Netzwelt-Ticker Stuttgart untersagt Computerspiele-Wettbewerb

Angesichts des Amoklaufs im baden-württembergischen Winnenden hat die Stadt Stuttgart ein für Freitag geplantes Computerspiel-Turnier untersagt. Außerdem im Überblick: US-Justizministerium findet hohe Schadensersatzsummen bei Filesharing gut und neuer Internet-Wurm brütet in Modems und Routern.


Die Stadt Stuttgart hat ein für diesen Freitag angekündigtes E-Sport-Turnier der ESL-Liga untersagt. "Angesichts der Ereignisse und des schrecklichen Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen", so der Stuttgarter Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) in einer Pressemitteilung, "können wir eine solche Veranstaltung derzeit in unserer Stadt nicht akzeptieren."

E-Sport-Event, hier ESL-Friday-Night im Oktober 2008 in Hamburg: PC-Spiel-Wettkämpfe sind Publikumsevents, bei denen regelrechte Stadionatmosphäre aufkommen kann
SPIEGEL ONLINE

E-Sport-Event, hier ESL-Friday-Night im Oktober 2008 in Hamburg: PC-Spiel-Wettkämpfe sind Publikumsevents, bei denen regelrechte Stadionatmosphäre aufkommen kann

Am Spielverbot habe aber auch der Veranstalter Turtle Entertainment Mitschuld. Der kam angeblich der Bitte nach einem pietätvollen Umgang mit dem Amoklauf nicht nach, wollte die Turnierspiele "Counter-Strike 1.6" und "Counter-Strike: Source" nicht durch harmlose Strategiespiele ersetzen. Für noch mehr schlechte Luft sorgte in Stuttgart auch ein Interview des "Stuttgarter Wochenblatts" mit dem Turtle-Sprecher und Jugendschutzbeauftragten Ibrahim Mazari. Der erklärte darin im Vorfeld der Spiele: "Der Ablauf wird wie gewohnt stattfinden. Eine Schweigeminute ist nicht geplant." Ein Zusammenhang zwischen Amoklauf und professionellem E-Sport bestehe "in keinster Weise".

Jörg Klopfer von der Stuttgarter Veranstaltungsgesellschaft "in.Stuttgart" wirft den Verantwortlichen des E-Sport-Turniers vor, mit einem abgeänderten Programm auch eine Chance verstreichen lassen zu haben, "zu zeigen, wie vielfältig die Computerspielwelt auch sein kann". Vorwürfe, einseitig gegen Computerspieler vorzugehen, will er nicht gelten lassen: Eine Waffenbörse in Sindelfingen habe man - nach juristischen Schritten der Betreiber unwirksam - versucht zu untersagen, eine für April anstehende Waffenbörse in Stuttgart werde hoffentlich auch nicht stattfinden, einige Waffenbesitzer hätten bereits ihre Waffen beim Land abgegeben.

Der Entschluss der Stuttgarter, das ESL-Turnier abzusagen, betrifft aber auch das Aufklärungsprojekt Eltern-Lan, an dem die Bundeszentrale für politische Bildung beteiligt ist. Inmitten der professionellen Turnierspieler hätten in Stuttgart besorgte Eltern die Chance gehabt, einmal selbst die Hand an die Maus zu legen und Renn-, Strategie- und Ballerspiele "im authentischen Game-Kontext" kennenzulernen, so Arno Busse von der BpB.

In einer im Internet veröffentlichten Stellungnahme widerspricht der Turnierveranstalter Turtle Entertainment der Darstellung seitens der Stadt Stuttgart: "Der Dialog über eine Verschiebung der Veranstaltung oder die Verwendung anderer Spiele wurde von der Stadt nicht gesucht, obwohl Turtle Entertainment jederzeit dialogbereit und lösungsorientiert war und ist. Wir bedauern die Absage, denn der Event und die vorgelagerte Eltern-Lan wären eine ideale Möglichkeit gewesen, sich differenziert mit dem Thema Computerspiele als Teil unserer heutigen Jugendkultur auseinanderzusetzen und die Mediennutzung junger Menschen zu thematisieren und zu diskutieren."

