Netzwelt-Ticker Jimmy Wales ist nicht mehr gleicher als die anderen

Jimmy Wales zieht Konsequenzen aus Kritik an Löschungen in Porno-Affäre. Außerdem im Überblick: Erschreckende Sicherheitsmängel in Auto-Bordcomputern, Denic hat den Internetausfall analysiert und Kakerlaken aus dem Virtual-Reality-Helm sollen Psychologen helfen. Das und mehr im Überblick.

Jimmy Wales: Ab sofort nicht mehr der Steuermann, sondern eine Art oberster Aufsichtsrat der Wikipedia
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Jimmy Wales: Ab sofort nicht mehr der Steuermann, sondern eine Art oberster Aufsichtsrat der Wikipedia


Um die Wogen im Disput um angebliche Pornobilder in Wikipedia-Einträgen zu glätten, soll Jimmy Wales, Mitbegründer der Online-Enzyklopädie, einige Top-Privilegien aufgegeben haben, in der Wikipedia herrsche derzeit Führungschaos. Das zumindest berichtet das als Wikipedia-kritisch geltende amerikanische Nachrichtenangebot Fox News. Das hatte auch die ursprünglichen Vorwürfe wieder aufgewärmt - rund eine Woche, nachdem die Wogen eigentlich schon geglättet schienen, die meisten umstrittenen Abbildungen entfernt wurden.

Und zwar vom großen Gründer höchstpersönlich. Der war bis letzte Woche ein wenig gleicher als die anderen, genoss seit den Anfangstagen des Community-Lexikons erweiterte Rechte. Die gab er in der vergangenen Woche nach massiven Protesten aus Wikipedianer-Kreisen zunächst zeitweilig auf, um nun angeblich dauerhaft darauf zu verzichten. Demnach soll Wales, so Fox, "nach viel Druck von der Wikipedia-Community" seine höchstrangigen Änderungsvorrechte an Wikipedia und allen anderen Wikimedia-Projekten ganz offiziell aufgegeben haben.

Obwohl Wales in der Wikipedia-Mutterfirma Wikimedia Foundation bleibe, habe er nun nicht mehr das letzte Wort, wenn es um die Löschung von Dateien, die Entfernung von Administratoren, die Zuweisung von Projekten oder simple Artikel-Edits geht; Wales sei nunmehr ein normales Wikipedia-Mitglied.

Allein: Das stimmt so nicht ganz, sagen Wales und die Wikimedia Foundation in Briefen an CNet News und den Techcrunch-Blog. Wales habe vielmehr freiwillig seinen besonderen Gründerstatus abgelegt, der ihn über alle anderen User stellte. Mit diesem Schritt wolle Wales die Pornografie-Diskussionen in den sogenannten Wikimedia Commons im Gange halten. Trotzdem sei Wales noch der Boss. Das bestätigt er auch selbst, er bleibe in den großen Konflikten die höchste Instanz und habe noch immer das letzte Wort bei grundsätzlichen Entscheidungen. Halt nur nicht mehr per Knopfdruck im stillen Kämmerlein.

Forscher hacken Autos

Sicherheitsforscher der University of Washington und University of California-San Diego haben erschreckende Sicherheitsmängel in der Bordelektronik von vielen Autos festgestellt. Demnach könnten Hacker elektronisch in fahrende Autos einbrechen, die Bremsen stören, das Ausschalten des Motors verhindern, alle Türen verriegeln und die Fahrzeuggeschwindigkeit erhöhen. Darüber hinaus könnten sie das Radio manipulieren, die Heizung und die Klimaanlage verstellen - und die Hupe endlos hupen lassen.

Ein Horrorszenario, das an die Auto-Phantasmagorien "Speed" (mit Sandra Bullock) und "Herby" (mit Herby) erinnert. Den Forschern sei es sogar gelungen, den gehackten Autos mit einer untergejubelten Firmware bestimmtes Verhalten beizubringen, etwa den Scheibenwischer bei Geschwindigkeiten über 30 Stundenkilometer zu aktivieren. Allein die Steuerung der Lenkung war den Forschern vorenthalten - was sich ihren Aussagen zufolge aber mit modernen Einparkhilfen ändern könnte.

