Netzwelt-Ticker Indiens digitaler Lauschangriff

Als Konsequenz der Terroranschläge in Mumbai will die indische Regierung eine umfassende Telefon- und Internetüberwachung einführen. Außerdem: Torrentseite Mininova.org gibt auf, der Friedhof der zurückgewiesenen iPhone-Programme, EU-Parlament warnt vor Data-Mining. Das und mehr im Überblick.
Hindu mit Handy: Indiens Regierung plant umfassendes Überwachungssystem

Hindu mit Handy: Indiens Regierung plant umfassendes Überwachungssystem

Foto: RUPAK DE CHOWDHURI/ REUTERS

Indien plant die Errichtung eines umfassenden Überwachungssystems  für Mobil- und Festnetztelefone und das Internet, schreibt der IDG News Service, und beruft sich dabei auf die Auskunft eines Ministers vor dem Oberhaus des indischen Parlaments. Das indische Recht erlaubt unter bestimmten Bedingungen einen Lauschangriff, etwa zur Abwehr von Terror.

Schon im Juni nächsten Jahres soll das Pilotprojekt des Centralized Monitoring Systems (CMS) aktiviert werden, sagte Gurudas Kamat, Staatsminister für Kommunikation und Informationstechnologie dem Oberhaus. Dieses System soll Sicherheitslücken im bestehenden Überwachungssystem stopfen, vor allem die vielfältigen manuellen Eingriffsmöglichkeiten. Das CMS sei so automatisiert, Funktionen so auf gesicherte elektronische Schaltungen beschränkt, dass Missbrauchmöglichkeiten minimiert würden. Zudem sei das System schneller als das alte: Überwachungsmaßnahmen mittels des CMS könnten sofort ergriffen werden, zentrale und regionale Datenbanken den Vollzugsbehörden vor Ort und auf Staatsebene bei der Überwachung helfen - und das alles ohne Einsicht und Unterstützung der Telekommunikationsunternehmen. Die über das CMS erhobenen Telefon-Daten sollen außerdem automatisch analysiert, Anruferdaten via Datamining angehäuft werden.

Das Ministerstatement zum CMS kommt pünktlich zum Jahrestag der Terrorattacken in Mumbai, zu dem sich die Terroristen angeblich allein über Internet und Mobiltelefonie verabredet hatten.

Ende 2008 verabschiedete das Unterhaus des indischen Parlaments den Information Technology (Amendment) Act 2008, welcher der Regierung erweiterte Überwachungsmöglichkeiten angesichts der neuen technologischer Möglichkeiten in die Hand legte. Dieser Cyberverbrechen-Zusatzartikel sorgte für viel Empörung unter Bürgerrechtlern, auch, weil er neben der Kommunikationsüberwachung die staatliche Zensur von Websites  ermöglicht. Bürgerrechtler monierten damals die Geheimniskrämerei um den Zusatzartikel, und dass die Überwachungsinstanz selbst keiner unabhängigen Kontrolle  unterliege.

Torrent-Suchmaschine Mininova.org gibt auf

Nach der Pirate Bay hat nun auch Mininova.org, angeblich "die größte Torrent-Website des Internets", fast alle Schotten dicht gemacht: Nur noch die im Rahmen des " Content Distribution Service " von kommerziellen Inhalte-Lieferanten veröffentlichten legitimen Torrents werden künftig über mininova.org angeboten. Mit diesem Schritt ziehen die Mininova-Gründer die Konsequenz aus dem verlorenen Prozess  mit der niederländischen Antipiraterie-Organisation BREIN. Die überzeugte ein Gericht in Utrecht davon, dass Mininova alle Urheberrechte-verletzenden Torrents löschen müsse. "Unglücklicherweise lässt uns dieses Urteil keine andere Wahl als unsere Plattform offline zu nehmen, bis auf den Content Distribution Service", schreiben die Gründer in ihrem Blog . Filtersysteme, die das Team in den letzten Monaten erprobte, sollten nicht zufriedenstellend funktioniert haben. Nachdem der richterlichen Anordnung zunächst Folge geleistet wurde, überlege man, in Berufung zu gehen.

iTunes LP und Extra für alle

Apple öffnet das iTunes-LP- und iTunes-Extra-Format allen iTunes-Anbietern, besonders unabhängige Filmstudios und Indielabels dürften davon profitieren - eine Anleitung  erklärt, wie. Noch im Oktober hieß es in Medienberichten, dass Apple diese beiden Bundle-Formate nur Majorlabels vorbehält, die außerdem 10.000 Dollar pro Veröffentlichung bezahlen müssten. Dazu sagte Apple damals: "Apple verlangt dafür keine Produktionsgebühren ." Allerdings unterliegen die neuen Formate trotzdem Beschränkungen: Noch läuft der Anmeldeprozess nicht automatisch, nicht jede Einreichung wird berücksichtigt. Noch im ersten Quartal 2010 will Apple diesen Mangel aber beheben.

Friedhof der zurückgewiesenen iPhone-Apps

Ein Grund für den kleine Aufruhr um iTunes LP und iTunes Extra ist der harsche und undurchsichtige Umgang Apples mit Programmen, die Drittanbieter in Apples Softwareladen App Store anbieten wollen. So ließ Apple etwa das iPhone-Programm des Onlinemagazins stern.de vorübergehend aus dem Laden schmeißen, weil es mit zu vielen Nacktfotos gegen Regeln des Konzerns verstieß. Die neue Website apprejections.com will nun mit einer Sammlung der von Apple zurückgewiesenen iPhone-Programme  auf den kritikwürdigen Bewerbungsprozess aufmerksam machen. "Wenn DEINE iPhone-App von Apple auf ungewöhnliche und unfaire Weise zurückgewiesen wurde, schreib darüber in deinem Blog, deinen Nachrichten, etc. und schick uns einen Link", heißt es auf der Website . Und so füllt sie sich nach und nach mit den Beschwerden frustrierter Entwickler - zuletzt hatte sogar der Apprejections.com-Initiator selbst eine Zurückweisung Apples  zu verkraften.

EU-Parlament warnt vor Data-Mining

Das Europaparlament hat sich in einer Stellungnahme zur EU-Sicherheitsstrategie  gegen den Ausbau verdachtsunabhängiger Data-Mining-Systeme zu Strafverfolgungszwecken ausgesprochen. Am Mittwoch verabschiedete das EU-Parlament mit großer Mehrheit diese Resolution zum Stockholmer Programm, das die Sicherheitsstrategie der EU für die kommenden fünf Jahre festlegt, schreibt die ORF Futurezone . Die Innenminister der Staaten setzten dazu verstärkt auf elektronischen Datenaustausch und umfassende Zugriffsrechte für die Strafverfolger auf EU-Datenbanken, die nicht zu Fahndungszwecken aufgebaut wurden, etwa die EU-Visadatenbanken.

Weiterhin fordert das EU-Parlament weltweite Datenschutz-Standards  fürs Internet, wie Heise.de berichtet. Dem Anstieg von Identitätsdiebstahl sei aber auch die Einrichtung eines Europäischen Gerichts für Cyberkriminalität  geschuldet, zusammen mit einer umfassenden EU-Strategie zur Bekämpfung der Cyberkriminalität in Zusammenarbeit mit Internetanbietern und Nutzerverbänden sowie die Schaffung einer EU-Anlaufstelle für die Opfer von Identitätsdiebstahl und Identitätsbetrug, heißt es in einer Pressemitteilung.

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