Netzwelt-Ticker Staatsanwaltschaft wegen Tauschbörsen angezeigt

Der Münchner Anwalt Günter Freiherr von Gravenreuth will nicht dulden, dass die Wuppertaler Staatsanwaltschaft einfach so Massenklagen liegen lässt, Japan tut was gegen die Handysucht bei Jugendlichen, und der Atari-Gründer glaubt an das Ende der Spiele-Piraterie. Das und mehr im Überblick.


Filesharing: Anwalt Gravenreuth erstattet Anzeige gegen Staatsanwaltschaft

"Raubkopierer sind Verbrecher": Genau so geht die Entertainment-Branche gegen P2P-Nutzer vor. Nur die Wuppertaler Staatsanwaltschaft spielt nicht mit
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"Raubkopierer sind Verbrecher": Genau so geht die Entertainment-Branche gegen P2P-Nutzer vor. Nur die Wuppertaler Staatsanwaltschaft spielt nicht mit

Die Wuppertaler Staatsanwaltschaft weigert sich, den Massenanzeigen der Musik-, Film– und Pornoindustrie gegen Nutzer von illegalen Internet-Tauschbörsen nachzugehen, und wurde deswegen jetzt selbst angezeigt. Der Münchner Anwalt Günter Freiherr von Gravenreuth erstattete Anzeige wegen Strafvereitelung und Rechtsbeugung zunächst gegen anonym, faktisch gegen den Leitenden Oberstaatsanwalt Helmut Schoß.

In Wuppertal sieht man diesem Verfahren gelassen entgegen, man sei der Auffassung, dass die Gründe für die Ablehnung der Verfolgung "nach wie vor zutreffend" sind, so ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Die Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf, bei der die Anzeige einging, signalisiert zudem: Das Verfahren werde "mit hoher Wahrscheinlichkeit" eingestellt; die Wuppertaler hätten die Ablehnung ja nicht "aus dem hohlen Bauch heraus" entschieden, sondern rechtlich begründet. Dazu gebe es "prozessuale Anfechtmöglichkeiten", die sicherlich auch wahrgenommen würden, sagte ein Sprecher.

Einfach ausgedrückt: Rechtlich mag das umstritten sein, ein strafrechtlicher Vorwurf erwachse daraus aber nicht. Anwalt Gravenreuth sah das kommen, versteht seine Anzeige, die er schon im März angekündigt hatte, aber als "Schuss vor den Bug", damit Staatsanwaltschaften Massenanzeigen nicht per Rasenmäherprinzip stoppen. Gravenreuth: "Es hat mich schlicht und ergreifend geärgert."

Japan will Handy-Limits für Kinder

Die japanische Regierung fordert Eltern und Schulen auf, den Handykonsum ihrer Zöglinge zu kontrollieren. Ein Drittel der japanischen Sechstklässler haben ein Handy, 60 Prozent der Neuntklässler. Viele Schüler verbrächten Stunde um Stunde in Handychats, gerieten auf die schiefe Datenautobahn und litten unter anderen "negativen Auswirkungen" von Handy-Missbrauch, so ein Regierungsbeamter zu AP.

Die Initiative eines Regierungspanels zur Reform des Erziehungswesen fordert Handymacher außerdem dazu auf, Handys auf ihre Gesprächs– und GPS-Funktionen zu beschränken, um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten – auch aus der Ferne. Darüber hinaus sollen bessere Onlinefilter die Kinder im Internet schützen.

Atari-Gründer Bushnell: Chip gegen Spielpiraten

Für Nolan Bushnell ist der Kampf gegen die unerlaubte Vervielfältigung von Film und Musik praktisch verloren: "Wenn man es anschauen kann, wenn man es hören kann, dann kann man es auch kopieren."

Bei Spielen aber sähe das ganz anders aus. Auf einer Management-Konferenz sprach sich der Atari-Gründer für den Verschlüsselungschip TPM (Trusted Platform Module) aus. Da Spiele "so eng mit dem Programmier-Code verbandelt sind", seien sie nur schwer zu kopieren – wenn Spielefirmen sie an eine Computerhardware fesseln. Genau das soll TPM leisten.

Damit könne die Spielindustrie auch in Bereichen Fuß fassen, wo Piraterie ein erhebliches Problem sei. Gamesindustry.biz zitiert Bushnell: "Sobald TPM-Chips in genügend Systemen installiert sind, werden wir Einkünfte aus Asien und Indien sehen, also da, wo [der Spieleverkauf] früher unsinnig war." Außer auf dem Flohmarkt, aber nicht für die Firmen.

YouTube-Verfahren eine "Gefahr für die Online-Kommunikation"

Viacom verklagt YouTube auf eine Milliarde US-Dollar wegen Urheberrechtsverletzungen. YouTube-Inhaber Google sieht das als einen Angriff auf Hunderte Millionen Menschen, die im Internet "alle möglichen Informationen austauschen."

Viacom wirft YouTube vor, dass deren Nutzer unauthorisiert Kopien der Viacom-Sendungen von MTV, Comedy Central und Shows wie "The Daily Show with Jon Stewart" auf die Website laden und dort anderen anbieten. Das Internet habe zu einer "Explosion von Urheberrechtsverletzungen" durch YouTube und andere geführt.