Denic hat Internetausfall analysiert

Die Denic hat die Ursache für den Rootserver-Ausfall am 12. Mai 2010 mitgeteilt: Schuld an den Internetproblemen am 12. Mai ab 13.30 war ein missratener Kopiervorgang sogenannter Zonendateien.

Die Denic aktualisiert alle zwei Stunden die Daten ihrer Nameserver, die IP-Adressen in Domain-Namen auflösen. Am 12. Mai kam es nach Denic-Angaben an zwölf der 16 Servicestandorten zu einer Panne, wodurch der Kopiervorgang unterbrochen wurde. Eine nicht vollständige Zonendatei führte schließlich zu den umfangreichen Problemen, die manchen Web-Diensten für Stunden Probleme machten.

Kakerlakenschreibtisch aus dem VR-Helm

Meint dieser Psychologe das ernst? Um Menschen mit Kakerlaken-Angst zu helfen, hat Richard N. Landers ein Augmented-Reality-System entwickelt, das einen Schreibtisch von einer virtuellen Kakerlakenschwemme heimsuchen lassen kann.

"Ganz richtig," schreibt Landers in einem Blog-Eintrag auf neoacademic.com, "sie sitzen an einem Schreibtisch, tragen einen Virtual-Reality-Helm und sehen dann, wie der Tisch, an dem sie sitzen, von Kakerlaken bedeckt ist". Das höre sich aber viel schlimmer an, als es tatsächlich ist, beschwichtigt Landers. Im Rahmen einer Expositionstherapie - bei der Patienten ihrem Angstauslöser offensiv ausgesetzt werden - könne der Therapeut die Zahl (und damit den Schrecken) der Kakerlaken feinsteuern, um den Patienten nach und nach an seine Grenzen und schließlich darüber hinaus führen zu können.

"New York Times" will Lesergeld

Im Januar 2011, so schreibt Fastcompany.com, wird auch die "New York Times" Bezahlschranken fürs Online-Angebot einrichten - allerdings intelligente. Heißt: Wer via Google auf einzelne Artikel stößt, werde "wohl niemals" zur Kasse gebeten. Betroffen sind nur Leser, die das Komplettangebot auf nytimes.com nutzen wollen. So wolle man verhindern, sagt "NYT"-Chefredakteur Bill Keller auf Mediamatters.org, dass der für Werbeanzeigen so relevante Publikumsverkehr abebbt. Oder simpler: Möglichst viele Leuten sollen auf NYT.com vorbeisurfen und Werbung sehen und möglichst viele davon auch noch für andere "NYT"-Angebote zahlen.

So löscht Facebook Mitglieder

Wie handhaben soziale Netzwerke eigentlich die Kontrolle ihrer Abermillionen Nutzer? Wie Readwriteweb herausgefunden haben will, überlässt etwa Facebook diese Aufgabe den über 400 Millionen Mitgliedern. Beschweren sich genügend Mitglieder über ein anderes Mitglied, wird dieses automatisch gelöscht. Zwar wehrt sich ein Facebook-Sprecher auf RWW gegen diese Darstellung - die Aussagen einer französischen Sprecherin und die Erfahrungen des mehrmals gesperrten RWW-Autors Fabrice Epelboin aber konterkarieren das Dementi.

Sollte tatsächlich eine geheime Massenabstimmung über das Aus eines Mitglieds entscheiden können, hat Facebook allen Grund, diesen Mechanismus zu verheimlichen, könnte er doch durch Massenaufrufe missbraucht werden: So ein digitaler Lynchmob könnte sich gezielt auf die Jagd nach ungeliebten Profilen machen und sie gleichsam aus dem sozialen Netz schießen.

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