Netzwelt-Ticker Hü und hott beim Filesharing

Juristische Verwirrung um Tauschbörsennutzer: Das Landgericht München schützt ihre Privatsphäre vor der Musikindustrie, das Landgericht Offenburg unterminiert sie. Außerdem im Überblick: Microsoft verschenkt USB-Schnüffelsticks an Polizisten.


Wie kommt die Musikindustrie an die Klarnamen der Nutzer von Tauschbörsen? Gar nicht so einfach. Derzeit ist der übliche Weg, wegen Urheberrechtsverletzung gegen Unbekannt Anzeige zu erstatten. Dann leitet die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein und fragen beim Internetprovider die Namen hinter den die IP-Adressen ab. Wenn die Staatsanwälte das Strafverfahren einstellen, geben sie den Vertretern der geschädigten Urheber die Ermittlungsergebnisse meist weiter, damit die zivilrechtlich Schadensersatz geltend machen können.

Kampagne gegen Raubkopierer: Verschiedene Gerichte, verschiedene Urteile

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Kompliziert, aber bislang erfolgreich. Nun aber hat das Landgericht München zivilrechtliche Ansprüche für so unbedeutend erklärt, dass dafür nicht beim Strafverfahren ermittelten Klarnamen herausgegeben werden müssen. Dieses Vorgehen stelle einen "erheblichen Eingriff" in die Privatsphäre dar - bei nur "fraglichen zivilrechtliche Ansprüchen", argumentieren die Richter.

Außerdem beweise eine ermittelte IP-Nummer noch keine strafrechtliche Verantwortung - im Strafrecht gelte immer noch die Unschuldsvermutung (Az.: 5 Qs 19/08).

So weit, so logisch.

Das Landgericht Offenburg hat eine andere Rechtsauffassung. Nach Ansicht der badischen Richter ist für die Ermittlung einer IP-Adresse und des dahinter steckenden Computers nicht einmal mehr eine richterliche Anordnung vonnöten (Az. 3 Qs 83/07). Das Landgericht argumentiert, dynamische IP-Adressen stellten keine Verkehrsdaten dar, sondern Bestandsdaten - für die gilt der Richtervorbehalt nicht.

Viel Verwirrung und eine Gewissheit: Wer in Tauschbörsen Raubkopien saugt und anbietet, bleibt nicht immer anonym.

USB-Schnüffelstick von Microsoft

In US-Medien macht derzeit eine süffige Geschichte der "Seattle Times" vom Dienstag die Runde. Es geht um einen USB-Stick, der angeblich von Microsoft produziert wird und der angeblich gut 150 gespeicherte Befehle enthält. An einen Rechner angedockt, durchforscht das Programm auf dem Stick laut Bericht alle Dateien, Passwörter und sonstige interessante Inhalte.

Microsoft soll das Schnüffelstöckchen mit dem schönen Namen "Computer Online Forensic Evidence Extractor", kurz "Cofee", gratis an Ermittlungsbehörden in aller Welt verteilt haben, unter anderem auch in Deutschland.

Befürchtungen, dass nun irgendwelche James-Bond-Trojaner zum Einsatz kommen, sind allerdings wohl doch übertrieben. Im Verlauf des Tages meldete sich Microsoft beim Autor des Zeitungsberichts und stellte klar, auf dem Cofee befänden sich lediglich schon zuvor bekannte Tools, die schon länger bei Ermittlungen verwendet würden. Die Zusammenstellung sei auf möglichst einfache Handhabung ausgerichtet, Schutzvorrichtungen wie die Windows Vista BitLocker-Verschlüsselung würden damit nicht umgangen.

Fehler bremsen Service Pack-Updates für Vista und XP aus

Das dritte Service Pack für Windows XP sollte eigentlich gestern ins offizielle Windows Update aufgenommen werden. Doch Privatkunden müssen noch ein bisschen warten . Man habe einen kleinen Fehler im Dynamics Retail Management System (RMS) gefunden, gibt Microsoft bekannt. Das nutzen zwar eigentlich nur kleinere Gewerbetreibende und keine Privatpersonen. Aber offensichtlich will man bei Microsoft auf Nummer sicher gehen. Von dem Problem ist auch das neue Betriebssystem Vista betroffen, das automatische Update auf das SP1 wurde ebenfalls deaktiviert.

Bundesnetzagentur gegen Telefon-Spam

Maßnahme gegen nervtötende Werbeanrufe: Die Bundesnetzagentur sperrte in der vergangenen Woche eine Reihe von 0137er-Nummern, von denen aus Telefonkunden immer wieder mit teuren Rückrufbitten genervt wurden.

Der Köder war das Versprechen kostenloser Stromlieferungen, man müsse nur zurückrufen. Wer das tat, hörte nur eine Bandansage, die zur Eingabe der Stromzählernummer ermunterte - sonst nichts. Bei jedem Anruf wurde eine Gebühr von einem Euro fällig. Welche 0137er-Nummern genau gesperrt wurden, ist in der entsprechenden Mitteilung der Agentur aufgelistet.

Google-Datenschützer fordert zu mehr Vorsicht auf

Der Suchmaschinenbetreiber und Datenvermarkter Google lebt von der Analyse des Such- und Surfverhaltens seiner Nutzer. Denn mit den Ergebnissen werden verhaltensabhängige Reklameschaltungen, sogenanntes "Behavioral Targeting" möglich.

Da verwundert es dann schon etwas, wenn Peter Fleischer, der Datenschützer der Firma, Internetsurfer auffordert, mehr auf ihre Privatsphäre zu achten. Vorhandene Datenschutzeinstellungen sollten Surfer auch nutzen, "denn dafür wurden sie gemacht", sagt Fleischer im "Zeit"-Interview.

Sci-Fi 2.0

Das "soziale" Web 2.0 inspiriert immer mehr branchenfremde Unternehmer, vom Community-Gedanken zu profitieren. Neustes Beispiel: Ein Filmproduzent, der einen Science-Fiction-Film ( "Artemis Eternal") produzieren will und dabei nicht nur auf öffentliche Spendensammlung zur Finanzierung setzt. Interessierte Firmen wie Privatpersonen können sich auch inhaltlich einbringen, obwohl genauere Details über die Story noch unbekannt sind.

Zur Eigenwerbung wurde ein Zwei-Minuten-Videoclip auf diversen Videoplattformen platziert, der aber anscheinend nicht bei allen Betrachtern zum gewünschten Effekt führt. Ein Leser ätzt in den Kommentaren des Blogs "Boingboing" : "Es nervt, einen Haufen weinerlicher Amateure, die noch nie einen Film gemacht haben, große Reden über die Fehler von Hollywood schwingen zu sehen und mit welchen bahnbrechenden Neuerungen man alles besser machen könnte."

Wenn sie schon dabei seien, so der Kommentar, dann sollten diese übriggebliebenen Dotcomblasen-Penner am besten auch noch gleich Tibet befreien und Aids heilen.

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