Netzwelt-Ticker US-Buchhandelsriese baut eigenen Lese-iPod

Mit Barnes & Noble mischt bald der größte US-Buchhändler auf dem Lesegeräte-Markt mit. Außerdem: Web-Erfinder Berners-Lee entschuldigt sich für Doppelstrich, UMTS-Anbieter manipulieren Daten, und T-Mobile verspricht Rettung aus dem Sidekick-Datendebakel. Das und mehr im Überblick.

AFP

Amazon und Sony bekommen noch mehr Konkurrenz für ihre E-Book-Reader: Jetzt steigt auch Barnes, der größte Buchhändler der USA, ins Geschäft um die elektronischen Lesegeräte ein und punktet - glaubt man dem Vorabbericht von Gizmodo - gleich auf zwei Feldern. Zum einen ist es ein technischer Zwitter: In den oberen vier Fünfteln des Bildschirms wird der Buchtext mit monochromer elektrischer Tinte angezeigt, im unteren Fünftel steckt ein farbiges Multitouch-Display à la iPhone. Elektronische Tinte ist auch bei direkter Sonneneinstrahlung noch gut zu lesen, die Touchscreen-Menüführung verspricht mehr Komfort als etwa Kindles Knöpfchen-Steuerung bieten kann.

Als Betriebssystem läuft Googles Android. Vor allem inhaltlich hat das Gerät aber etwas zu bieten: Es bedient sich am E-Buch-Shop, den B&N kürzlich eröffneten: Dort werden bis nächstes Jahr über eine Millionen E-Bücher angeboten - das ganze Verlagsprogramm und Hunderttausende Bücher der Public Domain, deren Digitalversionen B&N von Google übernimmt.

Viele der E-Bücher sind deshalb deutlich billiger als ihre Papier-Pendants: Sie kosten momentan zwischen 0,99 und 9,99 Dollar. Gizmodo warnt aber vor zu viel Vorfreude: Zum einen müsse sich erstmal im Test herausstellen, ob die Doppel-Display-Lösung überhaupt etwas taugt. Zum anderen, mehr dürfe man nicht verraten, trage das Gerät noch einen furchtbaren schlimmen Namen. All das wird aber am 20. Oktober gelüftet, wenn Barnes & Noble offiziell den Reader vorstellt.

WWW-Erfinder entschuldigt sich für "//"

Gespräche mit Tim Berners-Lee, dem Miterfinder des World Wide Webs (WWW), sind schnell und nicht linear, behauptet Steve Lohr, Bits-Blogger der "New York Times". Auf einem Kongress fragte er die Nerd-Legende, ob er, Berners-Lee, wenn er noch einmal die Chance dazu hätte, irgend etwas anders machen würde bei der Erfindung des Webs? Berners-Lee lächelte, eine Kleinigkeit gebe es doch. Am liebsten würde er dem Doppel-Schrägstrich in Web-Adressen den Gar aus machen. Das "//" zwischen "http:" und "www" sei dereinst vielleicht programmiertechnisch sinnvoll gewesen, habe aber heute keine Bedeutung mehr. Er wolle lieber gar nicht daran denken, wie viel Papier und wie viel Zeit weltweit damit verschwendet wurden, den Slash-Slash in den Web-Browser einzutippen.

Zum Glück aber haben die Browser in den letzten 500 Jahren Internet aber dazugelernt: Wer eine Web-Adresse eingibt, kann heute oft große Teile einer URL weglassen und immer noch auf der richtigen Seite landen. Zur Not hilft die automatisch Suchmaschine, die bei Fehleingaben in der Adresszeile einspringt.

Trafigura: Online-Wehr gegen Presse-Maulkorb

Irgendwann, lästert Alan Rusbridger von der britischen Tageszeitung "The Guardian", irgendwann werde "Trafigura" eine Unterrichtseinheit an Kaufmannsschulen sein. Trafigura, das ist die Handelsfirma, die mit Unterlassungsverfügungen, richterlichen Maulkörben, versuchte, die Berichterstattung über illegale Giftmüllentsorgung vor der Elfenbeinküste zu unterbinden. Der Schuss ging nach hinten los: Zwar durfte der "Guardian" zunächst nicht von einer Anhörung im britischen Parlament berichten, keine Namen, nicht mal das Thema nennen. Doch nach einem aufsehenerregenden Artikel - und einer Twitter-Nachricht eines "Guardian"-Autors - ging das Gezwitscher los: Unzählige Twitter-Nutzer und Blogger sammelten Links, Hintergründe, Namen, puzzelten und enthüllten - bis Trafigura, der Name der um Anonymität bemühten Firma, eines der in Europa meistgesuchten Twitter-Begriffe war.