P2P-Klagen: US-Justiz hat kein Problem mit Supersummen

Die US-Justizbehörde mischt sich mit einem Kommentar in die Gerichtsverhandlung um den Studenten Joel Tenenbaum ein, dem vorgeworfen wird, sieben Songs in einer Internet-Tauschbörse angeboten zu haben. Pro Datei erwarten ihn Schadensersatzforderungen von 750 bis 150.000 Dollar - kann das noch rechtens sein?

Tenenbaum hat mit Charles Nesson, Professor der Harvard Law School (und dessen Studenten) potente Verteidiger gefunden, auch die Stiftung "Free Software Foundation" schlug sich mit einer Idee auf seine Seite, wie ein mögliches Urteil gegen Tenenbaum abgemildert werden könnte. Die Organisation wirft dem US-amerikanischen Verband der Musikindustrie (RIAA) vor, aus einem Zivilverfahren faktisch ein Kriminalverfahren zu stricken. Solche drastischen Geldstrafen - maximal eine über eine Million Dollar für sieben Songs, die im Online-Shop zusammen für unter sieben Dollar erhältlich wären - seien in einem Zivilverfahren schlicht obszön.

Das US-Justizministerium ist da anderer Meinung: Das Gericht solle die Interpretation der Verteidigung ignorieren, weil dessen Vorstellung weder vom Gesetz selbst noch von der "Geschichte des Urheberrechts her" gedeckt werden, zitiert Ars Technica aus einem Schreiben der Behörde. Das Ministerium begrüßt darüber hinaus sogar die hohen Strafen: Die ganze Öffentlichkeit leide unter den Filesharern, es gingen Jobs und Gehälter verloren, dem Staat Steuereinnahmen flöten. "Ehrliche Käufern von urheberrechtlich geschützten Werken" müssten am Ende draufzahlen.

Wurm brütet in Routern und Modems

Sicherheitsexperten haben ein gefährliches Stück Malware entdeckt, das haushaltsübliche Router und DSL-Modems in Zombisoldaten eines Botnets verwandelt. Dieser "psyb0t"-Wurm, angeblich der erste seiner Art, habe bereits mehr als hunderttausend Netzwerkgeräte befallen. Die Hacker hätten mit seiner Hilfe bereits Denial-Of-Service-Attacken (DoS) ausgeführt und angeblich sogar Zugangsdaten per Deep-Packet-Inspektion - einer Schnüffelmethode, die derweil als Blockade-Hilfsmittel im Kampf gegen Kinderpornografie diskutiert wird - aus den Datenströmen der nichtsahnenden Nutzer gefischt.

Ein Gutachten von DroneBL erklärt ( PDF-Datei, 147 KB), welche Hardware der Wurm befällt und warum er so gefährlich ist, dass "sofort Maßnahmen ergriffen werden müssen, um den Wurm daran zu hindern, noch viel größer zu werden".

YouTube-Aufruf: Hilfe, mein Vater ist arbeitslos

Per YouTube preist der 14-jährige US-Amerikaner Ben möglichen Arbeitgebern die Talente seines arbeitslosen Vaters Mark an. Das Ergebnis: Ein kitschig-süßer Videoclip, von dem sich innerhalb einer Woche schon 65.000 Menschen rühren ließen. "Er arbeitet viel, er ist kreativ, er kaufte mir ein Schlagzeug und macht gerne Feuer."

Seinen Lebenslauf hat Mark Gullett vorsorglich auf einer eigenen Website geparkt, es sollen schon erste Angebote eingegangen sein. Kein Wunder bei so vielen guten Argumenten für einen neuen Mitarbeiter: Der Gute ist übrigens Werbefachmann.

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