Netzwelt-Ticker US-Buchhandelsriese verramscht E-Books

Der größte Buchhändler der USA steigt ins E-Buch-Geschäft ein und macht mit günstigen Preisen und einem großen Angebot Amazon ernsthaft Konkurrenz. Außerdem: Yahoo erfindet sich neu, Kazaa wurde wiedererweckt und die RIAA erklärt DRM für tot. Das und mehr im Überblick.


Amazons E-Buch-Angebot bekommt Konkurrenz: Barnes & Noble, der größte Buchhändler der Vereinigten Staaten, hat einen eigenen E-Buchhandel im Netz aufgemacht. Im Gegensatz zu Amazons Angebot setzt Barnes & Noble (B&N) allerdings nicht auch noch auf den Verkauf eines teuren E-Buch-Lesegeräts wie den Kindle. Wer einen iPod Touch oder ein Smartphone besitzt, kann sich dort kostenlos ein Programm herunterladen und damit Bücher kaufen und anzeigen.

Das Angebot hat es in sich: B&N bietet mehr als 700.000 digitale Titel an, nächstes Jahr sollen es schon mehr als eine Million E-Bücher sein, die zwischen 0,99 und 9,99 Dollar kosten. Über die Hälfte der aktuell erhältlichen Bücher sind Public-Domain-Werke, deren Digitalversionen B&N bei Google einkaufte, schreibt The Register.

Trotzdem hat Barnes & Noble es auf Amazons Kindle-Kuchen abgesehen: Wenn im nächsten Jahr das US-Unternehmen Plastic Logic ein eigenes Lesegerät auf den Markt bringt, das laut Cnet News größer und flacher als der Kindle sein soll, wird Barnes & Noble Exklusivpartner.

Für den Buchhändler ist der Handel mit digitalen Büchern nichts gänzlich Neues: Im Jahr 2000 beteiligte sich das Unternehmen an Stephen Kings erfolgreichem E-Buch-Experiment, konnte aber aus dem einmaligen Erfolg nicht viel herausholen. Wohl, weil niemand rohe Textdateien kaufen und zu Hause am Rechner mühsam lesen wollte, E-Buch-Lesegeräte waren damals eine teure, unpraktische Seltenheit. Der Bücherhändler gab das Experiment im September 2003 auf. Seitdem hat sich die Situation dramatisch verändert: Hochauflösende iPod- und Smartphone-Displays dienen heute schon vielen Menschen als mobiles Lesegerät, Kindle und Co. bieten den kleinen Buchstaben künftig noch mehr Platz.

Yahoo erfindet sich mal wieder neu

Web-Riese(ndinosaurier) Yahoo hat endlich ein altes Versprechen eingelöst und seine Startseite überarbeitet. Die Renovierungsarbeiten waren offenbar so erfolgreich, dass das "Wall Street Journal"-Blog "All Things Digital" trocken konstatiert: Und es ist gut. Yahoo.com ist einer der meistangesurften Orte im Internet.

Der damit einhergehenden Verantwortung - und Erfolgsverheißung - kommt Yahoo mit einem klareren Design, Personalisierungsmöglichkeiten und fluffiger Web-2.0-Sexyness nach. "Jeder Pixel auf der Website ist jetzt relevant", fabuliert Yahoo-Vizepräsident Tapan Bhat: Man habe eine Menge toter Pixel von der Seite entfernt, unnützes Web-Brachland wieder urbar gemacht. Yahoo-Surfer können nun Inhalte und Dienste anderer Websites in die Yahoo-Startseite integrieren, bei den "My Favorites" ihr Google-Mail-Konto überprüfen, Facebook-Nachrichten schreiben und -bei Flickr nach Bildern suchen. Noch kommen aber nur wenige Nutzer in den Genuss der neuen Yahoo-Seite: Zunächst die Briten, dann die Inder, dann Frankreich - der Rest der Welt muss sich bis nächstes Jahr gedulden.

Kazaa: P2P-Börse wiedererweckt

Kazaa macht den Napster und versucht sich als totlangweiliger Musik-Aboservice, lästert Ars Technica über die ehemalige Filesharing-Größe. Für 20 Dollar im Monat können - einzig und allein - Windows-Nutzer dort Musik herunterladen, die nur so lange haltbar ist, wie man Kazaa-Mitglied bleibt. Obwohl es "ansonsten nichts Interessantes" über das neue Angebot zu berichten gibt, schaut Ars Technica genau hin und stellt schon jetzt den erneuten Tod des frisch wiederbelebten Dienstes fest: Die alten Nutzer sind entweder immer noch Piraten oder Abonnenten eines anderen Musikdienstes - oder beides. Kazaa: Keine Chance.

One Laptop for Every Child

Zuletzt wurde es ein wenig still um Nicholas Negropontes "One Laptop per Child"-Projekt (OLPC). Doch jetzt sprach der Nerd-Idealist mit ZDNet Asia über den Erfolg als Glücksbringer für bereits 900.000 Kinder und als Inspiration für den neuen Netbook-Markt. Darüber, wie sich die Industrie gegen sein Vorhaben sträubte und woran das Projekt auch immer noch zu scheitern droht.

Microsoft schmust mit Linux

Microsoft steckt dem Linux-Projekt ein paar tausend Zeilen Programmcode zu, einfach so? "Die Hölle ist gefroren, das Meer hat sich geteilt", wundert sich etwa Jim Zemlin, der Chef der Linux Foundation.

Was steckt wirklich hinter der überraschenden Annäherung Microsofts an den Erzfeind Linux? Die Beyond-Binary-Bloggerin Ina Fried erklärt sich den "Microsoft Linux Code Shocker" so: Niemand bei Microsoft hat übers Wochenende schwere Kopfverletzungen erlitten. Bei dem Code-Angebot geht es natürlich weniger darum, Linux zu helfen, als die Position Microsofts zu stärken - indem Windows ein besserer Host für Linux wird.

Wie ist das zu verstehen? Microsoft gibt die alten Verdrängungskämpfe teilweise auf und bietet sich als gemachtes Nest für andere Betriebssysteme an. Fürderhin soll es nicht mehr heißen Windows oder Linux, sondern: Windows innerhalb von Linux oder Linux innerhalb von Windows. Zauberwort Virtualisierung.

Musikbranchenverband RIAA erklärt DRM für tot

Und noch eine Wundermeldung: Der Branchenverband der US-Musikindustrie RIAA ist laut Winfuture nun endgültig vom digitalen Rechtemanagement (DRM) abgerückt: "DRM ist tot, oder etwa nicht?", antwortete Jonathan Lamy, Chefpressesprecher des Verbandes, auf die Frage des SCMagazines zu seiner Haltung zum Kopierschutz. Damit dürfte diese Technologie ihren letzten Befürworter verloren haben, glaubt Winfuture. Denn auch die IFPI als internationaler Branchenverband habe längst eingesehen, dass DRM kein Kopieren verhindert, dafür aber normale Musiknutzung behindert und Kunden verärgert.

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