Eine Stunde bevor der "Guardian" vor Gericht den Knebel anfechten wollte, schmiss Trafigura hin. Dieses Unternehmen, fasst Rusbridger zusammen, wollte sich Ruhe erkaufen und bekam massenhaft Aufmerksamkeit.

Das ganze Davor und Danach hat der "Guardian" in einem Themenspezial aufbereitet.

Internet per UMTS: Provider manipulieren Daten

Um etwas Bandbreite zu sparen, manipulieren deutsche UMTS-Provider Daten, die ihre Kunden aus dem Internet abrufen: Bilder werden kleingerechnet, Web-Code verändert, Javascript untergejubelt und IP-Adressen gefälscht. Laut ZDNet.de sind die UMTS-Zugänge von T-Mobile und Vodafone von der Manipulation betroffen. Für ZDNet ein Skandal: "Ein solches Verhalten eines Internetproviders ist nicht hinnehmbar und verstößt gegen das Fernmeldegeheimnis." Grundsätzlich sei gegen die Kompression von Bildern bei niedrigen Bandbreiten natürlich nichts einzuwenden. "Allerdings darf sie nicht zwangsweise vom Provider durch Fälschen von Web-Seiten erfolgen." Deshalb wünscht sich ZDNet.de freiwillige Einstellmöglichkeit - wie sie andere Anbieter anbieten: Per Web-Portal kann jeder Kunde selbst bestimmen, ob und wie sein Provider Daten verändern darf.

Netzagentur lehnt VDSL-Gebührenanträge der Telekom ab

Die Bundesnetzagentur hat die Gebührenanträge der Telekom zur Nutzung ihrer Rohre und ungenutzten Glasfaserleitungen abgelehnt. Eine Einigung der Telekom mit ihren Konkurrenten über den Preis, zu dem die Wettbewerber Schaltkästen, Rohre und ungenutzte Glasfaserleitungen des Ex-Monopolisten nutzen können, um selbst in VDSL zu investieren, war gescheitert.

Es gebe Mängeln in den Telekom-Anträgen, teilte die Behörde mit. Die Leistungen seien nicht ausreichend beschrieben gewesen. Die Wettbewerber kritisieren, dass es in den Anträgen der Telekom etwa an konkreten Bereitstellungsfristen gemangelt haben oder diese viel zu lang gewesen seien. Den geforderten Zugang zu den Schaltkästen an den Straßenrändern habe der Konzern gar nicht vorgesehen. Konkurrenten wären somit gezwungen, eigene Kabelschränke aufzustellen.

Die Telekom hat VDSL bislang in den 50 größten deutschen Städten selbst verlegt. Unternehmen wie Vodafone und United Internet mieten diese Leitungen. Mit einem eigenen Netz könnten die Konkurrenten diese monatlichen Gebühren jedoch sparen, um ihren eigenen Kunden VDSL anzubieten. (ore/Reuters)

T-Mobile verspricht Sidekick-Rettung

Nachdem T-Mobile spektakulär die Daten Tausender amerikanischer Sidekick-Kunden im Nirwana versenkt hat, heißt es jetzt: "Liebe T-Mobile Sidekick-Kunden, wir dürfen mitteilen, dass wir die meisten, wenn nicht alle Kundendaten, die von dem Ausfall neulich betroffen waren, wiederhergestellt haben." Schuld an dem Datenunglück war ein "Systemfehler, der Datenverlust in der zentralen Datenbank und im Backup verursachte". Das ist PR-Sprech für: Wir verraten nicht, was für ein Problem wir wirklich hatten. Längst wurden nämlich Gerücht bekannt, wonach sich die Sidekick-Probleme lange ankündigten: Katastrophale Fehlentscheidungen, sogar Sabotage rund um die Akquise der Mobilfunk-Firma Danger, die auch den Sidekick entwickelte, sollen den Datencrash begünstigt haben.

Was genau passierte, wird man aber vielleicht eh schon bald wissen - falls die zahlreichen Klagen, die erboste Sidekick-Kunden gegen T-Mobile eingereicht haben - erfolgreich sind. T-Mobile, so heißt es in den Anzeigen, habe das Problem ignoriert und falsche Angaben gemacht. Es geht, wie immer, um viel Schadensersatz.

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