Google kontert: "YouTube geht weit über das hinaus, was das Gesetz fordert, wenn es darum geht, Rechteinhaber beim Schutz ihrer Werke zu unterstützen." Wenn Firmen wie Viacom nun Internetanbieter und Website-Hoster für Internet-Kommunikation zur Rechenschaft ziehen wollten, dann "gefährde das, wie Hunderte Millionen Leute völlig legitim Informationen, Nachrichten, Unterhaltungsangebote und politische und künstlerische Ausdrucksformen austauschen."

Hinter den drohenden Worten, hinter der Klage steckt ein simples Problem: Im Internet können Leute plötzlich auf Wegen Geld verdienen, die anderen zuvor verschlossen waren. Und die wollen jetzt ran an die Honigtöpfe. Das ist legitim, gefährdet womöglich aber das Internet, wie es von so vielen geschätzt wird: als immenses Sammelsurium allen Wissens der Menschheit plus Pornografie.

Plattenindustrie: Klage gegen Allofmp3.com zurückgezogen

Mit großem Tamtam blies der Plattenfirmenverband RIAA letztes Jahr zum Angriff auf das russische Musik-Download-Portal Allofmp3.com. Doch die vier großen Plattenfirmen, die damals wegen Urheberrechtsverletzungen juristisch gegen das Angebot vorgingen, ziehen nun ihre Klage zurück.

Als Grund nannten sie der Nachrichtenseite Bloomberg: "Die Website funktioniert nicht mehr, betreibt keine Geschäfte mehr. Das Ergebnis einer erfolgreichen Anti-Piraterie-Initiative."Tatsächlich, vermutet Winfuture, dürften die Kläger aber wegen Mangel an Beweisen einen Rückzieher gemacht haben.

Der Besitzer des Angebots, Denis Kvasov, wurde schon im August 2007 von einem Moskauer Gericht freigesprochen - aus eben diesem Grund. Und nach Angaben des Anwalts der Allofmp3-Betreiberfirma MediaServices hatten die Musikfirmen das Verfahren ohnehin nie richtig auf den Weg gebracht. Ist auch gar nicht mehr nötig: Allofmp3.com ist heute nur mehr ein Blog zu Geschehnissen rund um Allofmp3.com, MediaServices betreibt längst den Allofmp3-Nachfolger MP3Sparks.com. Ein Album von Hansi Hinterseer gibt's da für nur 1,91 Euro – rechtliche Grundlage: ungewiss …

Werbeblocker für Schöngeister

Wer sich von Werbung gestört fühlt oder sein mangelndes Kunstwissen aufpolieren möchte, kann sich seit Kurzem "Add-Art" installieren. Das Plug-In für den Browser Firefox erkennt Werbebanner auf Websites und ersetzt sie automatisch durch moderne Kunst.

Add-Art: Kunst statt Werbung. Besser wäre ansprechende Werbung

Add-Art: Kunst statt Werbung. Besser wäre ansprechende Werbung

Das Prinzip, Internetwerbung zu blocken, ist nicht neu. Firefox bietet seit 2007 Erweiterungen wie "Adblock" an, um Werbung zu verdecken oder "Flashblock", bei dem die automatische Aktivierung von Flash-Elementen verhindert wird. Der Internet Explorer ist mit Pop-Up-Blockern seit 2002 dabei. Neu ist die Idee, die blockierte Fläche kreativ zu nutzen. Allerdings entsteht so auch kein völlig werbefreier Raum: Jedes Kunstwerk, das ein Werbebanner verdeckt, wirbt schließlich für seinen Schöpfer.

"Add-Art" funktioniert wie eine wechselnde Ausstellung. Alle 14 Tage werden die Kunstwerke ausgetauscht. Ein Kurator sucht nach zeitgenössischen Künstlern, die er zu einer Ausstellung zusammenstellt. Diese erscheint zwei Wochen lang als "Add-Art" statt der Werbung auf den Websites. Je nach Region kann der User sich "seine" Ausstellung kostenfrei abonnieren. Die erste "Add-Art" - Ausstellung zeigt allerdings keinen modernen Künstler, sondern die Werke des Japaners Hiroshige "One Hundred Famous Views of Edo" aus dem 19. Jahrhundert. Kurator ist das Brooklyn Museum in New York.

Hinter der Firefox-Erweiterung stehen Eyebeam-Development und Rhizome, Internetplattformen für zeitgenössische Künstler. Der führende Kopf hinter Add-Art ist Steve Lambert, Künstler und Gründer der "Anti-Advertising-Agency", einer Organisation, die sich vor allem gegen Werbung im öffentlichen Raum richtet.

Wir sind natürlich strikt dagegen: Werbung ist - egal, wie man es sieht - ein notwendiges Übel, das die meisten kostenfreien Angebote im Web finanziert. Ohne Werbung also keine qualitativ ansprechenden Angebote - bis hin zur Information über Add-Art.

ibl

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