec entdeckte, dass Pornoseiten - man stelle sich vor: ausgerechnet Pornoseiten! - die Web-Seiten mit dem höchsten Viren-Infektionsrisiko sind. Gut, dass das mal jemand sagt: Millionen von Menschen vertrauen täglich darauf, dass Cyber- irgendwie doch Safer Sex ist. Völlig falsch, zumindest der Rechner wird krank. Hoffentlich forscht Symantec noch nach, ob denn auch ein Überspringen der Viren von Art zu Art möglich wäre. Nicht, dass uns nach der Schweine- auch noch eine Computergrippe droht.
  • Das Marktforschungsinstitut Dimap findet im Auftrag von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner heraus, dass ein Viertel der von der forschenden Firma befragten Unternehmen bei der Auswahl von Bewerbern gezielt Informationen aus dem Internet benutzt. Frau Aigner warnt deshalb: "Die unbekümmerte Preisgabe persönlicher Daten im Netz kann zum Stolperstein für die berufliche Karriere werden." Das, liebe Frau Aigner, hatte wirklich noch niemand auf dem Radar. Aber: Gilt das eigentlich nur für Daten, oder auch für Besäufnisbilder bei Flickr, die bei YouTube dokumentierte Weitpinkel-Meisterschaft letztes Wochenende und die liebevoll gestaltete Web-Seite "Zehn Gründe, warum mein letzter Arbeitgeber ein A******** ist"? Dimap, klären Sie das bitte!

Stimmen Sie ab: Den Vote zur "Edelbinse der Woche" finden Sie am linken Seitenrand.

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